Süddeutsche Zeitung

Trainer beim FC Bayern:Wie die Bayern bei Tuchel scheiterten

  • Thomas Tuchel überrascht den FC Bayern mit der Aussage, dass er nicht Trainer der Münchner werden kann, weil er woanders im Wort stehe.
  • Die Bayern erwischt das einigermaßen unvorbereitet, da sie keinen Plan B haben.
  • Für die Münchner verläuft die Trainersuche damit weiterhin auf unangenehme Weise.

Vor einer Woche hörte Uli Hoeneß diesen einen Satz, den er nie hören wollte. Er wollte diesen Satz so wenig hören, dass er sich bereits erfolgreich eingebildet hatte, diesen Satz gebe es in der deutschen Sprache gar nicht. Anfang voriger Woche erfuhr er aber, dass es ihn doch gibt, diesen Satz. Er lautet: Uli, ich hör' auf.

Jupp Heynckes wird den FC Bayern im Sommer verlassen: Ja, Uli Hoeneß hat es tatsächlich geschafft, diese Selbstverständlichkeit in den Rang einer Nachricht zu erheben. Dass Heynckes, 72, nur hilfsweise in die Stadt kommt und sie nach erfolgreichem Notfalleinsatz auch gleich wieder verlässt, ist eigentlich von Anfang an der zentrale Bestandteil dieser Abmachung gewesen - aber dieses kleine Arrangement unter Freunden war am Ende so erfolgreich, dass Hoeneß erst leise und dann immer lauter um eine Fortsetzung warb.

Er warb so lange, bis daraus ein öffentliches Spektakel geworden war. Jede noch so winzige verbale Wendung wurde hin und her gewogen, mal hörte Heynckes auf, mal hörte er auffer oder am aufsten, und am Ende stand jede banale Pressekonferenz kurz davor, einen ARD-Brennpunkt nach sich zu ziehen: Huch, wie hat Heynckes diesen Satz nun wieder gemeint? Ist er amüsiert oder genervt? Oder fällt er um und unterschreibt einen neuen Fünfjahres-Vertrag?

Welcher Trainer jetzt kommt? In etwa sechs Wochen soll der neue Mann gefunden sein

Diese lange Vorgeschichte ist wichtig, um die kurze Geschichte der vergangenen Woche zu verstehen. Als Heynckes Anfang der Woche zu verstehen gab, dass er übrigens end-end-endgültig aufhöre, wurde es plötzlich hektisch im Verein. Der Trainer Thomas Tuchel erhielt aus München das Signal, dass man ihn am Freitag in vollständiger Entscheiderrunde zu sprechen gedenke - so begann eine spektakuläre Woche, in der gesprochen, geschrieben, gemailt, gesimst und ge-whatsappt wurde, dass es auf den zuständigen Datenautobahnen zugegangen sein muss wie auf dem Mittleren Ring in der Münchner Rush-hour.

Das Ergebnis dieser Woche klingt aus Münchner Sicht nun bedenklich unergiebig: Sie wissen jetzt, dass Tuchel, 44, sich bereits einem anderen Verein versprochen hat, einem internationalen Topklub, der nicht FC Bayern heißt - während der internationale Topklub, der FC Bayern heißt, im Moment ohne Trainer für die neue Saison da steht. Tuchel macht's nicht, Heynckes macht's nicht mehr - und so beginnt die Suche der Münchner nun Ende März tatsächlich von vorne. Beziehungsweise: Sie beginnt eigentlich überhaupt erst.

Wirklich gesucht haben Bayerns Bosse bisher ja nicht bzw. nur zum Teil: Klubchef Karl-Heinz Rummenigge und zuletzt auch Sportdirektor Hasan Salihamidzic haben ab und zu vorsichtige Blicke auf den Markt geworfen und seit Herbst auch losen bis sehr losen Kontakt zu Thomas Tuchel gehalten. Uli Hoeneß war dagegen ausdrücklich der Meinung, dass man bis zum Erlöschen des allerletzten Hoffnungsfünkchens auf Heynckes' Entscheidung warten müsse - und dass es den empfindsamen Jupp stören könnte, wenn man parallel mit anderen Menschen verhandele.

Tuchel war so etwas wie die Nebenbraut, die man sich ein bisschen warmhält für den Fall, dass die Gemahlin einen vielleicht doch verlässt - allerdings hat sich die Nebenbraut getraut, in der Zwischenzeit auf einem anderen Ball einen Anderen kennenzulernen. Und dann wurden die Bayern plötzlich brutal eifersüchtig, wie die Dynamik der abgelaufenen Woche beweist.

Als Tuchel vorige Woche das Signal aus München erhielt, hat er die Bayern nach SZ-Informationen von der veränderten Ausgangslage in Kenntnis setzen lassen; er hätte das grundsätzlich gerne gemacht, ließ er ausrichten, aber bevor die Bayern zu große Hoffnungen in das avisierte Freitagsgespräch setzten, wolle er sie doch wissen lassen: Er sei inzwischen vom Markt. Offenbar haben die Bayern dann, einigermaßen aufgeschreckt, am Donnerstag und Freitag versucht, Tuchel zu bearbeiten; erst mit Anrufen und SMS und am Freitag dann in jener Telefonkonferenz, die die Bayern eigentlich unter anderen Voraussetzungen arrangiert hatten.

Ursprünglich wollten Hoeneß, Rummenigge und Salihamidzic dem Trainer da offenbar mitteilen, dass sie jetzt alle - also: alle drei - bereit wären, mit ihm Verhandlungen zu führen. Stattdessen teilte ihnen Tuchel mit, was er am Vortag schon hatte ausrichten lassen: dass er inzwischen vergeben sei. Und dass es zu spät sei, ihn noch mal umzubiegen. Er stehe seit etwa zehn Tagen im Wort.

Es geht jetzt um die Deutungshoheit

Die Bayern wollen sich im Moment nicht offiziell äußern zur Trainerfrage, dennoch werden sie versuchen müssen, die Deutungshoheit in dieser Causa zurückzugewinnen. Sie kann ihnen ja nicht gefallen, die Version, die sich nun aufdrängt: die Version, wonach sie mehrere Monate entspannt Zeit gehabt hätten, um diesen begehrten Trainer für sich zu gewinnen, bevor sie am Ende unter Zuhilfenahme jeder verfügbaren Hektik dann doch zu spät gekommen sind. Einstweilen ist von den Bayern nur zu hören, sie hätten von Tuchel keine Absage kassiert - eine Version, die Tuchels Partei gewiss bestätigen würde. Um etwas abzusagen, müsste erst mal etwas auf dem Tisch liegen - da lag aber nichts. Es gab keinerlei Angebot, so weit waren die Parteien noch lange nicht. Und so weit werden sie nun auch nicht mehr kommen.

Ob die Bayern sich dramatisch verspekuliert und verpokert haben mit ihrer erkennbar vergeblichen Heynckes-Hingabe, oder ob Tuchel am Ende die Nerven verloren und woanders unterschrieben hat, wie die Bayern nun zu streuen versuchen: Es ist am Ende vielleicht auch Geschmackssache, welche Version der Geschichte man für glaubwürdiger hält. Stark zu vermuten ist: Thomas Tuchel findet die erste Version besser. Und Uli Hoeneß die zweite.

In Tuchels Lager geht man allerdings davon aus, dass allein der Name des neuen Vereins ausreichen wird, um die Trainerversion zu stützen. Es handelt sich offenbar um einen Klub, der auf gar keinen Fall nach Notlösung klingt. Um den reflexhaft herbeizitierten FC Arsenal handelt es sich nach SZ-Informationen auf keinen Fall, dort ist Arsène Wengers Zukunft weiter ungeklärt. Eine deutlichere Fährte führt zu Paris St. Germain, auch vom FC Chelsea, von Tottenham Hotspur und Real Madrid wird noch geraunt. Tuchel, so heißt es, werde einen Klub übernehmen, der jederzeit die Champions League gewinnen könne.

Wer die Bayern übernimmt, ist dagegen völlig offen. An diesem Montag wollen sich die Bosse wieder zusammensetzen und mit Namen spielen, in etwa sechs Wochen - so der interne Plan - sollte der neue Trainer feststehen. Alle interessanten Kandidaten stehen derzeit unter Vertrag, gehandelt werden weiter Niko Kovac, Ralph Hasenhüttl, Jürgen Klopp oder Lucien Favre. Immer noch gilt der Wunsch, einen deutschsprachigen Mann zu engagieren, aber ein Dogma ist das offenbar nicht mehr. Warum sollte man sich nicht mit dem Italiener Antonio Conte befassen, sollte der bei Chelsea frei werden? Ein auf seine spezielle Weise ebenfalls deutschsprachiger Kandidat stand und steht aber - entgegen anderer Gerüchte - nicht zur Debatte: Der Badener Jogi Löw, finden sie in München, sei doch ein ausgezeichneter Verbandstrainer.

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Quelle:
SZ vom 26.03.2018/jbe
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