Tour de France:Angst vor dem Abbruch

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Tour de France: Im Rennen dürfen die Radprofis auf Masken verzichten. Ansonsten aber, wie hier bei der Team-Präsentation, sind sie Pflicht.

Im Rennen dürfen die Radprofis auf Masken verzichten. Ansonsten aber, wie hier bei der Team-Präsentation, sind sie Pflicht.

(Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

Dem Radsport steht eine atmosphärisch seltsame und sportlich offene Tour bevor. Über allem schwebt die Frage: Schafft es der Tross angesichts der Pandemie überhaupt bis nach Paris?

Von Johannes Aumüller

Die Macher der Tour de France wollen es sich nicht nehmen lassen, ein bisschen Stimmung zu simulieren. Trommler und Tänzer kommen auf die Bühne am Place Masséna im Herzen Nizzas, viele farbenfrohe Videos flimmern über die Leinwände, und der Sprecher hebt bisweilen seine Stimme, als erwarte er tausendfachen Applaus. Vor der Bühne aber stehen leere Stühle. Nur 1000 Gäste dürfen bei der traditionellen Présentation des équipes direkt zusehen, aber so viele sind nicht mal gekommen.

Normalerweise ist die Teampräsentation am Donnerstagabend vor dem Tour-Start eine feierliche Ouvertüre. Diesmal ist es trotz Trommlern und Tänzern eine triste Veranstaltung - und damit wohl das passende Vorspiel für das, was dem Radsport in den nächsten drei Wochen bevorsteht. In Nizza steigt an diesem Wochenende auf zwei Rundkursen der Grand Départ der 107. Tour de France, dann soll sich das Peloton über 19 weitere Etappen und knapp 3500 Kilometer bis nach Paris durchkämpfen. Begleitet wird das Feld auf dieser Rundfahrt von zwei großen Fragen.

Die erste ist, warum es das in Corona-Zeiten überhaupt braucht, dass die Tour quer durchs Land zieht, 176 Fahrer, insgesamt 3000 Mitglieder im Tross und viele, viele Fans, die drei Wochen lang nachreisen. Und die zweite: Kann das wirklich bis nach Paris funktionieren? Ohne vorzeitigen Abbruch? "Es schwebt wie ein Damoklesschwert über uns, dass jeder Tag der letzte sein kann. Das ist sehr schade", sagt der deutsche Routinier Tony Martin, der in Diensten des Teams Jumbo seine zwölfte Frankreich-Schleife bestreitet.

Seit 1903 gibt es diese nationale Institution namens Tour de France. Von 1915 bis 1918 sowie von 1940 bis 1946 fiel sie wegen der Weltkriege aus, in allen anderen 106 Sommern aber fand sie statt, ein Abbruch wäre ein Novum.

Nun muss sich diese Tour nach der Pandemie richten. Sie ist aus dem Früh- in den Spätsommer verlegt worden, doch in den Tagen vor dem Start erschwerte sich nahezu täglich die Lage. 21 französische Departements sind inzwischen als rote Zone ausgeflaggt, also als Region mit hohem Risiko. 7379 neue Fälle binnen 24 Stunden vermeldete das Gesundheitsministerium am Freitagabend. Just Nizza, Gastgeber des Grand Départ, ist besonders betroffen. "Wir erhöhen die Maßnahmen von strikt auf sehr strikt", sagte Bernard Gonzalez, Präfekt des Departements, am Donnerstag: "Die Leute sollten zu Hause bleiben und das Rennen am TV verfolgen."

Manche Beobachter halten es für unverantwortlich, dass die Tour überhaupt stattfindet. Aber die Teams und die Radszene machen keinen Hehl daraus, warum es ihnen so wichtig ist: Die Tour ist von großer, für manche von existenzieller Bedeutung.

Nun wird sich die Atmosphäre des Rennens gehörig verändern. Die vielen Aspekte des Begleitprogramms, von der Werbekarawane bis zur Siegerehrung, sind in abgespeckter Form geplant. Die Fahrer und ihre unmittelbaren Betreuer werden sich in einer dichten Blase bewegen, ohne Kontakt zum großen Tross, der sie umgibt, und schon gar nicht zu den Zuschauern - obwohl das doch sonst den besonderen Reiz dieser Veranstaltung quer durch Frankreich ausmacht.

Prinzipiell dürfen die Zuschauer an die Strecke kommen, sie sollen dabei eine Maske tragen. Nur bei manchen schweren Anstiegen, an denen die Distanz zum Peloton besonders gering ist, soll der Zugang limitiert werden: komplett - oder dergestalt, dass Zuschauer lediglich zu Fuß oder auf dem Velo den Berg hinaufkommen, aber nicht mit Pkw oder Wohnmobil. Die Tour-Macher erklären zudem, als Ersatztermin bewusst einen Zeitraum außerhalb der Ferien gewählt zu haben, damit nicht so viele Fans an die Strecke kommen können.

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