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Tour de France:Schlechte Zeiten für Muskelpakete

Der Allrounder jubelt, der Sprinter guckt: Bei der Ankunft in Albi hat der Belgier Wout Van Aert (Mitte) die besseren Beine, der italienische Spurtspezialist Elia Viviani (rechts) verbrauchte zuvor seine Kräfte im Dienste der Mannschaft.

(Foto: Marco Bertorello/AFP)
  • Die Sprinter stehen bei der Tour de France vor einer speziellen Herausforderung. Denn der Parcours ist ganz auf die Kletterer zugeschnitten.
  • Selbst von den sieben als flach eingestuften Abschnitten sind manche recht hügelig oder mit einer ansteigenden Zielgeraden versehen.
  • Als Mittel gegen den eintönigen Ablauf vieler Flachetappen wirkt die veränderte Strecken-Planung.
  • Sie hat auch Folgen für die Aufstellung der Teams. Es sind kaum noch Muskelpakete wie André Greipel oder Dylan Groenewegen am Start.

Zu Wochenbeginn hat Marcel Kittel der Tour de France einen Kurzbesuch abgestattet. Fast schon in Urlaubsstimmung wirkte er da, wie er im Zielbereich umherschlenderte, weißes Hemd, Sonnenbrille, die blonden Haare perfekt frisiert. Ein Gruß an alte Weggefährten hier, ein Experten-Kommentar fürs TV da - Kittel vermittelte den Eindruck, mit sich im Reinen zu sein. Der 31-Jährige ist der erfolgreichste deutsche Tour-Sprinter der vergangenen Jahre, 14 Etappen gewann er, aber diesmal ist er nicht dabei. Sein Vertrag mit dem Team Katjuscha ist nach einer schweren Phase aufgelöst worden; wie es mit ihm weitergeht, ist noch unklar. Aber er verfolgt natürlich intensiv, was seine Fachkollegen gerade so abliefern.

Die Szene der schnellen Männer steht bei dieser Rundfahrt vor einer speziellen Herausforderung. Ein bisschen müssen sich die Sprinter - vor allem die ganz klassischen, die nur schwer über die Berge kommen, sondern auf den letzten Metern der Etappe ihre gewaltigen Kräfte ausspielen - dabei wie die Stiefkinder der Tour vorkommen. Der Parcours ist ganz auf die Kletterer zugeschnitten, "die schwerste Tour seit 15 Jahren", urteilte Streckenchef Thierry Gouvenou. Schon im Vorjahr waren manche Etappen so schwer, dass auffallend viele Sprinter mit zu viel Rückstand ins Ziel kamen und ausschieden, auch Kittel. Nun kommen noch mehr schwere Bergankünfte hinzu, viele hügelige Etappen, aber nur in überschaubarer Zahl Tage für klassische Sprinter.

Erst zu zwei echten Massenankünften kam es bisher, dazu in Brüssel zu einer dreiviertel-echten. Und für den Rest der Tour bleiben den schnellsten Männern wie dem Italiener Elia Viviani (Sieg in Nancy), dem Niederländer Dylan Groenewegen (Sieg in Chalon) oder dem Australier Caleb Ewan (bisher kein Sieg) noch drei Optionen: an diesem Mittwoch in Toulouse, nächste Woche in Nîmes und natürlich zum Abschluss in Paris auf den Champs-Élysées.

Starke Besetzung bei der Deutschland-Tour

Auch bei der zweiten Auflage der neuen Deutschland-Tour (29. August bis 1. September) ist mit einer prominenten Besetzung zu rechnen. Wie der Veranstalter Aso am ersten Ruhetag der Tour de France bekannt gab, werden an dem viertägigen Etappenrennen 15 von 18 Erstliga-Teams teilnehmen - alle außer Movistar, Groupama-FDJ und Mitchelton-Scott. Die deutsche Equipe Bora-hansgrohe plant, mit seinen einheimischen Topfahrern Pascal Ackermann, Emanuel Buchmann und Max Schachmann an den Start zu gehen. "Die Deutschland-Tour ist einer der Höhepunkte für uns", sagte Teamchef Ralph Denk. 2018 waren neben deutschen Top-Profis auch der letztjährige Tour-de-France-Champion Geraint Thomas (Großbritannien), der Niederländer Tom Dumoulin und der Franzose Romain Bardet am Start. Gesamtsieger wurde der Slowene Matej Mohoric. Start der insgesamt 703 Kilometer langen Rundfahrt ist diesmal Hannover, die Schlussetappe endet in Erfurt. SID

Früher gab es teils zehn, elf Sprintoptionen - heute sind sieben der Standard

Ist dieser Ansatz nicht ein bisschen gemein gegenüber den Sprintern? "Stimmt schon", sagt Erik Zabel, vor zwei Jahrzehnten selbst einer der besten Vertreter dieses Fachgebietes und heute sogenannter Performance Manager des Katjuscha-Teams: "Und wahrscheinlich sind deswegen auch einige Sprinter gar nicht dabei."

Sechs Mal gewann Zabel zwischen 1996 und 2001 das Grüne Trikot des besten Sprinters, und trotz eines späteren Doping-Geständnisses für diesen Zeitraum sind ihm die Trophäen nicht aberkannt worden. Als Zabel damals die Tour prägte, war es Usus, dass die komplette erste Woche im Zeichen der Sprinter stand. Und über die kompletten drei Wochen Frankreich-Rundfahrt konnte es vorkommen, dass zehn oder elf Abschnitte als Flachetappen und damit als Sprintoption ausgeflaggt waren. Inzwischen sind sieben der Standard.

"Die Art und Weise, wie die Veranstalter die Strecke bauen, hat sich sicherlich verändert", sagt Zabel. Seit ein paar Jahren lassen sich die Verantwortlichen einiges einfallen, um mehr Action und Abwechslung zu inszenieren. Und als Mittel gegen den eintönigen Ablauf vieler Flachetappen - frühe Ausreißergruppe, hinterherradelndes Peloton, eingeholte Ausreißer kurz vor dem Ziel - wirken die Neuerungen, wie auch die aktuelle Tour zeigt.