Tour de France:Flüche aus dem Teambus

Tour de France: Marcel Kittel (li.): Hat Stress mit seinem Team

Marcel Kittel (li.): Hat Stress mit seinem Team

(Foto: AP)
  • Der Auftakt der Tour de France läuft für die deutschen Fahrer alles andere als gut.
  • Tony Martin muss nach einem Sturz schon aussteigen, Marcel Kittel wird im eigenen Team kritisiert.
  • André Greipel mischt in der Konkurrenz noch kräftiger mit, wird aber von der Jury wegen einer Rangelei bestraft.
  • Nun gilt es, die erste sieglose Tour seit 2010 abzuwenden.

Von Johannes Knuth

Wer die Tour de France begleitet, stellt rasch fest, dass die Rundfahrt einem einzigen Festtag gleichen kann. Diese Feiertagsstimmung zieht drei Wochen lang in einer großen Karawane durchs Land, und am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, legt sich noch einmal ein zweiter, blau-weiß-roter Schleier um die Tour wie ein wohlig warmer Mantel. Die Franzosen verbringen ihren freien Tag an der Strecke, an den Bussen mancher Teams spielen sie die Nationalhymne, die einheimischen Fahrer probieren alles, um die Etappe auf ihre Seite zu ziehen - und scheitern meist spektakulär. Vor sechs Jahren war es sogar ein Deutscher, der am 14e Juillet gewann, André Greipel siegte im Sprint, sie nannten die Tour bald drauf die Tour d'Allemagne.

Noch ist es zu früh, ein Ende dieser deutschen Festtage zu proklamieren. Aber es dürfte in der Heimat kaum zu Montagsdemonstrationen kommen, wenn man den deutschen Radprofis nach der ersten Woche dieser 105. Tour ein durchwachsenes Zwischenzeugnis ausstellt. Marcel Kittel war zum Auftakt in Fontenay-le-Comte als Dritter eingetroffen, seitdem ging es vor allem bergab. Auf der zweiten Etappe wurde Kittel von einem Defekt gebremst, auf der vierten wurde er Fünfter, am Freitag fühlte er sich in Chartres so entkräftet, dass er seinen Teamkollegen Rick Zabel in den Spurt schickte.

Am Samstag, dem Nationalfeiertag, schnupperte André Greipel in Amiens lange am süßen Duft des Tageserfolgs, dann verstrickte ihn Fernando Gaviria in eine Rangelei; die Jury stufte beide um 90 Plätze zurück. John Degenkolb rutschte als bester Deutscher auf Rang drei, der Niederländer Dylan Groenewegen gewann seine zweite Etappe hintereinander. Kittel war als 15. chancenlos, seine Helfer Zabel und Tony Martin waren kurz vor dem Ziel gestürzt. Martin erlitt dabei einen Wirbelbruch, die Tour nahm für ihn ein schmerzhaftes Ende - einen Tag vor der von ihm sehnlich erwarteten Kopfsteinpflaster-Quälerei nach Roubaix.

Man zahle Kittel "viel Geld, aber er denkt nur an sich selbst"

Katjuscha-Alpecin, Kittels Team, war in einer nervösen Stimmung in diese Tour gezogen. Kittel, einer der Topverdiener, hatte seit seinem Wechsel im Winter nur zwei Siege beschafft, die Tour sollte einen Klimawechsel herbeiführen. Stattdessen erhob Dimitrij Konischew, einer von Katjuschas Sportdirektoren, am Samstag in der L'Equipe eine erstaunliche Anklage: Man zahle Kittel "viel Geld, aber er denkt nur an sich selbst". Als Beweisführung schilderte Konischew die Sitzung vor dem Teamzeitfahren. Kittel habe da "an seinem Handy herumgespielt und mich so wissen lassen, dass er nicht an meinen Anmerkungen interessiert ist".

Konischew, das muss man dazu wissen, steht eher dem Russen Ilnur Zakarin nahe, Katjuschas zweitem Kapitän, der bei der Tour um die Gesamtwertung kämpft. Kittel machte am Samstag, vor der Etappe nach Amiens, erst mal von seinem Recht auf Schweigen Gebrauch. Konischew ruderte derweil zurück: "Marcel stellt sich oft in den Dienst des Teams." Und die Sache mit dem Telefon? Ach, sagte Konischew, jeder hänge heute nur an seinem Handy, "das wahre Problem sind diese Smartphones". Und die Stimmung im Team sei sowieso gut.

Kittel wuchtete sein Fahrrad nach dem verkorksten Sprintfinale gegen den Teambus und schimpfte so laut durch den Wagen, dass die Flüche bis nach draußen zu hören waren.

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