Süddeutsche Zeitung

Königsetappe der Tour de France:Steigung bis zu 24 Prozent!

Auf der 17. Etappe erklimmen die Fahrer in dünner Luft erstmals den 2304 Meter hohen Col de la Loze. Laut Rennleiter ist der Berg "das komplizierteste Ziel" dieser Tour.

Von Johannes Knuth

Die Liste mit Ehrengästen, die die Veranstalter der Tour de France am Dienstag veröffentlichten, setzte auch die Tonart für die finalen Tage dieser Rundfahrt: Es geht wieder auf den Kletterpfad. Gut, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, der sich für diesen Mittwoch angekündigt hat, bürgt eher weniger dafür; er kennt sich zwar ganz bestimmt auch hervorragend mit Anstiegen und Abgründen aus, aber eher im politischen Hochgebirge.

Repräsentativer war da schon die Präsenz von Martin Fourcade, einem der erfolgreichsten Biathleten der Geschichte, der am Dienstag am Start der 16. Etappe aufschlug. Fourcade verbringt seine Sport-Pension ja in Villard-de-Lans, dem Etappenziel der ersten von drei Schuftereien durch die Alpen am Dienstag. Und der 32-Jährige fügte sich vorbildlich ins Geschehen ein: Er brachte ein knallpinkes Kinderfahrrad mit - aber nicht zum eigenen Mitfahren, sondern als Spende für benachteiligte Familien und Menschen.

Die Etappe am Dienstag war, trotz fünf teils knackiger Bergwertungen, freilich eher ein Anschwitzen für den 17. Tagesabschnitt am Mittwoch. Dann geht es 170 Kilometer durch das Herz der Alpen, hinauf in dünne Luft. Die größten Leckerbissen des Tagesmenüs sind zwei Gipfel der Ehrenkategorie: der Col de la Madeleine, ein Klassiker der großen Schleife - und der Col de la Loze, mit 2304 Metern das Dach der diesjährigen Rundfahrt, der bei der Tour noch gar nicht erklommen wurde. Primoz Roglic, der am Dienstag sein Gelbes Trikot verteidigte, erklärte den Debütanten unlängst zum "Gipfel der Woche". Vermutlich ist der Col de la Loze sogar der Gipfel dieser Tour: Er steht auch emblematisch für die Strategie der Streckenplaner in den vergangenen Jahren, ihr Rennen noch mehr zu vitalisieren.

Der Berg sei "das komplizierteste Ziel" dieser Tour, sagt Gouvenou

Die Tour ist immer auch eine gewaltige Inszenierung, der neue Parcours wird bereits einen Herbst vor der Rundfahrt bei einer Gala präsentiert, die härtesten Anstiege werden wie Darsteller in einem Hollywood-Blockbuster beleuchtet. Im Teaser zum Col de la Loze erklangen Orgel- und Posaunenklänge, eine Straße schmiegt sich an die wellige Landschaft, durch dunkelgrüne Wälder hindurch, dann über die kahlen Hänge rund um Méribel hinauf zum Gipfel. Die letzten sieben Kilometer der Route wurden erst kürzlich fertiggestellt: Im Winter dient sie als Skipiste, die Méribel mit dem benachbarten Courchevel verlinkt; die Region prahlt mit mehr als 600 Pistenkilometern und somit dem größten alpinen Streckennetz der Welt.

Im Sommer ist der neue Zugang zum Col de la Loze exklusiv für Radfahrer geöffnet, die wachsende Sommerkundschaft wird in Zeiten des Klimawandels auch für die Alpinstandorte immer wichtiger. "Wir haben den Gipfel für die Tour de France vorgeschlagen", sagte Thierry Monin, der Bürgermeister von Méribel-les Allues, im vergangenen Herbst der Nachrichtenagentur AFP, und natürlich ließ man sich dabei nicht von altruistischen Motiven leiten. Monin sagte: "Das ist für uns die beste Werbung."

Die Tour war offenbar rasch begeistert. Thierry Gouvenou, der Rennleiter und Streckenarchitekt der Tour, würdigte den Anstieg in französischen Medien als "einzigartige Straße in Frankreich" und einen "neuen Typus des Anstiegs". Kein Meter sei wie der andere, mal flach, dann steil, zeitweise mit bis zu 24 (!) Prozent, dann wieder flacher. Nichts für die "Walzen", wie Gouvenou die Züge nennt, mit denen Teams wie Ineos oder neuerdings Jumbo die Anstiege gleichmäßig hinaufrauschen, bis ein Widersacher nach dem nächsten aus dem Feld purzelt. Addiert man die dünne Höhenluft dazu, in der immer weniger Sauerstoff die Muskeln erreicht, sei der Col de la Loze "das komplizierteste Ziel" dieser Tour, glaubt Gouvenou.

Manche Profis äußern Kritik am Spektakelfieber der Tour

Der Streckenplaner versucht seit einigen Jahren, die Etappen bei der Tour aufzumischen, nicht nur in den Bergen. Der größte Horror, hatte Gouvenou in einem Interview vor zwei Jahren erklärt, sei doch das immer gleiche Geschehen, das er in die Formel "4x4x4" kleidete: Vier Ausreißer fahren dem Peloton um vier Minuten davon und werden spätestens vier Kilometer vor dem Ziel wieder eingefangen. Als Gegengift flößen sie seit Jahren diverse Hindernisse in den Parcours ein: Bergetappen schon in der ersten Woche, wie in diesem Jahr, Kopfsteinpflaster, Schotterpisten, ultrakurze Kletterabschnitte, wie jene 65 Kilometer durch die Alpen vor zwei Jahren.

Das sei für ihn "moderner Radsport", sagte Christian Prudhomme damals, der Sportchef der Tour. Über manche Experimente haben sie freilich schnell den Mantel des Vergessens gelegt, wie beim sogenannten "Grid-Start" vor zwei Jahren in den Alpen. Das Peloton rollte sich damals nicht wie üblich ein; die besten zwanzig Fahrer des Klassements reihten sich vielmehr wie beim Start in der Formel 1 auf und sollten dann lospreschen. Und die Fahrer? Rollten gelangweilt los und fanden sich schnell in der gewohnten Formation zusammen.

Manche Profis äußerten schon damals Kritik am Spektakelfieber der Tour, man brauche auch jenseits der Ruhetage ab und zu Entspannung (was ja auch den Betrugsdruck mindern könnte). Bei dieser Tour hatte man das Gefühl, dass sich das Peloton - vor allem nach dem sturzgetränkten Auftakt in Nizza - diese Tage selbst gewährt, und sei es auf Etappen, die vorher als aufregend beworben worden waren. Andere, unscheinbarere Abschnitte arteten dafür in kleine Tempoinfernos aus, zum Beispiel, als die deutsche Bora-hansgrohe-Crew im Wettstreit ums Grüne Trikot gegnerische Sprinter abschüttelte.

Es ist eine abgestandene Binse, aber am Ende machen halt noch immer die Fahrer das Rennen - nicht allein der Kurs.

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Quelle:
SZ vom 16.09.2020/tbr
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