Wie nahe ist Radenthusiasten dieser Sport, wenn Frauen auf Rennrädern sitzen? Die ersten beiden Etappen der längsten Tour de France Femmes in der Geschichte hinterließen erste Hinweise. Die Aficionados kamen den Profis am Sonntag so nahe, dass sich Fanmaterial in den Rennrädern verstrickte. Auf dem Weg durch die französische Bretagne verhedderte sich eine Flagge im Getriebe eines Hinterreifens, die Kanadierin Nadja Gontov (Team Winspace Orange Seal) musste kurz vor einer Bergwertung vom Sattel steigen. Minuten später stellte die Österreicherin Christina Schweinberger (Fenix-Deceuninck) in der Abfahrt fest, dass sich eine Plastiktüte in ihre Fahrradkette gemogelt hatte.
Fast mehr Nähe und Trubel, als so ein Tour-de-France-Peloton verträgt. Es sei toll, dass so viele Fans am Streckenrand jubeln, erklärte etwa Marianne Vos (Team Visma) aus den Niederlanden, die den Auftakt am Samstag im Zielsprint für sich entscheiden hatte, ehe sie den Hinweis gab: „Give space to the race.“ Ein Appell an die Zuschauer am Straßenrand, den Fahrerinnen ausreichend Raum zu lassen.
Im Großen und Ganzen ist der Raum für den Frauenradsport gewachsen, etwa im Fernsehen, wo die Tour de France Femmes 2025 in 190 Länder übertragen wird, die ARD sendete am Samstag und Sonntag mehrere Stunden live. Die erste Etappe entpuppte sich sogleich als wildes Spektakel, auch weil es ähnlich wie bei der Männer-Variante sogleich reihenweise zu Stürzen kam. Clara Koppenburg (Cofidis) landete während der neutralen Phase vor dem scharfen Start auf dem Asphalt, nachdem sie in einen unmarkierten Fahrbahnteiler gerauscht war – mehrere Fahrerinnen purzelten über sie. Ehe es eine zweite Deutsche erwischte: Liane Lippert, zuletzt zweimal beim Giro d'Italia als Etappensiegern aufgefallen, wurde von einer Konkurrentin versehentlich gerammt und klemmte nun zwischen zwei Rennrädern auf der Straße liegend. Die 27-Jährige vom Team Movistar konnte weiterfahren und ging am Sonntag wieder an den Start, allerdings mit erheblichem Zeitrückstand. Lipperts Teamkollegin und Mitfavoritin Marlen Reusser aus der Schweiz, ebenfalls in diesen Sturz verwickelt, musste aussteigen.
Besser war es der deutschen Straßenrad-Meisterin Franziska Koch ergangen: Im Finale der hügeligen 78,8 Auftaktkilometer zwischen Vannes und Plumelec hatte die 25-Jährige vom Team dsm-Firmenich PostNL ihr Glück zweimal in der Flucht gesucht, sie wurde allerdings wieder eingeholt. Am Ende lief es auf einen Zielsprint hinaus, den eine der ältesten Radfahrerinnen dieser Tour gewann – aber eben auch eine der besten: Die Niederländerin Vos, 38, zweifache Olympiasiegerin und vierzehnmalige Weltmeisterin, sicherte sich ihren 258. Karriereerfolg und ging am Sonntag im Gelben Trikot auf die Strecke.
Von Brest ging es am Sonntagnachmittag nach Quimper, mit 110,4 Kilometern und 2000 Höhenmetern zeigte sich die Heimat der Obelix-Hinkelsteine von ihrer anspruchsvolleren Seite. Den Zaubertrank des Tages hatte offenbar die Spanierin Mavi Garcia (Liv-Alula-Jayco) gewählt. Ihren Ausreißversuch konnten die Verfolgerinnen nicht mehr kontern. Im Zielsprint um Rang zwei kam die 24 Stunden zuvor gestürzte Liane Lippert als Tagesfünfte ins Ziel, offenbar gut erholt, wie sie alsbald erklärte: „Nach gestern ist es schon ein viel besseres Gefühl gewesen.“ Das Trikot der Gesamtführenden übernahm, zeitgleich mit Vos, die Tagesdritte Kim LeCourt (Team AG Insurance-Soudal) aus Mauritius.


