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Tour-Dominator Christopher Froome:Nicht zugelassenes Präparat

Drei Jahre später kann Froome aber kein Problem mehr mit zu geringen Mengen roter Blutkörperchen haben, die Sauerstoff transportieren. Die Pyrenäen fuhr er schnell wie einst die Doper Armstrong und Jan Ullrich hoch. Im Zeitfahren zum Mont-Saint-Michel war nur der Spezialist Tony Martin etwas schneller. Am Ventoux produzierte er dann "einen Weltrekord", frotzelt der französische Leistungsdiagnostiker Antoine Vayer, der 1998 Trainer des Skandalteams Festina war - und der schon Armstrong früh mit seinen Berechnungen desavouierte: 418 Watt trat Froome auf den letzten 15 km, die er zudem in 48,35 Minuten schaffte: die zweitbeste Zeit seit 1999 hinter Armstrong 2002 (48:33). "Froome hat Mutanten wie Armstrong oder Marco Pantani besiegt", sagt Vayer am Telefon in seinem bevorzugt provokanten Ton.

Wie macht der Brite das nur?

"Wenn er nicht dopt, ist er der großartigste Fahrer aller Zeiten", sagt Paul Kimmage, "denn was er diese Woche hier bei der Tour gezeigt hat, das hat es noch nie gegeben!" Der Ire, früher selbst Profi, ist wie Vayer seit Jahren ein streitbarer Begleiter des Pelotons, der Weltverband hat geklagt wegen Kimmages Korruptionsvorwürfen. Sky findet er "zumindest suspekt".

Froome sagt, er habe wegen der Bilharziose keine Ausnahmegenehmigung für Medikamente. Besonders wissenschaftlich gehe es beim kollektiven Sky-Training zu, betont Teammanager David Brailsford seit dem vergangenen Jahr, als sein Kapitän Bradley Wiggins vor Froome gewann. Allerdings setzt sich seit Jahren überall im Feld das Training unter Anleitung von Sportwissenschaftlern durch. Inzwischen gibt es zudem auch dunkle Flecke auf dem "Null Toleranz"-Label des Teams. Keinen Dopingfall, das nicht, aber die Anstellung etwa des belgischen Arztes Geert Leinders bezeichnet Brailsford inzwischen - anders als noch 2012 - als "Fehler". Von 2010 bis letzten Herbst arbeitete Leinders für Sky, ehe seine Rolle im Dopingsystem bei Rabobank von Kronzeugen bestätigt wurde.

Jetzt ist Leinders plötzlich wieder Thema. Denn von neuen Dopingmitteln ist bei dieser Tour die Rede, darunter das Peptidhormon "Growth-arrest-specific gene-6", kurz Gas6. Es wirkt ähnlich wie die ewige Modedroge Epo, und es soll beim Giro 2013 eingesetzt worden sein, heißt es aus dem Umfeld der Welt-Anti-Doping-Agentur. "Gas6 besitzt möglicherweise das Potenzial, den Effekt von Epo zu steigern und könnte somit Anreiz zum Missbrauch im Sport geben", sagt Dopingfahnder Mario Thevis vom Kölner Testlabor; gegebenenfalls könnten irgendwann Nachtests durchgeführt werden von gelagerten Proben.

An dem noch nicht zugelassenen Präparat wird in der Schweiz geforscht und an einer belgischen Uni - dort wohl früher auch unter Mitwirkung von Geert Leinders, der Froomes Aufstieg zum Ausdauerwunder erlebte. Leinders und sein Anwalt sind für Kommentare nicht zu erreichen. Froome sagt, er habe Leinders wenig gesehen.

Das angeblich transparente Team Sky will demnächst die immer noch nicht öffentlichen Team-Daten der britischen Anti-Doping-Agentur übermitteln. Diese entgegnet am Donnerstag, das freue sie, aber werde nicht dazu führen, "ein Team oder Fahrer für definitiv sauber zu erklären". Der MPCC - einer Vereinigung von Mannschaften, die sich für glaubwürdigen Radsport einsetzen, beispielsweise grundsätzlich auf Kortison-Gaben verzichten und auch zusätzliche Dopingtests durchführen lassen - will Sky partout nicht beitreten. Der Provokateur Vayer wiederum hat Sky gefragt, ob man nicht mal im Labor die maximale Sauerstoffaufnahme-Fähigkeit (VO2max), eine sehr relevante Größe, von Froome messen wolle. Wenn Froome auch da auf Rekordwerte komme - "dann könnte ich glauben, dass er außergewöhnlich ist, der beste Kletterer und rouleur aller Zeiten". Sky lehnte auch das ab. Im "Dossier" stand übrigens, dass Froome noch nie einen VO2max-Test gemacht habe.

© SZ vom 19.07.2013/ebc
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