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Traditionsklubs im Fußball:Eingeschlafene Riesen

VfB Stuttgart Antonio Rüdiger

Oft am Boden, auch ergebnistechnisch: Antonio Rüdiger und der VfB.

(Foto: AFP)

Es ist schwer, ein Traditionsklub zu sein. Nach vielen Fehlern dürfen sich Stuttgart, Hamburg, Nürnberg oder 1860 München nicht wundern, dass Werksklubs und putzige Phänomene vor ihnen stehen.

Kommentar von Christof Kneer

Der VfB Stuttgart, der gerade einen Nachfolger für den entlassenen Fredi Bobic sucht, hat bei seiner Suche ein Problem: den Hamburger SV. Der Markt der Sportdirektoren ist ohnehin nicht besonders groß, und in den vergangenen Wochen ist er weiter geschrumpft. Grund: Der HSV hat drei Sportdirektoren auf einmal verpflichtet.

Dietmar Beiersdorfer, Bernhard Peters, Peter Knäbel: Das waren Namen, die bisher bei fast jeder Suche aufgetaucht sind. Der HSV hat sich offenbar gedacht, dass es nicht schaden kann, wenn man sie einfach mal alle drei holt, und er hat dafür freundlicherweise Oliver Kreuzer auf den Markt entlassen, den der VfB Stuttgart trotzdem nicht holen wird. Ebenso wenig wie Kreuzers Vorgänger Frank Arnesen, ebenso wenig wie Arnesen Vorgänger Bastian Reinhard, ebenso wenig wie deren Vor-vor-und-noch-ein-paar-mehr-vorgänger Günter Netzer.

Der VfB und der HSV, der HSV und der VfB - beide Traditionsklubs haben zuletzt Mannschaftsbusse voller Sportdirektoren oder Trainer beschäftigt, und man darf anerkennend feststellen, dass so viel Kompetenz durchaus für Kontinuität gesorgt hat. Zuletzt wären beide fast abgestiegen, und jetzt sind sie schon wieder Siebzehnter und Achtzehnter.

Wobei: Wie viele Trainer und/oder Manager hatten zuletzt eigentlich der 1. FC Nürnberg und 1860 München?

Diese vier Klubs werden gerade wieder von ihren tagesaktuellen Dauerkrisen durchgeschüttelt, sie haben gerade Menschen entlassen oder entlassen demnächst welche, und natürlich konnte das alles nur passieren, weil diese Klubs ihre tagesaktuellen Dauerkrisen im Grunde gar nicht glauben können. Sie sind im tiefsten Innern überzeugt, dass sich putzige Phänomene wie Mainz oder Augsburg irgendwann wieder von selbst erledigen. "Schlafende Riesen" nennt der Fachjargon Klubs wie den VfB, den HSV, den Club oder 1860; passender wäre, sie "eingeschlafene Riesen" zu nennen.

Ungewollt liefern diese Vereine gerade einen Beitrag zur aktuellen Traditionsklubs-versus-Werksklubs-Debatte. Zwar haben die Traditionsklubs Recht mit der Unterstellung, dass sich Hoffenheim, Wolfsburg und Leipzig auf Dauer nur schwer halten lassen, weil sie Cristiano Ronaldo kaufen und Lionel Messi ein seriöses Angebot unterbreiten könnten; dass der HSV, der VfB, der Club und erst recht der TSV 1860 zuletzt aber Mannschaftsbusse voller Fehlentscheidungen getroffen haben, daran sind Dietmar Hopp, Martin Winterkorn und sogar Dietrich Mateschitz unschuldig.

Es ist nicht immer leicht, ein Traditionsklub zu sein. Überzogene Ansprüche, eitle Einflüsterer und finanzielle und atmosphärische Altlasten sind ein perfekter Nährboden für prächtig blühende Krisen, und wer da mit eigenen Fehlern nachdüngt, der hat sie in der Tabelle auf einmal alle vor sich: die Werksklubs und die putzigen Phänomene.

© SZ vom 26.09.2014
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