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Tour de France:Geologe in unerforschtem Gebiet

Lennard Kämna avanciert zum Mann für die speziellen Momente. Auch wenn er das nicht gerne hört: An seinem Namen baumeln jetzt immer häufiger mächtige Prädikate.

Von Johannes Knuth

Manchmal liegen in der Schönheit der Tour ihre größten Gemeinheiten. Vor allem die Debütanten spüren das, Tag für Tag: das rasende Tempo im Peloton, die atemberaubend schönen wie schweren Berge, der Erwartungsdruck, die Zuschauer, die so sehr lärmen, dass manchen Fahrern abends im Bett die Ohren klingeln. Und Lennard Kämna? Als man den damals 23-Jährigen im vorigen Jahr traf, bei seiner ersten Tour de France, da strahlte er schon viel Respekt aus, aber auch so eine ruhige Neugierde; wie ein Geologe, der einen unerforschten Streifen im tropischen Regenwald erkundet. Nur, dass Kämna weder Baumpythons noch ungewöhnliche Fragen zu schrecken schienen.

Habe er das also richtig verstanden, fragte ein Reporter, was Kämnas behutsamen Weg in die Radsport-Elite betreffe: "Das ist ja so, als müsstest du nicht gleich heiraten, wenn du eine schöne Frau siehst? Lieber erst mal kennenlernen, mal gucken, wie's läuft, dann vielleicht zusammenziehen?" Kämna schmunzelte, als stecke er gerade in einem merkwürdigen Blind Date, dann konterte er in seinem trockenen Bremer Idiom: "Joa. Kann man auch so sagen."

VILLARD DE LANS, FRANCE - SEPTEMBER 15 : KAMNA Lennard (GER) of BORA - HANSGROHE during stage 16 of the 107th edition o

Endlich belohnt: Lennard Kämna passiert auf dem Weg zu seinem Etappensieg in Villard de Lans einige Zuschauer.

(Foto: Jan De Meuleneir/imago)

Viele kleine Pedaltritte, so kann man es wohl auch sagen, führen irgendwann auch zum Ziel. Derzeit, bei der 107. Tour de France, avanciert Kämna, 24, zum Mann für die speziellen Momente, irgendwann rangelt er vielleicht um die Hauptpreise im Gesamtklassement. Auch wenn er das nicht so gerne hört, Prädikate wie "Ausnahmetalent" (Dietrich Thurau), die jetzt immer häufiger an seinem Namen baumeln. Seine jüngsten Auftritte sind natürlich nicht geeignet, die Begeisterung zu dimmen. Auf der 13. Etappe am Puy Mary, der eher als schwarze Skiabfahrt taugt denn als Anstieg für ein Peloton, verlor er den Spurt um den Tagessieg nur knapp gegen den Kolumbianer Dani Martinez. Und am Dienstagabend, auf der 16. Etappe nach Villard-de-Lans, da sprang er Richard Carapaz kurz vor dem Gipfel davon und riss auf den letzten 20 Kilometern ein kleines Loch, das selbst der Sieger des Giro d'Italia von 2019 nicht mehr stopfen konnte. Ein Manöver fürs Taktik-Lehrbuch, und ein "großartiger Tag" für Kämna, der seine erste Etappe bei einer großen Rundfahrt gewann - und sich tags darauf bei der Königsetappe erstaunlicherweise schon wieder in der Ausreißergruppe präsentieren konnte. Es passte, dass ein Fahrer mit wohltemperiertem Gemüt den ersten Tagessieg für sein Team Bora-hansgrohe bei dieser Tour schaffte, nach vielen aufwühlenden Niederlagen.

Kämna ist in Fischerhude bei Bremen aufgewachsen, er sagt gerne "kann sein" oder "kann man so sagen", aber seine Taten sprachen ja meist für ihn. Er war 17, als er WM-Gold im Zeitfahren der Junioren gewann; er konnte aber nicht nur lange und kräftig in die Pedale treten. Über die Berge kam er auch erstaunlich gut, mit 1,81 Metern und 65 Kilogramm Kampfgewicht, obwohl er nicht gerade im Hochgebirge ausgebildet wurde: in Bremen und an der Sportschule in Cottbus. Er ist Tritt für Tritt nach oben geklettert, erster Profivertrag beim Team Sunweb, auf der Tour-Etappe im Vorjahr am Galibier wurde er schon Vierter. Eigentlich hätte er bereits 2018 bei der Tour debütieren sollen, aber kurz davor fühlte er sich plötzlich ermattet, als lade ein Akku nicht mehr auf. Er sei "gesundheitlich und mental ein bisschen am Limit" gewesen, sagte er später.

Egan Bernal steigt aus

Titelverteidiger Egan Bernal ist aus der 107. Tour de France ausgestiegen. Der 23 Jahre alte Kolumbianer vom Team Ineos Grenadiers trat am Mittwoch nicht mehr zur schweren 17. Etappe in den Alpen an. Wie seine Mannschaft mitteilte, habe man "in Egans bestem Interesse" entschieden, den weit zurückgefallenen Bernal aus der Rundfahrt zu nehmen. Teamchef Dave Brailsford sagte: "Nach Abwägung sind wir an diesem Punkt der Auffassung, dass es klüger für ihn ist, das Rennen zu stoppen." Bernal war mit Rückenproblemen in die Tour gegangen. SID

Damals arbeitete er mit einer Sportpsychologin zusammen, fuhr fünf Monate keine Rennen - und kehrte "frischer und besser als je zuvor" zurück. Wobei er nie dem Aufhören nahe war, wie er jetzt noch mal betonte: "Ich wollte meinen Kopf gerade bekommen." Manchmal braucht man halt etwas Abstand zu dem, was man am liebsten tut, um das große Ganze wieder zu schätzen. Nicht viele Profis nehmen sich eine derartige Freiheit, schon gar nicht mit 22 oder 23 Jahren.

Wenn man Kämna in den vergangenen Jahren traf, merkte man erst mal wieder, wie schmächtig, fast zerbrechlich diese Kletterer wirklich sind, die im Fernsehen schnell zu Übermenschen stilisiert werden. Sprach man ihn aufs große Ganze an, sagte er: "Man kann nicht ständig in die Spitze fahren." Und auch: "Dieses Drei-Wochen-Rundfahrerbusiness ist schon knüppelhart." Schmerzen an jedem Tag. An jedem Berg. Kein Gramm zu viel auf den Rippen. Als Kämna zu Bora wechselte, begründete er das auch mit der behutsamen Strategie des Teams. Sunweb, sein alter Arbeitgeber, ist bekannt dafür, sehr viel, nun ja, Hingabe von den Angestellten zu fordern. Dieser Zugang, sagte Teamchef Iwan Spekenbrink unlängst, habe Kämna am Ende nicht mehr ganz behagt. Wobei er ihm das nicht als Schwäche auslegt, im Gegenteil. Die vergangenen Monate sprechen zumindest für sich. Bei der Dauphiné-Rundfahrt gewann Kämna zuletzt seine erste Etappe bei den Profis.

Man werde Kämna weiter behutsam anleiten, versicherte sein neues Team nun noch mal; das Hoch soll für mehr als eine Tour anhalten. Ob er wirklich einer für die großen Rundfahrten wird oder doch für die schweren Klassiker, werde man sehen. "Ich denke, ich bin als Etappenjäger in Fluchtgruppen auch gut unterwegs", sagte Kämna nach dem Tagessieg. "Das allein", fügte er an, "macht mich schon glücklich."

© SZ vom 17.09.2020

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