LeichtathletikLangstreckenlauchs Lebenstraum

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Im Ziel nach 100 zehrenden Meilen: Adrian Koch.
Im Ziel nach 100 zehrenden Meilen: Adrian Koch. Adrian Niski/oh

Adrian Koch aus Garmisch-Partenkirchen trotzt Magenproblemen, Dehydrierung, Halluzinationen – und kommt beim Western States Endurance Run durch die USA nach 100 Meilen ins Ziel. Für die Vorbereitung blieben dem 24-Jährigen nur sechs Monate Zeit.

Von Nadine Regel

Die Nachricht kam im Dezember 2024: „Adrian Koch, freu dich auf deinen Urlaub in Kalifornien 2025.“ Für den 24-Jährigen, der seit 2023 in Garmisch-Partenkirchen lebt, kam sie völlig unerwartet: Er war einer der wenigen Glücklichen, deren Name bei der Lotterie des Western States Endurance Run gezogen wurde. Die Chance, einen Startplatz zu ergattern, lag bei 0,4 Prozent. Die Freude war riesig – doch genauso schnell kamen Zweifel. Sein Lebenstraum kam mindestens zwei Jahre zu früh, und über allem schwebte die Frage: „Wie soll ich das überhaupt schaffen – sowohl finanziell als auch körperlich“? Denn für die Vorbereitung auf eines der härtesten Ultrarennen der Welt blieben ihm nur sechs Monate Zeit.

Der Western States 100 ist ein legendäres Rennen: Es führt über 161 Kilometer quer durch die kalifornische Sierra Nevada – von den Bergen bei Olympic Valley bis hinunter nach Auburn, teils auf mehr als 2700 Metern Höhe. Die Strecke ist berüchtigt für ihre extreme Hitze mit bis zu 40 Grad, besonders in den tief eingeschnittenen Canyons. Jedes Jahr bewerben sich Tausende – aber nur 369 dürfen starten: 275 über das Losverfahren, der Rest über Top-Platzierungen bei weltweiten Qualifikationsrennen. Für das Rennen 2025 lagen mehr als 65 000 Lose im Topf.

Adrian Koch, der sich selbst Langstreckenlauch nennt, begann mit Straßenläufen und entdeckte 2019 das Trailrunning für sich, schon da wuchs der Wunsch in ihm heran, einmal am Western States teilzunehmen. Mit dem Umzug von Thüringen nach Garmisch-Partenkirchen 2023 – ursprünglich für ein Praktikum, mittlerweile schreibt er seine Diplomarbeit in einem Garmischer Unternehmen – wurde das Laufen endgültig zum Lebensmittelpunkt. Bei der Trailrunning-Gruppe „Nomads“ fand er sofort Anschluss, die wöchentlichen Läufe wurden sein sozialer Anker und sein großer Motivator. 2024 beendete er erstmals ein 100-Kilometer-Rennen beim Festival des Templiers in Frankreich – sein Los für den Western States.

Drei Tage brauchte er, um das Los anzunehmen, auch, weil ihm seine Familie, Freunde und seine Lauf-Clique in Garmisch Unterstützung zusagten. Ein Crowdfunding finanzierte ihm und seiner Crew die Reisekosten. Somit blieb nur noch eine Herausforderung: Wie bereitet man sich auf eine Hitze vor, die sich anfühlt, als würde man einen Backofen öffnen – nur dass einem die heiße Luft stundenlang entgegenschlägt? Bereits im Januar startete er mit dem Training auf der Indoor-Rolle im beheizten Zimmer, in Skiunterwäsche und Daunenjacke. Später folgten Saunaeinheiten und Hitzeläufe im Sommer. Und er tüftelte an speziellen Kühlstrategien – etwa ein selbstgenähtes Bandana, das er mit Eis füllte und sich um den Hals legte. „Am Ende war das Rennen nicht nur ein Lauf, sondern auch ein Kühl- und Verpflegungswettbewerb“, sagt er.

Pro Verpflegungsstation stehen rund sieben Pfund Eiswürfel je Läuferin und Läufer zur Verfügung. „Das hörte sich beim Laufen an, als hätte man Fußfesseln an“, sagt Koch. Besonders hier war er auf die Unterstützung seiner Crew angewiesen – darunter seine Eltern, die ihm neue Gels und Eis reichten, alles auf die Sekunde getaktet. „Die Aid-Stations funktionieren wie Boxenstopps in der Formel 1 – jede Verzögerung kann entscheidend sein“, sagt er.

Koch (vorne) hatte auf seinem Weg mit vielen Hindernissen zu kämpfen, auch mit Halluzinationen. Eine vorauslaufende Athletin hielt er gar für einen Totempfahl.
Koch (vorne) hatte auf seinem Weg mit vielen Hindernissen zu kämpfen, auch mit Halluzinationen. Eine vorauslaufende Athletin hielt er gar für einen Totempfahl. Adrian Niski/oh

Koch reiste frühzeitig nach Kalifornien, um sich zu akklimatisieren. Er lief mehrere Abschnitte der Originalstrecke ab, erkundete kritische Passagen und testete, wie sein Körper unter Extrembedingungen reagierte.

Am 28. Juni 2025 war es so weit. Der Startschuss fiel frühmorgens in Olympic Valley. Schon bald kämpfte Adrian Koch mit Magenproblemen, musste seine Ernährung umstellen und die Kohlenhydratzufuhr stark reduzieren. Hinzu kamen Erschöpfung, Dehydrierung – und Halluzinationen. Eine vorauslaufende Athletin hielt er für einen Totempfahl, er sah Brücken, wo keine waren. „Eine Freundin hatte mir geraten: Wenn die Hallus kommen, freunde dich einfach mit ihnen an“, erzählt er. Also nahm er es mit Humor. Nur als er fast auf eine echte Schlange trat und im ersten Moment nicht wusste, ob sie real war, erschrak er wirklich. Nach 80 Kilometern war die schlimmste Phase überstanden.

Ab Kilometer 100 durfte er von sogenannten Pacern begleitet werden – Läufern, die motivieren, navigieren, durch die Aid-Stations helfen und ans Essen erinnern. Gemeinsam erreichten sie schließlich das Ziel in Auburn. Ein Tipp eines erfahrenen Läufers hatte sich bewahrheitet: „Rechne unterwegs mit drei Problemen – und wenn sie kommen, hake sie ab und denke nicht mehr daran.“ Bei Koch waren es Magen, Hitze und Müdigkeit. Letztere bekämpfte er erfolgreich mit Koffeintabletten.

Nach 22:39:19 Stunden war es geschafft: Adrian Koch erreichte als 56. der 369 das Ziel, Platz 7 in der Altersklasse M18-29 und Platz 38 bei den Männern – und unter der magischen 24-Stunden-Marke. Beim Zieleinlauf hielt er die Fahne seiner Nomads-Community in die Luft – ein Gruß an seine Unterstützerinnen und Unterstützer in Oberbayern. Dafür gab es die silberne Buckle, die ikonische Gürtelschnalle für Finisher unter 24 Stunden. Die bronzene Schnalle gibt es bis 30 Stunden. Die Buckles gehen auf die Anfänge des Rennens 1974 zurück, das einst zu Pferd ausgetragen wurde.

Und auch wenn er sich am Ende, wie er sagt, „einen Zehennagel gegen die Buckle eingetauscht“ hat – für ihn war es das wert. Zu lange hatte Adrian Koch auf diesen Moment hingearbeitet. „Wenn du an den Start gehst und denkst, du schaffst das nicht – dann kannst du auch gleich wieder heimfahren“, sagt er. Die 100 Meilen erfordern nicht nur Ausdauer, sondern auch eine gewisse, fast „arrogante“ Selbstsicherheit. Und genau die trug ihn letztlich ins Ziel.

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