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Tour de France:"Wenn es ein Schlupfloch gibt, wird es auch genutzt"

Vor zehn Jahren wurde Michael Rasmussen im Gelben Trikot vom eigenen Team ausgeschlossen - heute spricht er über die große Scheinheiligkeit in der Branche.

Interview von Johannes Knuth

Wenn Michael Rasmussen in diesen Tagen die Tour de France begleitet, beschleicht ihn wieder dieses "bittersüße Gefühl". Der ehemalige Mountainbiker war einer der besten Kletterer seines Sports, die Tour 2007 sollte seine Rundfahrt werden. Sie endete im Chaos, für Rasmussen und den Sport. Alexander Winokurow, Cristian Moreni, Ivan Basso und der Deutsche Patrick Sinkewitz wurden positiv getestet, die ARD stellte ihre Berichterstattung ein. Vor fast genau zehn Jahren, nach der letzten Bergetappe, erwischte es auch Rasmussen, den Inhaber des Gelben Trikots. Heute arbeitet der 43-Jährige als Sportmanager und begleitet die Tour für eine dänische Zeitung.

SZ: Herr Rasmussen, welche Erinnerungen haben Sie an den 25. Juli 2007?

Michael Rasmussen: Das waren die surrealsten 24 Stunden meines Lebens. Um sechs Uhr abends stand ich auf dem Podium, hatte das Gelbe Trikot verteidigt und quasi die Tour gewonnen. Ein paar Stunden später warfen mich die Menschen in meinem Team, denen ich am meisten vertraute, aus dem Rennen. Ich war in der Nacht mehrmals kurz davor, mich umzubringen. Das Einzige, was mich abgehalten hat, war mein einjähriger Sohn, der zu Hause auf mich wartete.

Sie wurden damals von Dopinggerüchten umschwirrt, aber Ihr niederländisches Team (Rabobank) begründete den Bann bloß damit, dass Sie zuvor einen falschen Aufenthaltsort angegeben hatten und für Kontrolleure nicht erreichbar waren...​

... Ich habe sie nie angelogen. Du kannst niemanden anlügen, der die Wahrheit kennt. Sie waren es ja, die das Epo im Teambus transportierten, sie gaben mir die Kontaktdaten der Blutbank, wo ich die Blutbeutel erhielt, sie gaben mir falsche Arztzertifikate, mit denen ich Kortison bekam. Angeblich hatte ich interne Regeln verletzt. Aber es gab keine Regeln! Ich weiß nicht, ob es der Tour-Veranstalter war, der Weltverband oder die Welt-Anti-Doping-Agentur, aber ich bin sicher, dass mein Team unter extremem Druck stand, mich auszuschließen.

Sie haben nach einer Zwei-Jahres-Sperre und vergeblichen Comeback-Versuchen vor vier Jahren gestanden, dass Sie sich von 1998 bis 2010 mit Insulin und Blutdoping tunten. Nicht das ganze Jahr über, aber immer dezent vor großen Rennen, sodass die Tests nicht ausschlugen.

Ich habe nicht eingesehen, warum weniger talentierte Fahrer schneller fahren sollten als ich. Ich wusste seit Jugendzeiten, dass ich einer der besten Bergfahrer der Welt war. Aber plötzlich war das nicht mehr gut genug. Ich war am Anfang sauber, ich war noch immer unter den besten zehn der Welt. Als 1998 dann Festina aufflog und die Mannschaft kollektiv von der Tour ausgeschlossen wurde, saßen alle anderen Fahrer auf der Straße und streikten. Es gab nicht einen einzigen, der sagte: Wisst ihr was, ihr könnt hier sitzen, ich bin sauber und fahre weiter. Das hat mir gezeigt, dass Doping dazugehörte, im ganzen Peloton.

Klingt nach einer biografischen Falle. Und ein wenig selbstgerecht.

Radfahrer haben seit der ersten Tour 1903 betrogen, damals ritten sie heimlich mit Pferden von Punkt A zu Punkt B. Die Organisatoren haben ein Event geschaffen, das verrückte Menschen anzieht. Es ist freilich ein extrem harter Sport. Die Fahrer, die es bis an die Spitze schaffen, haben viele Kämpfe ausgetragen, bevor sie entscheiden müssen, ob sie dopen oder nicht. So wird ein Schritt, der von außen sehr groß wirkt, plötzlich sehr klein.

Tour de France - Stage Sixteen

Auf dem Höhepunkt: Michael Rasmussen feiert am 25. Juli 2007 den Etappensieg in Gourette Aubisque - am Tag darauf war er unerwünscht.

(Foto: Bryn Lennon/Getty Images)

Sie begleiten die Tour mittlerweile als Journalist. Warum sind Sie beim Radsport geblieben?

Ich liebe den Sport noch immer, ich liebe es, die Rennen zu schauen. Ich hätte mir nur gewünscht, dass ich mein Karriereende selbst hätte bestimmen können. Die Wunde dieses Ausschlusses vor zehn Jahren wird immer kleiner, doch sie wird nie verschwinden. Ich bin mit der Vergangenheit aber viel mehr im Reinen und habe kein Problem, darüber zu reden.

Was wollen Sie damit bezwecken?

Ich denke, es ist wichtig, daran zu erinnern, wie es damals war und heute teilweise noch ist. Ich bin einer derjenigen, die erzählt haben; ich habe nichts mehr zu verbergen oder zu befürchten. Das unterscheidet mich von vielen aktuellen und ehemaligen Profis. Das ist sehr befreiend. Letztlich geht es mir auch darum, auf die Scheinheiligkeit in der Branche hinzuweisen.

Inwiefern?

Nur weil ab und zu ein Fahrer positiv getestet wird, heißt das nicht, dass er ein schwarzes Schaf ist. Nach jedem Positivtest wird der Fahrer als derjenige herausgegriffen, der angeblich nicht begriffen hat, dass der Radsport jetzt sauber ist. Dann heißt es, es gebe jetzt wirklich eine neue Generation. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Neuanfänge der Sport in den vergangen Jahren hinter sich hat. Ich denke, das ist es, was ich den Leuten sagen will: Ihr könnt euch gerne der Illusion von einem weitgehend sauberen Sport hingeben, aber der Weihnachtsmann existiert leider nicht.

Was hat sich im Radsport seit Ihrem Fall vor zehn Jahren geändert?

Es hat sich sicherlich etwas getan, so wie sich vor zehn Jahren schon etwas im Vergleich zu zehn Jahren davor verändert hatte. Ich denke, es wird insgesamt weniger gedopt. Aber es wäre falsch zu glauben, dass es nur ein paar wenige im Peloton tun. Es gibt halt nur ein paar Fahrer, die entdeckt werden.

Viele Dopingmittel sind in der Tat bis heute nicht nachweisbar. Zuletzt geriet das Team des dreimaligen Tour-Siegers Christopher Froome unter Verdacht - wegen mysteriöser Medikamentenlieferungen und Ausnahmegenehmigungen für kortisonhaltige Präparate, die Sie damals ebenfalls erhielten.

Sky redet von porentiefer Sauberkeit und predigt Transparenz. Aber sie brauchen acht Monate, um zu erklären, dass in dem Päckchen damals ein Hustenlöser war, der unbedingt von England nach Frankreich zu Bradley Wiggins geschafft werden musste. Den hätte man überall in der Apotheke bekommen. Das passt einfach nicht zusammen. Die medizinischen Ausnahmegenehmigungen sind auch nach wie vor ein großes Schlupfloch. Und wenn es ein Loch gibt, wird es genutzt.

Was beobachten Sie sonst, wenn Sie sich das Peloton heute anschauen?

Die besten Fahrer sind nach wie vor so schnell wie wir vor zehn Jahren. Das ist ihre Erblast: Sie fahren immer gegen eine dunkle Vergangenheit. Ihre Ergebnisse werden immer mit denen von früher verglichen, die Daten lassen sich ja sehr leicht erheben. Natürlich erklären sie die jüngsten Leistungen jetzt mit mehr Rückenwind, anderen Rennverläufen, besseren Kopfkissen und weniger Nutella zum Frühstück. Es gab sicherlich technische Fortschritte - aber viele Dinge, die sie als neu anpreisen, haben wir schon damals getan. Jetzt hat ihnen nur jemand einen Namen gegeben.

RODEZ FRANCE Former Danisch cyclist Michael Rasmussen pictured before the start of stage 14 of

"Die besten Fahrer sind nach wie vor so schnell wie wir vor zehn Jahren": der geständige Doper Michael Rasmussen, 43, verfolgt das Geschehen auf der Tour immer noch.

(Foto: imago/Belga)

Was müsste sich ändern bei der Betrugsbekämpfung?

Ich denke, wir bräuchten pragmatischere Regeln - nicht nur im Radsport -, die auf allen Ebenen angewendet werden können, in allen Ländern. Mehr als 200 Länder haben den Code der Welt-Anti-Doping-Agentur unterzeichnet, aber nur zwanzig, dreißig halten sich offenbar daran. Die Regeln werden in der Ukraine und Polen anders angewendet als in, sagen wir, Deutschland oder Dänemark. Das bewirkt genau das Gegenteil von dem, was die Wada will: gleiche Bedingungen für alle zu schaffen. Sie versuchen, die Anti-Doping-Netze immer engmaschiger zu knüpfen, aber damit erfassen sie nur Athleten in den zwanzig, dreißig Ländern, und in einigen Sportarten. Ich denke, es wäre besser, die Latte etwas niedriger zu legen, damit alle die Vorgaben umsetzen können.

Die Regeln sind aber nicht allein das Problem. Sondern auch die Weltverbände und nationalen Agenturen, die sie in der Vergangenheit oft missachtet haben, um nicht zu viele Skandale publik werden zu lassen.

Viele Sportarten hatten zuletzt große Probleme, wie Tennis oder Leichtathletik, aber sie haben ihr Problem anders behandelt als der Radsport. Auch deshalb steht der Radsport so sehr im Fokus: Sie haben etwas gegen das Dopingproblem unternommen, zu einem gewissen Ausmaß. Wer sucht, der findet; wer nicht sucht, findet nichts. Zumindest, bis die Skandale dann doch öffentlich werden, wie mit der Korruption im Leichtathletik-Weltverband oder dem russischen Dopingskandal. Man könnte also sagen, dass der Radsport einen Preis dafür bezahlt hat, das Dopingproblem mit am besten bekämpft zu haben. Es ist freilich auch richtig, dass es Vertuschungen gab und größere Teams gegenüber schwächeren bevorzugt wurden.

Wie meinen Sie das?

Man sah es bei den Cera-Positivtests vor zehn Jahren (Variante des Blutdopingmittels Epo, Anm.). Die Fahrer der Teams von Gerolsteiner und Saunier-Duval wurden bestraft, aber beide Mannschaften zogen sich am Ende der Saison aus dem Radsport zurück. Es war relativ schmerzlos für die UCI, an ihnen ein Exempel zu statuieren, ohne zu viele Sponsoren abzuschrecken. Das Gleiche passierte mit dem biologischen Pass. Damals hieß es, es gebe 50 Fahrer mit auffälligen Werten, am Ende wurden fünf bestraft. Rein zufällig allesamt von Mannschaften, die ebenfalls den Betrieb einstellen würden.

Der deutsche Radsport hat sich trotz aller Probleme offenbar erholt, die bisherige Tour stand im Zeichen des Grand Départs in Düsseldorf und deutschen Siegen. Nur Jan Ullrich wurde von den Veranstaltern angeblich nicht eingeladen.

Ich denke, das ist der Gipfel der Scheinheiligkeit. Viele ehemalige Fahrer aus der Zeit sind bis heute in Ämtern und Würden, aber er darf nicht mit der Vergangenheit Frieden schließen. Jan ist der bislang einzige deutsche Tour-Gewinner und hätte in Düsseldorf gefeiert werden sollen.

Allerdings hat er seine Vergangenheit nie so aufgearbeitet wie Sie zum Beispiel ...

Jeder hat das in der Vergangenheit anders gelöst. Ich habe es mit einem Mal gemacht, Jan zögerlich, Lance Armstrong hat alles abgestritten und saß dann bei Oprah Winfrey. Andere schweigen bis heute und kommen davon. Es ist sicherlich auch eine Frage der Kultur: Sportlern in Italien, Spanien oder Kolumbien wird mehr nachgesehen als in Deutschland oder Dänemark. Ich hätte mich an Ullrichs Stelle längst von den dunklen Schatten der Vergangenheit befreit, weil im Grunde jeder weiß, dass er und das Team Telekom dopten. Aber das ändert meiner Meinung nach nichts daran, dass er eines der größten Talente war, die der Radsport je gesehen hat.

© SZ vom 20.07.2017

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