Was wäre diese Sportwelt ohne den Videobeweis? Ohne all die Perspektiven, Winkel und Vergrößerungstechniken? Womöglich könnte man viele Stunden seiner Lebenszeit anders nutzen, sich zum Beispiel wie früher einfach so über den Schiedsrichter ärgern. Die Sportwelt liefe dann aber Gefahr, die neueren bewegenden Geschichten zu verlieren, die eben nur das bewegte Bild liefert. Sei es in Gladbach, Getafe oder in, warum eigentlich nicht, Guadeloupe.
Es lohnt sich ein kurzer Zoom auf diese kleine Inselgruppe im Karibischen Meer, die sonst für ihre Traumstrände und Regenwälder bekannt ist. Und unlängst Gastgeber eines Profiradrennens war, bei dem zwei Pedaleure offenbar ein Verdacht beschlich: Bei der kleinen Tour de Guadeloupe, noch dazu hinter dem nachwirkenden Dunst der Tour de France, da werden sie schon nicht so genau hinsehen! Gemeint waren mit dieser Vermutung natürlich nicht die sogenannten Dopingfahnder. Nein, den beiden niederländischen Jungspunden Huub van Kapel, 19, und Niels Tenniglo, 21, ging es darum, die Strecken- und Videoschiedsrichter zu überlisten. Und so kam es, wie es kam.
Das Duo vom niederländischen Klub-Rennstall RC Jan van Arckel wählte eine besonders findige Finte: Im letzten Drittel der 137 Kilometer langen zweiten Etappe verließen Tenniglo und van Kapel das Fahrerfeld und kürzten einen Teil der Strecke ab. Eine ganz neue Ausreißer-Taktik also, die fast belohnt gehörte. Nur gibt es dafür im Radrennsport eben kein Gelbes Trikot, sondern – falls man erwischt wird – die rote Karte. Weil der Videobeweis eben nicht nur dem Fußball vorbehalten ist.
Ein Siebensekunden-Clip enttarnt den Täuschungsversuch. Er zeigt die beiden fliehenden Holländer, wie sie sich nach einer ausgiebigen Pause hinter einem offenbar geparkten Auto verstecken, ehe sie sich scheinbar unbemerkt auf den Weg machen, um sich wieder ins herannahende Feld zu mogeln. Ein Plan fast wie aus dem Lehrbuch für Kleinganoven, aber eben nur fast.
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Wie sich später herausstellte, hatte der oberste Rundfahrt-Schiedsrichter bereits Verdacht geschöpft, ehe das Kurzvideo die wohl entscheidenden Belastungen hervorbrachte. Die Jury sah keinen Anlass, in ihrer Interpretation van Kapel und Tenniglo wertvolle Kreativität zuzugestehen, stattdessen wurde das Duo von der neuntägigen Rundfahrt ausgeschlossen. Dem Vernehmen nach hatten beide vom Team keine Anweisungen zur Abkürzung erhalten, jedenfalls entschuldigte sich die Mannschaft RC Jan van Arckel bei den Schiris und kündigte Gespräche mit den beiden Fahrern samt Maßnahmen an. Eventuell sollten sie besser trainieren, also dass sie sich nicht erwischen lassen natürlich!
Denn die Technik macht es möglich: Es ist am Meer inzwischen wie in München, die Schiedsrichter haben auf gut Bairisch alle eine guade Loup.


