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Tour de France:So ist Froome immerhin den Druck los

Ein weiteres, gar nicht so abwegiges Szenario geht so: Sky dürfte gar nicht so traurig darüber sein, dass Thomas erst mal das Leibchen des Führenden schultert, denn wer in Gelb fährt, muss nach jeder Etappe eine Pressekonferenz geben, der wird auf dem Podium geehrt und im Fall von Sky derzeit vor allem kräftig ausgebuht, nach diversen Affären in den vergangenen Jahren. Froome, der die Reporter sowieso schon anzieht wie Honig die Ameisen und Bären, würde noch mehr Druck mit sich herumtragen, sollte er schon jetzt das Gelbe Trikot anlegen.

Was zählt, ist freilich die Sprache des Rennens. Und da sieht man zumindest, dass Thomas nicht nur seinem Kapitän zuarbeitet, sondern eine Initiativbewerbung fürs Gesamtklassement vorlegt. "Ich habe diesmal versucht, nicht zu viel in der ersten Woche zu wagen", sagte er, deshalb sei er jetzt noch so frisch in den Bergen. Unter der Woche hatte sich bereits Bradley Wiggins zu Wort gemeldet, Skys erster Tour-Sieger vor sechs Jahren, der später wegen umstrittener Medikamentenlieferungen und Ausnahmegenehmigungen für Corticosteroide ins Zwielicht geriet und jetzt für Eurosport als TV-Experte arbeitet.

Teamchef David Brailsford habe seinen beiden Fahrern eingeflüstert, dass sie beide die Tour gewinnen können, behauptete Wiggins. Der Boss lanciere so eine natürliche Auslese, ihm gehe es nur um den Sieg, nicht um den Fahrer, fügte er an. Und: "Er ist sehr egoistisch und spaltend." Wiggins ist da ein glaubwürdiger Zeuge, er war vor sechs Jahren Skys Kapitän und verkrachte sich mit seinem Helfer Froome, der stärker als Wiggins war und irgendwann für sich fuhr. Wiggins gewann die Machtprobe, aber er war sauer, dass Brailsford wenig unternommen hatte, um dieses "gefährliche Duell" zu stoppen.

Sollte Thomas seinen Kapitän jetzt tatsächlich überflügeln, wäre er der nächste erstaunliche Aufsteiger in Skys Diensten. Er debütierte 2007 als 21-Jähriger für das drittklassige Team Barloworld, sie riefen ihn Pinguin, wegen seiner fülligen Figur. Thomas wurde Vorletzter mit fast vier Stunden Rückstand, 2008 und 2012 gewann er dann Olympiagold mit der Mannschaft auf der Bahn, wagte einen Ausflug zur amerikanischen Garmin-Equipe, kehrte zu Sky zurück. Er steht Brailsford sehr nahe; als der Teamchef vor einem Jahr wegen anhaltender Dopinggerüchte vor den britischen Sportausschuss zitiert wurde, war Thomas der Erste, der seinem Chef öffentlich beisprang. Der Sportausschuss befand dann übrigens, Skys Glaubwürdigkeit liege "in Scherben".

Schwer zu glauben, dass einer der Verfolger bei der Tour noch an Thomas oder Froome vorbeizieht; bis auf Tom Dumoulin sind fast alle mehr oder weniger distanziert oder ausgestiegen. Sky, dichtete die Tageszeitung Libération, habe sich in eine Schlange mit zwei Köpfen verwandelt.

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