Wenn sich die Teilnehmerinnen der Tour de France Femmes avec Zwift, so der offizielle Name, am Samstag zum Grand Départ im bretonischen Vannes einfinden, werden vor allem zwei Fahrerinnen im Rampenlicht stehen: Katarzyna Niewiadoma-Phinney (vom Team Canyon-SRAM zondacrypto), Gesamtsiegerin des letzten Jahres, und ihre Kontrahentin Demi Vollering (FDJ-Suez), die den Sieg 2024 um nur um vier Sekunden verpasste. Der Eichstätterin Ricarda Bauernfeind, ebenfalls an der Startlinie, wird weniger Aufmerksamkeit zuteilwerden – dabei ist sie für die Titelverteidigung von „Kasia“ Niewiadoma-Phinney nicht weniger wichtig.
Denn: Es war ein Zittersieg, den sich die Polin im Vorjahr erkämpfte, knapper wurde die Tour noch nie gewonnen. Und auch, wenn das Rennen in diesem Jahr eine Etappe und 219 Kilometer länger ist, die Fahrerinnen also mehr Zeit für den Auf- und Ausbau von Vorsprüngen haben, spricht einiges dafür, dass Vollering noch eine Vier-Sekunden-Rechnung mit Niewiadoma-Phinney begleichen will.
Das will Ricarda Bauernfeind, 25, die ebenfalls für Canyon fährt, unbedingt verhindern. Als Teamfahrerin muss sie Niewiadoma-Phinney bestmöglich positionieren, ihr Windschatten spenden, Attacken lancieren, um Gegnerinnen abzuschütteln. Und das vor allem am Berg, ihrem Spezialgebiet. Dort wird sich voraussichtlich in diesem Jahr die Tour entscheiden, die mit einer Strecke von 1165 Kilometern und 17 240 Höhenmetern einige steile Anstiege bereithält, aber kein Zeitfahren vorsieht.

„Alles geben für das Team, vor allem auf den letzten Bergetappen“, sei dementsprechend auch ihr Plan für die Tour, sagt Bauernfeind im Videotelefonat. Sie ist gerade in Andorra, ihr Höhentraining neigt sich dem Ende zu. Das Pyrenäentraining sei hart gewesen, sagt Bauernfeind, aber unerlässlich: „Das gehört mittlerweile einfach dazu. Wenn man kein Höhentrainingslager macht, dann braucht man gar nicht zur Tour.“ Ein Zeichen dafür, wie sehr sich der Rennsport der Frauen mittlerweile professionalisiert hat. Außerdem habe sich die Quälerei nicht nur für die Beine bezahlt gemacht: „Wir leiden alle zusammen. Und das beflügelt einen, weil wir uns gegenseitig unterstützen, wenn jeder im Keller ist. Weil wir wissen, dass wir es da gemeinsam raus schaffen.“
Ricarda Bauernfeind fährt seit 2022 bei Canyon-SRAM, zunächst war sie im Nachwuchsteam, seit 2023 ist sie bei den Profis. Dort gelang ihr eine Überraschung, als sie bei der Tour de France Femmes 2023 – ihrer ersten – die fünfte Etappe im Alleingang gewann. „Das war total unwirklich“, erinnert sie sich. „Ich habe nur die Teamtaktik ausgeführt und hatte nie die Absicht, die Etappe zu gewinnen. Aber klar, man hat natürlich Träume.“
Dass sie in diesem Jahr ihre zweite Tour de France absolviert, ist keine Selbstverständlichkeit. Ihre Karriere stand im vergangenen Jahr auf wackeligen Beinen, oder besser gesagt: lädierten Knien. „2024 war wirklich ein ziemliches Seuchenjahr“, sagt Bauernfeind. Sie erreichte zwar einen sechsten Platz bei der spanischen La Vuelta Feminina, wurde für die Olympischen Spiele gehandelt. Doch dann traten Schmerzen in den Knien auf, die einfach nicht verschwanden.
Operationen im linken und im rechten Knie: Das Rennjahr 2024 ist gelaufen
Die Diagnose: Plica-Syndrom, eine Reizung der Sinovialfalte im Kniegelenk. „Normalerweise macht die Falte keine Probleme, aber sie kann sich irgendwie unter die Kniescheibe zwicken, und das schmerzt“, erzählt Bauernfeind. Normalerweise, fährt sie fort, könne man die schmerzende Falte auch mit Physiotherapie wieder in den Griff bekommen, nur dass es bei ihr eben nicht normal verlaufen sei. „Ich habe gekämpft und geschaut, dass es irgendwie besser wird.“ Aber: Es wurde nicht besser.
Sie gestand sich ein, dass sie eine Pause einlegen musste – und zwei Operationen benötigte. Im August und im Oktober wurde sie operiert, am linken und am rechten Knie, um den Schmerzen ein Ende zu bereiten. Sie wollte weiter Radfahren, zumindest langfristig. Denn 2024, ihr selbst ernanntes Seuchenjahr, „das war mit den Operationen dann leider gelaufen“. Nach den Eingriffen durfte sie zwar schnell zurück aufs Rad, musste aber immer wieder Pausen einlegen, sich bremsen, auch wenn sie eigentlich Vollgas geben wollte. „Ich hatte immer wieder Trainingsausfälle, weil mein Körper einfach nicht so weit war“, erzählt sie. „Bei den ganzen Rückschlägen nicht die Hoffnung zu verlieren, das war das Schwierigste.“
Was sie indes nicht aus den Augen verlor: ihr großes Ziel, die erneute Teilnahme an der Tour de France Femmes. „Mein Trainer hat immer gesagt, bis zur Tour bekommen wir dich fit“, sagt sie. „Ich habe ihm vertraut. Und es hat geklappt.“ Dieses Vertrauen, dass es klappt, will sie auch in der Bretagne mit an den Start nehmen: „Wir haben eine starke Mannschaft. Kasia ist super in Form. Man braucht auch ein bisschen Glück, aber wenn jeder sein Bestes gibt und wir keine Stürze und keine Defekte erleben, dann haben wir gute Chancen.“ Ihr ganz persönliches Ziel? „Wenn ich am 3. August die Ziellinie von der letzten Etappe überquert habe, dann kann ich sagen, ja, jetzt ist es perfekt, jetzt bin ich wieder auf dem richtigen Weg.“ Sie sagt nicht: ein Etappensieg, das wäre perfekt. Aber klar, man hat natürlich Träume.

