Radsport:Die Tour ist kein Testrennen

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Tour de France

Fokus Richtung Tokio: Ex-Sieger Vincenzo Nibali beendete die Tour mit Blick auf Olympia.

(Foto: BENOIT TESSIER/REUTERS)

Einige Fahrer steigen bei der Tour de France aus, um sich besser auf Olympia vorbereiten zu können. Das ist unfair - vor allem den anderen Fahrern gegenüber.

Kommentar von Johannes Aumüller

Bei der Tour de France gibt es traditionell sehr verschiedene Gründe, warum ein Fahrer das Rennen verlässt. Meist liegt es an den Folgen von Krankheiten, Verletzungen und Stürzen. Bisweilen muss jemand seine Startnummer abgeben, weil er die sogenannte Karenzzeit überschritten hat - jene strenge Zahl, die bei jeder Bergetappe darüber bestimmt, wie viel Rückstand ein Fahrer maximal auf den Tagessieger haben darf. Auch Positivtests oder andere Doping-Verfehlungen waren in der Historie ein häufiger Grund für ein unvermitteltes Rundfahrt-Ende, und mancher Aktive wie der Schweizer Fabian Cancellara stieg auch mal aus, weil zu Hause der Nachwuchs kam.

In diesen Tagen aber diskutiert der Tour-Tross einen eher seltenen Ausstiegsgrund: die Vorbereitung für die Olympischen Spiele. Der italienische Routinier Vincenzo Nibali sagte der Rundfahrt schon vor den schweren Pyrenäen-Etappen mit Blick auf das Straßenrennen in Tokio Adieu. Nach dem letzten schweren Anstieg am Donnerstag folgten ihm die beiden Top-Fahrer Miguel Angel Lopez (Kolumbien) und Michael Woods (Kanada). Und der Niederländer Mathieu van der Poel, der am ersten Wochenende das Gelbe Trikot erobert und es einige Tage lang getragen hatte, hatte sich bereits nach der ersten Alpen-Etappe und dem Verlust des Führungstrikots verabschiedet, weil er bei Olympia Gold im Mountainbiken gewinnen will.

Die Tour einfach Tour sein lassen, weil ein anderes Rennen vor der Tür steht? Quel scandale!

Die Tour einfach Tour sein lassen, weil ein anderes Rennen vor der Tür steht? Die Grande Boucle, die schönste, wichtigste und bedeutsamste Radschleife der Welt, nur ein Test für die wahren Ziele des Jahres? Quel scandale! "So etwas tut dem Radsport nicht gut", sagte zum Beispiel der fünfmalige Tour-Triumphator Eddy Merckx. Der französische Klassementfahrer Guillaume Martin, gemeinhin bekannt als der Philosoph des Pelotons, erklärte in dieser Woche, er finde das "respektlos".

Nun gehört zwar zu den Wahrheiten des Radsports, dass bei anderen Rennen im Sommer Fahrer just aus dem Grund aussteigen, weil sie sich so besser auf die Tour vorbereiten können. Und im Fall des Ausnahmetalents van der Poel war die Situation auch speziell: Der Niederländer aus der Wildcard-Equipe Alpecin-Fenix gab stets zu verstehen, dass das olympische Mountainbike-Rennen schon lange sein großer Traum war und er bei der Tour nur den Teamsponsoren zuliebe überhaupt startete. Das Terrain in den bretonischen Auftakttagen war wie für ihn gemacht, und immerhin bescherte er der Tour so auch eine tränenreiche und rührselige Geschichte: Sein Großvater Raymond Poulidor, der ewige Zweite und französische Publikumsliebling, war bei all seinen Tour-Teilnahmen nie auch nur einen Tag in Gelb gefahren, jetzt holte das der Enkel für seinen Opa nach.

Auch deswegen halten sich die Tour-Organisatoren von der Aso wohl zurück mit Kritik. Aber Merckx und Martin haben schon recht: Es wirkt schräg, wenn ein Profi nur mal kurz bei der Rundfahrt vorbeischnuppert und dann weiterzieht, als sei die Tour nur eine von vielen Edel-Boutiquen auf den Champs Elysees. Auch ist es unfair gegenüber anderen Fahrern, die so um den Jahreshöhepunkt gebracht werden und diesen sicher gerne beendet hätten; und selbstverständlich hat es Auswirkungen auf die Wettbewerbssituation im Rennen, wenn eine Mannschaft quasi ohne Not auf einen Fahrer verzichtet.

Die sauberere Lösung wäre es gewesen, so zu verfahren, wie es das deutsche Team Bora-Hansgrohe und sein Spitzenfahrer Maximilian Schachmann taten. Der zählt beim olympischen Straßenrennen zu den großen Medaillenanwärtern, wäre aber ob seiner Fähigkeiten aber am ersten schweren Tour-Wochenende auch ein Kandidat fürs Gelbe Trikot gewesen. Schachmann reiste erst gar nicht an zur Tour, sondern bereitete sich im Höhentrainingslager auf Tokio vor.

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