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Egan Bernal bei der Tour de France:Erdbebengräben unterm Fahrrad

Als sei alle Kraft aus seinen Beinen geflossen: Egan Bernal (rechts) verliert auf der 15. Etappe fast acht Minuten auf die Tagesbesten.

(Foto: Kenzo Tribouillard/AFP)

Überraschende Vorentscheidung bei der Tour: Das Team Ineos um Vorjahressieger Bernal muss die Rundfahrt schon eine Woche vor dem geplanten Finale verloren geben.

Von Johannes Knuth

Das muss man Egan Bernal ja lassen: Auch nach der bislang größten Niederlage seiner noch jungen Karriere wahrte der 23-jährige Kolumbianer die Würde eines Veteranen. Er wich keinem Mikrofon aus; so wie er schon in den Tagen zuvor aufrichtig berichtet hatte, dass es diese Tour de France nicht gerade gut mit ihm meint. Nun, am Sonntag, hatte er den mächtigsten Hieb in die Magengrube eingesteckt: Siebeneinhalb Minuten Hypothek auf die Tagesbesten, auf den 17 brutalen Kilometern hinauf zum Grand Colombier. Die ohnehin nur noch blassen Hoffnungen im Klassement: zertrümmert. "Ich war den ganzen Tag über nicht bei Kräften", gestand Bernal , "ich glaube, ich habe heute drei Jahre meines Lebens verloren." Dann, so berichteten es Augenzeugen, lächelte er, auch wenn es wohl ein recht gequältes Lächeln war.

Die Plackerei an der "Pyramide von Bugey", einem berüchtigten Massiv im Juragebirge, hatte wie erwartet die bislang größte Vorentscheidung dieser 107. Tour de France gebracht. Sofern den Führenden im Klassement nicht noch der Himmel auf den Kopf fällt, wird am kommenden Sonntag auf den Pariser Champs-Elysées die slowenische Hymne zu Ehren des Siegers ertönen: Primoz Roglic behauptete am Grand Colombier souverän das Gelbe Trikot, auch wenn ihm sein 21 Jahre alter Landsmann Tadej Pogacar erneut den Tagessieg wegschnappte. Im Klassement sitzt er Roglic mit nur noch 40 Sekunden Rückstand auch weiter aufmüpfig im Nacken.

Noch bemerkenswerter war freilich, wie Bernals Hoffnungen implodierten: Der Vorjahressieger donnerte im Klassement an die 13. Stelle, 8:25 Minuten hinter Gelb-Inhaber Roglic. Bernals Team Ineos, so viel ist schon jetzt amtlich, wird erst zum zweiten Mal binnen der vergangenen neun Jahre nicht die Tour gewinnen. Und zwar nicht wegen eines Sturzes, wie im Fall von Christopher Froome 2014; nein, Kapitän und Helfer sind diesmal schlicht nicht gerüstet für das immense Renntempo. Das Tour-Organ L'Équipe, das den Briten stets mit kühlem Respekt begegnet war, fand nun natürlich routiniert die angemessene bildliche Untermalung: Bernal, schrieb es, sei eingebrochen, "als ob sich der San-Andreas-Graben unter seinem Rad geöffnet habe".

Die einstigen Tour-Champions Thomas und Froome kritisieren die Aufstellung des Teams

So gewaltig der Einbruch war, er hatte sich angekündigt; wie viele kleine Risse, die sich durch eine Mauer ziehen - ehe diese plötzlich zusammensackt. Bernal war erst Ende Juli, wie viele kolumbianische Sportler, nach langem Lockdown per Charterflug nach Europa gereist. Er überzeugte bei der Tour de l'Ain, verlor dort aber schon gegen Roglic. Bei der Dauphiné, der nächsten Generalprobe, zog er vor der vierten Etappe zurück, wegen Rückenproblemen. Dennoch wirkte er noch immer wehrhafter als Geraint Thomas und Froome, seine Teamkollegen und vormaligen Tour-Sieger, die Teamchef Dave Brailsford später nicht mal ins Frankreich-Aufgebot lud. Doch in Bestform schien Bernal auch nicht gerade zur Tour anzureisen.

Dort ging es erst einmal so weiter: Meist strampelten Bernal und seine Helfer im Windschatten von Roglic' Jumbo-Visma-Team. Das hat in diesem Jahr Ineos' Herrschaft über das Peloton übernommen und dessen bewährte Taktik gleich mit: das Tempo am Berg forcieren und das Feld ausdünnen, bis kaum noch jemand mithalten kann. Am Sonntag wurde Roglic am Colombier von gleich fünf Helfern in den Anstieg eskortiert. Bernal wiederum rätselte, weshalb dort schnell jegliche Energie aus seinen Beinen floss. Auch in den Tagen zuvor, als er sich halbwegs bei Kräften gefühlt hatte, hatte er ratlos gewirkt: Seine Leistungswerte seien eigentlich sehr achtbar, sagte er, aber sobald die Besten um Roglic und Pogacar antreten würden, "habe ich das Gefühl, dass ich ihnen fast nicht mehr folgen kann". Der Franzose Romain Bardet, der zuletzt mit einer Gehirnerschütterung ausgestiegen war, hatte sich ähnlich verwundert geäußert - einerseits erreiche er bislang ungekannte Werte, dennoch sei er chancenlos. Beide Slowenen mussten am Sonntag erfahren, wie sich die Zweifel an ihren Leistungen bei der Tour immer mehr ihren Weg ins öffentliche Bewusstsein bahnen - zumal das Anti-Doping-System zuletzt just in der wichtigen Vorbereitungszeit im Frühjahr am Boden lag. "Ich werde oft kontrolliert, heute Morgen um 6 Uhr erst", entgegnete Roglic auf die Frage eines Reporters: "Meiner Leistung können sie in jedem Fall vertrauen."

Dass nun auch aus dem Team der Briten über unwirkliche Wattwerte gestaunt wird - auch wenn Bernal und Co. ihrer Konkurrenz damit sicherlich keine pharmazeutische Nachhilfe unterstellen wollten -, ist freilich eine lustige Pointe. Jahrelang waren es Ineos (ehemals Sky) und vor allem Froome, die mit gewaltigen Leistungssprüngen überraschten, und das Team unternahm nicht gerade viel, um Transparenz zu schaffen. Ineos machte vielmehr mit verheimlichten Ausnahmegenehmigungen, Belegen auf angeblich gestohlenen Laptops und umstrittenen Salbutamol-Freisprüchen von sich reden.

Die jüngsten Aufräumarbeiten dürften jedenfalls interessant werden: Geraint Thomas, 34, der am Montag die Rundfahrt Tirreno-Adriatico als Zweiter hinter Simon Yates beendete, hatte zuvor im Guardian ausgerichtet, dass ihn seine Ausbootung von der Tour "manchmal schon ärgert". Auch Froome, 35, der das Team nach der Saison verlassen wird, bemängelte, dass er "bei der Tour eine Rolle gespielt" haben könnte, die Sportliche Leitung habe diesen Wunsch aber abschlägig beschieden. Tatsächlich rollt Ineos diesmal mit einem vergleichsweise unerfahrenen Team durch Frankreich; Richard Carapaz aus Ecuador, der kurzfristig als bergfester Helfer an Bernals Seite gerückt war, stürzte am Sonntag und konnte im Finale nicht mehr helfen.

Giovanni Ellena, Bernals einstiger Sportchef bei der italienischen Auswahl Androni Giocattoli, hatte in der L'Équipe noch eine andere These parat. Viele Anstiege des diesjährigen Kurses seien vielleicht "zu explosiv" für Bernal, er bevorzuge die gleichmäßigeren, langen Anstiege in dünner Höhenluft. Die warten diesmal erneut in der letzten Tour-Woche in den Alpen - diesmal zu spät für Bernal.

© SZ vom 15.09.2020/jki
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