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Tragödie im Brüsseler Heysel-Stadion:Hölle von Block Z

Juventus v Napoli - Italian Serie A

Für immer unvergessen: Zuschauer in Turin erinnern mit Namensschildern an die Verstorbenen bei der Katastrophe vor 30 Jahren in Brüssel.

(Foto: REUTERS)

Vor 30 Jahre starben beim Europapokal-Finale im Brüsseler Heysel-Stadion 39 Fußballfans. Auf dem Rasen sollten sich der FC Liverpool und Juventus Turin begegnen. In italienischen Stadien werden die Opfer immer wieder verhöhnt.

Der Pfingstsamstag ist ein Festtag im Juventus Stadium in Turin. Die Mannschaft bestreitet das letzte Heimspiel der Saison, seit zwei Jahren ist sie zu Hause ungeschlagen und jetzt liegt sie in Führung gegen den SSC Neapel. Nach dem Schlusspfiff soll mit den Fans gefeiert werden: Juve hat neben dem vierten Meistertitel in Serie auch den Pokal gewonnen, die Stimmung im Stadium ist gelöst und heiter. Bis in der 39. Minute auf der Südtribüne ein Spruchband entrollt wird. "Plus 39" steht darauf. Und: "Rispetto", das italienische Wort für Respekt.

Stille kehrt ein, denn das übrige Publikum braucht einen Moment, um die Botschaft zu verstehen. Als dann auf der Tribüne unzählige weiße Namensschilder hochgehalten werden, erheben sich im Stadion die Zuschauer, viele mit Tränen in den Augen. Und applaudieren den 39 Opfern von Heysel. Plus 39 soll heißen: Diese Toten sind mitten unter uns. Auch 30 Jahre später, wenn Juve wieder ein Endspiel bestreitet, das Champions-League-Finale am 6. Juni in Berlin gegen den FC Barcelona.

Gedenken an die Heysel-Katastrophe

Als das Stadion zur Todesfalle wurde

Am 29. Mai 1985 wurde das Brüsseler Heysel-Stadion vor dem Landesmeister- Finale zwischen Juventus und dem FC Liverpool zum Schauplatz der schlimmsten Katastrophe des europäischen Fußballs. Ein Fußballfest geriet zum Alptraum, zu einem Massaker, bei dem 32 italienische Juve-Fans, vier Belgier, zwei Franzosen und ein Ire starben. Mehr als 400 weitere Menschen wurden verletzt, eine Generation blieb traumatisiert. Verantwortlich für die Tragödie waren englische Hooligans, die belgische Polizei und Funktionäre des europäischen Fußball-Verbandes Uefa.

Der Block Z, in dem sich die Opfer befanden, war eigentlich für "neutrale" belgische Zuschauer reserviert, weil er unmittelbar an die Zone der Liverpooler Fans grenzte. Doch die Belgier interessierten sich wenig für das Finale, die Italiener aber umso mehr. Die Tickets konnten sie ganz einfach im Reisebüro kaufen - es waren Eintrittskarten für die Hölle. Als die entfesselten Engländer den Block Z buchstäblich stürmten, gerieten die dort versammelten Fans in Panik. Beim Versuch zu fliehen, wurden sie totgetrampelt, zerquetscht, mussten qualvoll ersticken. Weitere Menschen starben, als sie gegen die Abgrenzung gedrückt wurden, die marode Betonmauer einstürzte und sie unter sich begrub.

Mischung aus Gewalt, Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit

Die belgische Polizei sah ohnmächtig zu. Bei diesem Finale waren Einheiten im Einsatz, die noch nie miteinander gearbeitet hatten. Für Block Z hatte die Einsatzleitung überhaupt nur sechs Ordnungshüter abgestellt. Doch in dem maroden Stadion hätte das Spiel erst gar nicht stattfinden dürfen. Die Uefa hatte es trotzdem dort ausrichten wollen, aus Rücksicht auf den Proporz, weil Brüssel halt mal dran war. Die Katastrophe von Heysel entsprang einer ungeheuerlichen Mischung aus Gewalt und Inkompetenz, einem unfassbaren Ausmaß an Verantwortungslosigkeit.

Andrea Lorentini verlor im Heysel-Stadion seinen Vater Roberto. 31 Jahre alt war der junge Arzt aus Arezzo und glühender Juventus-Fan. Zum Finale fuhr er mit einem Cousin und seinem Vater Otello, ihre Plätze befanden sich im Block Z. Als die Engländer losschlugen, gelang es den dreien, zu entkommen. Aber Roberto kehrte noch einmal zurück in das Inferno, man hatte ihn gerufen, um erste Hilfe zu leisten. Er beugte sich gerade über ein Kind, als die nächste Welle von Gewalt und Panik über ihn hereinbrach. Roberto Lorentini überlebte sie nicht. Nach seinem Tod wurde er vom italienischen Staat mit einem Verdienstorden ausgezeichnet.