Süddeutsche Zeitung

Fußball-Bundesliga:Die Angst der Traditionsvereine vor den Verdrängern

Von Frank Hellmann

Heribert Bruchhagen blickt aus seinem Büro in der Geschäftsstelle der Eintracht Frankfurt Fußball AG direkt auf den Rasen der Arena. Bei längeren Interviews gönnt sich der Vorstandschef auch gerne mehrere Zigarettenpausen, und irgendwann, wenn der Funktionär alter Schule so richtig ins Plaudern gekommen ist, kramt er Schwarz-Weiß-Fotos hervor, auf denen er selbst noch als Aktiver abgelichtet ist.

Lang, lang ist's her. Aufnahme aus den 70er Jahren, als Bruchhagen noch für DJK Gütersloh spielte. Zweite Bundesliga Nord. Gegner damals unter anderem: Bayer Leverkusen oder der VfL Wolfsburg. Die waren nicht viel besser oder schlechter als sein damaliger Verein.

Die Anekdote nimmt der mittlerweile 67-Jährige häufig zum Anlass, um auf einen aus seiner Sicht verfälschten Wettbewerb hinzuweisen. Die Existenzberechtigung der Werksvereine will Bruchhagen zwar nicht anzweifeln, aber für den ehemaligen DFL-Geschäftsführer waren beide in der Bundesliga oft nur die "Verdränger", zu denen sich 2008 auch noch die vom SAP-Milliardär Dietmar Hopp bis ganz nach oben gehievte TSG Hoffenheim gesellte. Im vergangenen Sommer kam im FC Ingolstadt zwar kein klassischer Werksklub hinzu, aber ohne die Unterstützung des Autobauers Audi wäre der Standort gewiss auch nicht erstklassig.

Schon in diesem Winter: Traditionsvereine in Abstiegskampf

Dafür tummeln sich im unteren Tabellendrittel nun vorrangig namhafte Vereine. Vor dem sich abzeichnenden Abstiegsdrama in der Rückrunde werden aus diesem Lager die Töne schärfer, die Bemerkungen spitzer. Zum Jahreswechsel hat Bruchhagen im Fachmagazin kicker erneut vor den "Strukturveränderungen" gewarnt.

Für einen Klub wie Eintracht Frankfurt - die Hessen überwintern mit 17 Punkten auf Rang 14 - werde es immer schwieriger, Kontinuität zu wahren, warnt Bruchhagen. "Ich prognostiziere, dass sich in fünf bis acht Jahren viele Traditionsvereine im Abstiegskampf befinden. Klubs, die ähnliche Voraussetzungen haben wie die Eintracht, zum Beispiel Köln, Berlin, Bremen, Hamburg, Stuttgart und Hannover."

Vielleicht ist die Anmerkung viel früher Makulatur: 96 überwintert gerade als Vorletzter (14 Punkte), Werder (15) auf dem Relegationsrang, punktgleich mit dem VfB (15). Die ehemaligen deutschen Meister Werder (2004) und Stuttgart (2007) müssen sich auf das Schlimmste gefasst machen, wenn die Aufsteiger SV Darmstadt 98 und FC Ingolstadt in der Rückrunde nicht einbrechen und Hoffenheim als Tabellenletzter noch die Kurve kriegt.

Wie hatte Bruchhagen schon im Frühjahr gelästert? "Die meisten Traditionsvereine können sich die Nase putzen und zwischen Platz acht und 18 spielen." Und bei einem Finanzgespräch im Sommer ließ er verlauten: "Es wird immer mehr eine Herausforderung, die Träume, Hoffnungen und Wünsche eines Umfelds zu bedienen." Weil die Erwartungshaltung schlicht nicht vereinbar mit der Realität ist.

Kaiserslautern als Warnung: Dauerhaft in der Versenkung

Erschwerend kommt hinzu, dass die zweite Liga nicht mehr als Gesundbrunnen taugt. Zu groß sind inzwischen die finanziellen Unterschiede: Wer absteigt, der verliert selbst beim direkten Wiederaufstieg mit den folgenden Einbußen beim Fernsehgeld summa summarum 30 Millionen Euro - so ging jedenfalls die Rechnung von Frankfurts Vorstandsmitglied Axel Hellmann nach dem Abstieg 2011. Alles auf die Karte Wiederaufstieg setzen, galt bei der Eintracht für die Saison 2011/2012 als oberste Prämisse. Wäre das nicht gelungen, hätte ein Schicksal wie dem 1. FC Kaiserslautern gedroht, nämlich dauerhaft in der Versenkung zu verschwinden.

Die meisten Abstiegskandidaten werden in der zweiten Transferperiode nun auch deshalb so umtriebig sein, weil in RB Leipzig der nächste fremdfinanzierte Verein ins Oberhaus drängt. Die Sachsen würden in der Bundesliga eher das Establishment angreifen als sich im Abstiegskampf einordnen. Der Brause-Ableger muss sich dafür heftiger Attacken erwehren.

Auf einer öffentlichen Diskussionsrunde am zweiten Spieltag lästerte Eintracht-Präsident Peter Fischer vor der Frankfurter Arena unverhohlen: "Mir kann doch keiner erzählen, dass die Spieler nach Leipzig gehen, weil dort die Luft so schön ist oder man auf deren Seen Wasserskifahren kann. Da geht es nur ums Geld." RB Leipzig sei eben "einer von diesen Dosen-und-Plastik-Vereinen. Wir als Eintracht Frankfurt haben da keine Chance. Das ist kein fairer Wettbewerb."

Leipzig hat Geld - und Rangnick

Bruchhagen äußert sich moderater, aber ähnlich: "Bei RB kommen zwei Dinge zusammen, die uns wehtun. Zum einen verfügt Leipzig über erhebliche Finanzmittel. Zum anderen hat der Klub in Ralf Rangnick eine Person, die es gut macht." Auch deswegen würde er förmlich spüren, "dass die 50+1-Regel in den kommenden Jahren stark Gegenstand der Diskussion sein wird."

Hannover 96 ist der Klub, der die so genannte 50+1-Regel - Kapitalanleger dürfen nicht die Stimmenmehrheit übernehmen - ab 2017 umgehen darf. Dann dürfen 96-Förderer, die seit mehr als 20 Jahren finanziell engagieren, weitere Anteile erwerben. Das hat Klubchef Martin Kind gegenüber der Deutschen Fußball Liga (DFL) durchgepaukt. Aktuell genügen in Hannover ein Budget von rund 80 Millionen Euro und Personalkosten von rund 35 Millionen Euro ebenso wenig für eine sorgenfreie Saison wie in Frankfurt der auf 38 Millionen Euro erhöhte Gehaltsetat und ein Umsatz jenseits der 100-Millionen-Marke.

In der Bankenstadt wurde deshalb am Heiligabend des Transfer des Mexikaners Marco Fabian verkündet, einen Tag vor Silvester die Verpflichtung des Ungarn Szabolcs Huszti. Das alles nur, um am Ende "drei Mannschaften hinter uns zu lassen", wie Trainer Armin Veh sagt. Sein Vorgänger Thomas Schaaf hat wiederum nun in der niedersächsischen Landeshauptstadt angeheuert, um den Abstieg abzuwenden. Nicht nur der Trainer wird in der Rückrunde neu sein, sondern ein halbes Dutzend neue Spieler sollen kommen, um den Kraftakt an der Leine irgendwie hinzubekommen.

Auch Klubs wie Stuttgart wollen sich für Investoren öffnen

Der Kampf um den Klassenerhalt ist auch für Schaafs Herzensverein Werder Bremen längst zum Alltag geworden. Die Hanseaten haben - teils selbstverschuldet - ansehen müssen, von der Konkurrenz rechts und links überholt zu werden. Der in den Liga-Vorstand aufgerückte Vorsitzende der Geschäftsführung Klaus Filbry betonte zwar oft genug, man dürfe sich "nicht in die Opferrolle begeben". Andererseits platzte es aus dem 48-Jährigen auf der Mitgliederversammlung heraus, als er konstatierte: "Können wir uns einem Mann unterwerfen wie Hoffenheim, der nicht nur gute Entscheidungen trifft? Oder können wir uns auch einen Finanzinvestor hereinholen? Dann werden wir auch zu einem Vitamin-B-Klub."

An der Weser werden sie nicht müde, jede Art von Fremdbestimmung abzulehnen. Auch Schulden sollen nicht gemacht werden. Aber welche Wahl bleibt vielleicht bald noch, wenn die wirtschaftliche Konsolidierung die sportliche Wettbewerbsfähigkeit infrage stellt?

Beim VfB Stuttgart wird zu Jahresanfang ein neuer Anlauf genommen, um den Bereich Profifußball in eine Tochtergesellschaft zu überführen. Die Ausgliederung ist die Basis dafür, um sich mit Hilfe von strategischen Partnern neue Geldgeber an die Seite zu holen. Maximal 24,9 Prozent der Anteile könnten an Kapitalgeber gehen - rund 75 Millionen Euro könnte das bringen.

Bei der Verteilung der TV-Gelder sollen auch die Quoten zählen

Die Furcht der Traditionsvereine, finanziell abgehängt zu werden, erklärt auch die leidenschaftlichen Streitigkeiten über die künftige Verteilung der Fernsehgelder. Hier hat sich hinter den Kulissen eine Fraktion der Traditionsvereine gebildet: Nicht allein sportlicher Erfolg soll ein Kriterium bei der Ausschüttung ein, sondern auch Anhängerzahl, Zuspruch, Beliebtheit oder Einschaltquoten herangezogen werden.

Das würde auch dem wichtigsten Finanzier der Liga gefallen. Nach SZ-Informationen haben hochrangige Vertreter des Bezahlsenders Sky erst kürzlich bei Vertretern der Traditionsvereine vorgesprochen. Und dargelegt, wie sehr die Refinanzierung ihrer Investitionen eben auch davon abhängt, dass der Bundesliga eine genügende Anzahl Klubs angehören, die ein großes Fanaufkommen besitzen. Weil nur so für das Bezahlfernsehen letztlich genügend Abonnements und Einzelbuchungen garantiert sind.

Frankfurt und Bremen sind in dieser Hinsicht eigentlich unverzichtbar. In der von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) miterhobenen Sky-Zuschauertabelle wären beide Vereine aller Abstiegssorgen ledig. Zur Halbzeit liegt Werder auf Rang sieben, Eintracht auf Platz acht. In der Abstiegszone finden sich hier wieder: Wolfsburg (13.), Leverkusen (14.), Hoffenheim (16.) und Ingolstadt (17.).

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Quelle:
SZ vom 03.01.2016/schma/tbr
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