Bundesliga Stuttgart gegen Bremen - Duell der verarmten Adligen

Im November 1986 ein Top-Spiel: Jürgen Klinsmann (Mitte) verhilft seinem VfB Stuttgart mit zwei Treffern zu einem 4:0 gegen Werder Bremen.

(Foto: Rudel/imago)
Von Christof Kneer

Wenn man es sich genau überlegt, dann hat man schon länger keinen guten HSV-Witz gehört. Vor einem halben Jahr war der HSV ja noch das, was früher die Blondinen und noch davor die Ostfriesen waren, beim Stichwort "HSV" hatte eigentlich jeder einen Witz parat. Die Qualität der Witze war mitunter zweifelhaft, sie waren alle ähnlich gebaut und liefen auf Dilettantismus raus. Ein Witz ging so, dass man fragen musste, was der Unterschied zwischen Karstadt und dem HSV sei, und wenn der Gegenüber vorschriftsmäßig mit den Achseln zuckte, antwortete man: Beide sind erledigt, aber Karstadt hat immer noch die bessere Sportabteilung.

Der letzte HSV-Witz, an den man sich erinnert, war deutlich besser und viel lakonischer, aber dieser Witz hatte ein anderes Problem. Er war vollständig ernst gemeint. Der Witz ging so: Der HSV überlegt, den Vertrag mit seinem Trainer zu verlängern. Vor einem Jahr wäre das schon deshalb ein Brüller gewesen, weil keiner gewusst hätte, ob der in diesem Witz vorkommende Trainer gerade Slomka, van Marwijk, Veh, Fink oder Happel heißt. Heute heißt der Trainer Bruno Labbadia, und der HSV will den Vertrag wirklich verlängern.

Der HSV ist im Moment übrigens nur einen Sieg von einem Champions-League-Qualifikationsplatz entfernt. Auch das: kein schlechter Witz. Bloß halt auch wahr.

Dass über den HSV keiner mehr lacht, ist eine Sensation und bedeutet, dass für Werder Bremen und den VfB Stuttgart Gefahr im Verzug ist. Für die beiden ist es besonders bitter, dass ihr Standortvorteil "HSV" nun fürs Erste wegfällt. Wenn der VfB in den vergangenen Monaten und/oder Jahren mal wieder einen Trainer und/oder Manager unehrenhaft entfernen musste oder wenn Werder mal wieder einen Spieler gehen lassen musste und die entstandene Lücke mit einem Spieler füllte, den garantiert keiner wegkaufen wollte - dann war das nicht schön, dann haben die Fans gemurrt, gepfiffen und manchmal getobt. Aber auf dem Heimweg tröstete sie dieser Gedanke: So schlimm wie beim HSV ist's bei uns noch lang nicht. Auch wenn sie sich gerade beim VfB mitunter rührend Mühe gegeben haben, das HSV-Chaos möglichst detailgetreu nachzubauen: Sie haben's nicht geschafft.

Am Sonntag können die Witzbolde vom HSV nun recht beruhigt zuschauen, wie sich der VfB und Werder zum bewährten Krisengipfel treffen. Im Detail nehmen beide Klubs ihre eigenen Sorgen mit ins Spiel: Dem Tabellen-Siebzehnten aus Stuttgart fehlen die Stürmer Ginczek und Harnik sowie ein Cheftrainer, und abzuwarten bleibt, wie das zuletzt absurd treue Publikum die Elf nach jenem 0:4 gegen Augsburg empfängt, bei dem selbst die Treuesten vom Glauben abgefallen sind. Und auch der Tabellen-Fünfzehnte aus Bremen hat seine Fans zuletzt über ein menschlich verträgliches Maß hinaus verwundet: Nach dem finsteren 0:6 in Wolfsburg waren die Fans entschlossen zu verzeihen; aber das anschließende 1:3 gegen den nicht mehr lustigen HSV hat das 0:6 nachträglich in eine Art 0:12 verwandelt.

16,9 Millionen Euro

In vier Jahren dreimal Abstiegskampf: Die sportliche Krise hat beim Hamburger SV, dem einzigen Klub, der seit Anbeginn der Bundesliga durchgehend in der höchsten Fußball-Liga spielt, in der Bilanz tiefe Spuren hinterlassen: Im Geschäftsjahr 2014/2015 gab es einen Rekordverlust von 16,9 Millionen Euro. Damit schreibt der HSV eine unschöne Serie fort: 2011 lag das Defizit bei 4,9 Mio Euro, 2012 bei 6,6, 2013 bei 9,8 und 2014 bei 6,6.

Man habe in dieser Trainingswoche "intensiv gearbeitet", hat Werders Trainer Viktor Skripnik am Freitag mitgeteilt. Und Jürgen Kramny, der Kollege vom VfB, erklärte, wenn er am Sonntag "ins Stadion einlaufe", werde da "Freude pur sein".

Der aktuelle Interimstrainer Kramny und der einstige Interimstrainer Skripnik sitzen noch nicht lange auf einer Erstligabank, eine gute Woche der eine, ein gutes Jahr der andere, aber Krisen-PR haben sie im Schnelldurchlauf lernen müssen. Die übergeordnete Kellerrhetorik aber fällt ins Ressort der Sportchefs, die ebenfalls schnell gemerkt haben, wo sie gelandet sind. "Ich will die guten, alten Werder-Zeiten nicht wegwischen", sagt Thomas Eichin, der in Bremen seit Februar 2013 den Sport verantwortet, "aber man darf sie in der Gegenwart nicht zum Maßstab machen."