Süddeutsche Zeitung

Bundesliga:Stuttgart gegen Bremen - Duell der verarmten Adligen

Von Christof Kneer

Wenn man es sich genau überlegt, dann hat man schon länger keinen guten HSV-Witz gehört. Vor einem halben Jahr war der HSV ja noch das, was früher die Blondinen und noch davor die Ostfriesen waren, beim Stichwort "HSV" hatte eigentlich jeder einen Witz parat. Die Qualität der Witze war mitunter zweifelhaft, sie waren alle ähnlich gebaut und liefen auf Dilettantismus raus. Ein Witz ging so, dass man fragen musste, was der Unterschied zwischen Karstadt und dem HSV sei, und wenn der Gegenüber vorschriftsmäßig mit den Achseln zuckte, antwortete man: Beide sind erledigt, aber Karstadt hat immer noch die bessere Sportabteilung.

Der letzte HSV-Witz, an den man sich erinnert, war deutlich besser und viel lakonischer, aber dieser Witz hatte ein anderes Problem. Er war vollständig ernst gemeint. Der Witz ging so: Der HSV überlegt, den Vertrag mit seinem Trainer zu verlängern. Vor einem Jahr wäre das schon deshalb ein Brüller gewesen, weil keiner gewusst hätte, ob der in diesem Witz vorkommende Trainer gerade Slomka, van Marwijk, Veh, Fink oder Happel heißt. Heute heißt der Trainer Bruno Labbadia, und der HSV will den Vertrag wirklich verlängern.

Der HSV ist im Moment übrigens nur einen Sieg von einem Champions-League-Qualifikationsplatz entfernt. Auch das: kein schlechter Witz. Bloß halt auch wahr.

Dass über den HSV keiner mehr lacht, ist eine Sensation und bedeutet, dass für Werder Bremen und den VfB Stuttgart Gefahr im Verzug ist. Für die beiden ist es besonders bitter, dass ihr Standortvorteil "HSV" nun fürs Erste wegfällt. Wenn der VfB in den vergangenen Monaten und/oder Jahren mal wieder einen Trainer und/oder Manager unehrenhaft entfernen musste oder wenn Werder mal wieder einen Spieler gehen lassen musste und die entstandene Lücke mit einem Spieler füllte, den garantiert keiner wegkaufen wollte - dann war das nicht schön, dann haben die Fans gemurrt, gepfiffen und manchmal getobt. Aber auf dem Heimweg tröstete sie dieser Gedanke: So schlimm wie beim HSV ist's bei uns noch lang nicht. Auch wenn sie sich gerade beim VfB mitunter rührend Mühe gegeben haben, das HSV-Chaos möglichst detailgetreu nachzubauen: Sie haben's nicht geschafft.

Am Sonntag können die Witzbolde vom HSV nun recht beruhigt zuschauen, wie sich der VfB und Werder zum bewährten Krisengipfel treffen. Im Detail nehmen beide Klubs ihre eigenen Sorgen mit ins Spiel: Dem Tabellen-Siebzehnten aus Stuttgart fehlen die Stürmer Ginczek und Harnik sowie ein Cheftrainer, und abzuwarten bleibt, wie das zuletzt absurd treue Publikum die Elf nach jenem 0:4 gegen Augsburg empfängt, bei dem selbst die Treuesten vom Glauben abgefallen sind. Und auch der Tabellen-Fünfzehnte aus Bremen hat seine Fans zuletzt über ein menschlich verträgliches Maß hinaus verwundet: Nach dem finsteren 0:6 in Wolfsburg waren die Fans entschlossen zu verzeihen; aber das anschließende 1:3 gegen den nicht mehr lustigen HSV hat das 0:6 nachträglich in eine Art 0:12 verwandelt.

16,9 Millionen Euro

In vier Jahren dreimal Abstiegskampf: Die sportliche Krise hat beim Hamburger SV, dem einzigen Klub, der seit Anbeginn der Bundesliga durchgehend in der höchsten Fußball-Liga spielt, in der Bilanz tiefe Spuren hinterlassen: Im Geschäftsjahr 2014/2015 gab es einen Rekordverlust von 16,9 Millionen Euro. Damit schreibt der HSV eine unschöne Serie fort: 2011 lag das Defizit bei 4,9 Mio Euro, 2012 bei 6,6, 2013 bei 9,8 und 2014 bei 6,6.

Man habe in dieser Trainingswoche "intensiv gearbeitet", hat Werders Trainer Viktor Skripnik am Freitag mitgeteilt. Und Jürgen Kramny, der Kollege vom VfB, erklärte, wenn er am Sonntag "ins Stadion einlaufe", werde da "Freude pur sein".

Der aktuelle Interimstrainer Kramny und der einstige Interimstrainer Skripnik sitzen noch nicht lange auf einer Erstligabank, eine gute Woche der eine, ein gutes Jahr der andere, aber Krisen-PR haben sie im Schnelldurchlauf lernen müssen. Die übergeordnete Kellerrhetorik aber fällt ins Ressort der Sportchefs, die ebenfalls schnell gemerkt haben, wo sie gelandet sind. "Ich will die guten, alten Werder-Zeiten nicht wegwischen", sagt Thomas Eichin, der in Bremen seit Februar 2013 den Sport verantwortet, "aber man darf sie in der Gegenwart nicht zum Maßstab machen."

Wie Tanker, die vom Kurs abgekommen sind

Und Robin Dutt, der beim VfB seit Januar 2015 den Weg definiert, versucht den Leuten nach tagesaktuellen Debakeln immer zu erklären, "dass die Traditionsvereine nicht über Nacht da gelandet sind, wo sie jetzt stehen". Eichin und Dutt müssen zurzeit immer doppelt antworten, wenn sie gefragt werden. Sie müssen neutral die Abwärtsentwicklung der Vereine benennen; aber sie wollen auch ein bisschen parteiisch andeuten, dass nicht sie selbst am Anfang dieser Entwicklung standen. Das ist gar nicht so einfach: öffentlich auf Missstände zu verweisen, die (bei Werder) unter Schaaf und Allofs und (beim VfB) unter Hundt und Heldt und Bobic begannen, ohne die Namen Schaaf, Allofs, Hundt, Heldt und Bobic in den Mund zu nehmen.

Robin Dutt löst das Problem elegant, er sagt: "Bei den Traditionsklubs wird Kritik nie einzelnen Leuten gerecht. Man kann nie sagen, dass einzelne Leute den Verein da hin gebracht haben."

Jenseits der klubinternen Details fällt tatsächlich auf, wie sich die Wege gleichen. In Bremen und Stuttgart haben sie die Meistertitel 2004 bzw. 2007 genutzt, um in den folgenden Europacup-Jahren herrlich ihr Geld zu verbraten. Sie haben zahllose Millionen in Spieler gesteckt, die in Bremen Carlos Alberto, Wesley, Arnautovic oder Elia und in Stuttgart Kuzmanovic, Pogrebnjak oder Marica hießen. Gleichzeitig haben sie Spieler, die Özil, Mertesacker, Gomez oder Khedira hießen, verkauft, und die abenteuerlichen Einnahmen haben sie in abenteuerliche Ablösesummen und Gehälter für die neuen Spieler investiert; blöderweise haben die alten Spieler dann auch mehr verdienen wollen, und als die Ausgaben fürs ganze Unternehmen ins Obszöne geschossen waren, haben beide Klubs - noch mal blöderweise - die europäischen Wettbewerbe leider verpasst.

Was sie jetzt hatten, war: ein Kader, der auf Champions-League-Niveau verdient. Was sie nicht mehr hatten: einen Kader, der Champions League spielen kann.

"Es gibt in so einem Fall keine Alternative: Du musst runter von den Kosten", sagt Thomas Eichin, "und es ist klar, dass damit ein Verlust an Spielstärke einher geht." Eichin spricht von "drei Schritten", die er einleiten musste, "erst haben wir uns von allen Großverdienern getrennt, dann haben wir Spieler aus dem eigenen Nachwuchs herangeführt, und parallel versuchen wir, auf dem Markt ablösefreie Spieler zu finden, für die wir eine Fantasie entwickeln, die andere Klubs vielleicht nicht haben". Werder Bremen muss also eine Mainz-05-Politik betreiben, mit der lästigen Einschränkung, dass es Mainz 05 schon gibt. "Die meisten Klubs machen heute ja diese Art von Politik", sagt Robin Dutt, und so gibt es für begabte 20-Jährige zurzeit nicht rasend viele Gründe, in den Abstiegskampf nach Bremen oder Stuttgart zu wechseln, wenn man sich im ruhigen Mainz vielleicht viel besser für Leverkusen oder Schalke empfehlen kann.

Liga mit Neureichen und aufstrebendem Bürgertum

Es ist schön und auch schön schwer, ein Verein zu sein, für den früher mal Hansi Müller, die Förster-Buben, Klinsmann, Buchwald und Balakov gespielt haben (VfB) oder eben, bei Werder, Völler, Bratseth, Bode, Eilts und Micoud. An solchen Orten versteht es vielleicht der Kopf, keinesfalls aber der Bauch der Fans, dass der alte, verarmte Adel auf einmal nichts mehr gelten soll in einer veränderten Liga mit vielen Neureichen (Wolfsburg) und einem aufstrebenden Bürgertum (Mainz).

"Das Problem ist, dass die Leute oft Soforthilfe erwarten", sagt Dutt. "Aber der Weg nach unten war ein langer Prozess, also muss man davon ausgehen, dass der Rückweg nach oben auch dauert. Zumal man ehrlicherweise sagen muss, dass einem auf dem Rückweg natürlich auch Fehlentscheidungen unterlaufen - wie bei uns in der Trainerfrage." Dutt hatte den VfB Alexander Zorniger anvertraut, der sich als schwer kontrollierbares, schwäbisches Fundamentalischdle entpuppte.

Traditionsklubs seien "schwere Tanker", sagt Dutt, "und bis die Tanker mit all ihrem Ballast gewendet haben, sind die kleinen Schnellboote wie Mainz schon losgefahren". Aber wenn die Tanker dann mal Fahrt aufnehmen, davon ist er überzeugt, "dann liegen sie auch wieder vorn".

Am Sonntag gibt's jetzt also erst mal das Elefantenrennen, Stuttgart gegen Werder, und danach wird's noch mal ernst für den VfB. Es folgt das Auswärtsspiel in Mainz.

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