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Tournee im Fernsehen:Dreikönig heißt jetzt 7. Januar

Vor dem Ende des einträglichen TV-Vertrags mit Privatsender RTL spielt die Tournee mit ihrer Tradition, um dem Fernsehen zu gefallen.

Fortschritt heißt auch, nicht alles dem Fortschritt zu unterwerfen, findet Hans Ostler aus Garmisch-Partenkirchen, dem normalerweise nichts Neues fremd ist. Unter ihm als Präsident hat sich die Vierschanzentournee vor fast 20 Jahren dem Kommerz geöffnet. Heute ist Ostler 81, Tournee-Ehrenpräsident, und mahnt immer noch kraftvoll, sich bloß nicht dem Stillstand zu ergeben, damit die Tournee weiterhin Maßstäbe setzt im Wettkampfgeschehen der Skispringer.

Will angreifen: Martin Schmitt.

(Foto: Foto: dpa)

Ihm kann also keiner erzählen, er sei einer von gestern. Es ist nur so, dass er Grenzen kennt, und diese Grenzen beginnen dort, wo die Veränderung aufhört, den wichtigsten Motor der Tournee zu bewahren: ihre Tradition. Dieses Jahr ist ihm die Veränderung zu weit gegangen: Das Finale von Bischofshofen, das seit 31 Jahren nach den Etappen Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Innsbruck immer am 6. Januar stattfand und deswegen auch Dreikönigsspringen heißt, findet heuer am 7. Januar statt. ,,Mir persönlich gefällt das nicht'', sagt Hans Ostler streng, ,,weil das Tradition ist''''

Der Grund für den Bruch ist einfach: Das Fernsehen, vor allem der Privatsender RTL, wollte Qualifikation und Wettkampf von Bischofshofen am Wochenende übertragen, weil das bessere Quoten verspricht.

Und dass die ehrenamtlichen Tournee-Organisatoren um Präsident Claus-Peter Horle aus Oberstdorf die Vereinbarung zwischen TV und Ski-Verbänden leise grollend hinnahmen, deutet darauf hin, dass man dem Fernsehen gerade dieses Jahr nicht zu viel Ärger machen will. Denn es ist die letzte Tournee, bevor im November 2007 der Vertrag des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) mit RTL ausläuft, der dem DSV seit 2000 rund hundert Millionen Euro brachte und auch die Budgets der veranstaltenden Vereine fütterte.

Welcher Ausländer gewinnt, muss den deutschen Tournee-Betreibern deshalb weniger wichtig sein als die Entscheidung, die 2007 intensiv verhandelt wird. Bleibt RTL als kreativer Skisprung-Promoter? Kommt die ARD? Wie viel Geld bringt der neue Fernsehvertrag? ,,Das wird sicherlich relativ spannend, weil sich das auf unseren Etat niederschlägt'', sagt Claus-Peter Horle.

Das Ende der Tournee sieht deswegen niemand aufziehen. Horle, Ostler und die anderen Vertreter der Organisationskomitees (OK) glauben an die Kraft ihrer Serie. In Österreich hoffen die Veranstalter nach den jüngsten Weltcup-Siegen des 16-jährigen Stamsers Gregor Schlierenzauer sogar auf besonders viel Zuspruch. Und auch die professionellen Verwalter des Kommerzes wollen das ,,Produkt'', wie die Tournee bei ihnen auch heißt, nicht durch Klagen schwächen.

DSV-Marketing-Direktor Thomas Mayr sieht die Tournee in einem ,,sehr ruhigen Fahrwasser''. Den Vertrag mit der Agentur IMG, dem langjährigen Tournee-Vermarkter, habe man erst im Sommer vorzeitig bis 2010 verlängert. Und bei IMG sagt Geschäftsführer Christian Pirzer: ,,Es gibt kein Schreckgespenst, das da draußen rumhängt.'' Für dieses Jahr ist die Sponsorensituation entspannt, die Tournee ist ausgebucht. ,,Wir stehen supersolide da'', sagt Pirzer, ,,minimal unter dem finanziellen Niveau des letzten Jahres.'' Dass die Tournee in Deutschland zur Zeit keine problemfreie Zone ist, klingt eher nebenbei an. ,,Wir haben aktuell noch viele alte Verträge, die uns Stabilität geben'', sagt Pirzer: ,,Interessant wird es nächstes Jahr, da laufen viele Verträge aus.'' Und so entschieden, wie er kurz darauf über den Abschwung der DSV-Springer nach den fetten Jahren der Schmitt/Hannawald-Euphorie zürnt (,,Ich sehe zu wenig Aktion''), hat man schon den Eindruck, dass er nicht ohne Sorge in die Zukunft blickt.

Was den TV-Vertrag angeht, bringt sich RTL in Position. Nach den Quoten-Verlusten der jüngsten Tournee-Übertragungen sagt Sportchef Manfred Loppe: ,,RTL steht wie vereinbart zu Gesprächen zur Verfügung. Das ist unser Signal. Allerdings wissen beide Seiten, dass sich die Verhandlungssituation grundlegend geändert hat. Die Lizenzsummen, die einmal gezahlt worden sind, werden sich erheblich ändern. Man muss das Produkt letztlich messen an der Qualität, die es bringt, und an dem Zuspruch, den es generiert. Da ist die Entwicklung sehr eindeutig.'' Also: Wenn überhaupt, will RTL die Rechte billiger.

Und auch die Organisatoren haben ihre Mühe. In Oberstdorf hat der Skiclub die Ausrichtung des Schattenberg-Springens der nach der Ski-Nordisch-WM 2005 gegründeten Skisport- und Veranstaltung GmbH mit ihren hauptamtlichen Mitarbeitern überantwortet. Das zeigt, dass die ehrenamtliche Ebene beginnt, ihre Rolle im Tournee-Geschäft zu überdenken. Gleichzeitig kommt Präsident Horle aber weiterhin nicht ohne ehrenamtliche Vereinshelfer aus und fürchtet leise, dass die GmbH sie von ihrer Aufgabe entfremdet. ,,Es läuft besser, als ich angenommen habe'', sagt Horle. Aber die Zukunft kommt ja erst noch.

Und dann ist da noch der ewige Konflikt der Orte mit den ereignisfernen Tournee-Verkäufern. Die OKs sehen sich zu sehr als Befehlsempfänger von Verbänden, Agenturen und Fernsehen. Sie würden manchen Einwand aus der Praxis gerne klarer vorbringen können. ,,Die Organisatoren müssen bei den Verhandlungen dabei sein'', findet Ostler. Die Meinung teilt offenbar die gesamte Tournee-leitung, ,,aber das'', sagt Claus-Peter Horle, ,,wird seitens der Vertragsverhandler ein bisschen abgeblockt.'' Vermutlich aus gutem Grund. Die Veranstalter können nämlich auch streiten. Zum Beispiel über quotenfreundliche Terminänderungen, die nicht zur Tradition der Tournee passen.