Tour de France:Risikopatienten im Risikogebiet

Lesezeit: 3 min

Radprofi Buchmann trainiert wieder

Emanuel Buchmann: Stürzte vor kurzem bei der Dauphiné-Rundfahrt (Archivbild)

(Foto: Valentin Flauraud/dpa)

Es könnte besser laufen für den deutschen Radrennstall Bora-hansgrohe: In die Tour de France geht das Team zwar mit Podiumskandidat Emanuel Buchmann, doch er leidet wie seine beiden wichtigsten Adjutanten noch an Unfallfolgen.

Von Johannes Knuth

Emanuel Buchmann hat den Plan dieser zweiten Etappe zuletzt sehr gewissenhaft studiert, sie soll am kommenden Sonntag in Nizza beginnen und dort auch enden, am großen Auftaktwochenende der 107. Tour de France. Dabei hat Buchmann sich natürlich weniger für den Start- und Zielort interessiert, für die berühmte Promenade des Anglais etwa, oder die engen Kopfsteinpflasterstraßen in der Altstadt; und natürlich hat er sich als klettererprobter Fahrer, der auf jedes Gramm achtet, schon gar nicht in die regionale Küche eingelesen - was jammerschade ist, denn die Mangoldtarte à la niçoise soll sich ganz hervorragend mit dem blumigen Belletwein vertragen.

Buchmann wird jedenfalls eher die 186 Kilometer lange Etappe durch das Haute-Pays rund um Nizza inspiziert haben. Die hält gleich zwei Berge der ersten Kategorie bereit, den Col de la Colmiane und den Col de Turini. Das dürfte Tour-Kennern ein ähnliches Schnalzen abringen wie Sommeliers der blumige Bellet: je 15 Kilometer mit sieben Prozent Steigung im Schnitt, am Turini warten sogar zwei Passagen mit zehn Prozent.

"Es gibt keine Zeit zum Einrollen, schon auf der zweiten Etappe geht es in die Berge", richtete Buchmann also aus. Frei übersetzt: Das ist weit mehr als das übliche Anschwitzen - die Favoriten können die Tour in diesem Jahr wie immer nicht früh gewinnen, aber früher als sonst verplempern. Und das ist nun umso mehr ein Problem, wenn man, wie der 27 Jahre alte Ravensburger, noch vor zwei Wochen nach einem schweren Sturz mit schmerzentstellter Miene am Straßenrand kauerte.

Die Prellungen und Hämatome nach dem Unfall bei der Dauphiné haben sich hartnäckig gehalten

"Eigentlich dachte ich, die Tour ist gelaufen", erinnerte sich Buchmann jetzt an das, was ihm nach seinem Unfall bei der Dauphiné-Rundfahrt, beim großen Formtest vor der Tour, durch den Kopf geschossen war. Anlass der Reflexion war, dass Buchmann die Tour nun doch in Angriff nehmen wird, wie sein Arbeitgeber Bora-hansgrohe am Montagabend mitteilte. Auch zwei angeschlagene Kollegen gehören zum achtköpfigen Aufgebot: Gregor Mühlberger, der mit Buchmann gestürzt war, und Maximilian Schachmann, der zeitgleich bei der Lombardei-Rundfahrt einen Schlüsselbeinbruch erlitten hatte. Die Nachricht über die drei leitenden Angestellten kam durchaus überraschend: Zwar hatte sich Buchmann keine Frakturen zugezogen, Prellungen und Hämatome aber hatten sich hartnäckig gehalten. Erst am vergangenen Wochenende war er im Höhentrainingscamp in Livigno wieder aufs Rad gestiegen - und dort lief es "nicht nach Wunsch", wie er nun einräumte: "Das Ganze hat mich ziemlich zurückgeworfen."

Zuletzt sah es daher so aus, als würde sein Team deshalb den Plan B aktivieren: Die zuletzt starken Fahrer, wie der junge Lennard Kämna, würden um Etappensiege kämpfen, ansonsten würde man alles auf Peter Sagan setzen, den slowakischen Rad-Hipster, der in diesem Jahr zum achten Mal das Grüne Trikot des fleißigsten Punktesammlers erstehen kann. Am Montagabend, nach intensiven Unterredungen aller Beteiligten, einigte man sich dann doch auf Plan C: Buchmann werde die Rundfahrt angehen. Aber "inwieweit ich da mithalten kann, wird man sehen", teilte er mit: "Ich kann die Tour jetzt nur von Tag zu Tag in Angriff nehmen."

Teamarzt Jan-Niklas Droste assistierte, dass die Genesung des Patienten zwar planmäßig voranschreite, dass dies nun aber leider nur bedingt zum Zeitplan der Tour passe: "Körperlich wird er zu diesem Zeitpunkt sicher nicht in der optimalen Form sein." Bluff oder verbale Flucht nach vorne? Buchmann stößt die Tür zu seinen Gedanken ja eher selten auf und schon gar nicht weit. Nun klang er zumindest nicht wie jemand, der glaubt, sein veranschlagtes Ziel noch erreichen zu können: nach Rang vier in der Gesamtwertung 2019 nun auf das Podium des weltweit wichtigsten Radrennens zu klettern, als erster Deutscher seit Andreas Klöden 2006. "Der Sturz ist bitter", befand Buchmann, ehe er daran erinnerte, bis dahin "richtig gut in Form" gewesen zu sein. Bei der Dauphiné hatte tatsächlich nur Primoz Roglic einen noch besseren Eindruck hinterlegt, der ebenfalls gestürzte und nun angeschlagene Slowene.

Auch Schachmann beklagt fehlende Wehrhaftigkeit im Training und im Mentalen

Sicher ist erst mal nur, dass auch Buchmanns wichtigste Adjutanten nicht in Bestform nach Frankreich reisen werden. Maximilian Schachmanns Schlüsselbein sei schon wieder so gut verheilt, dass man ihm zumindest den Tour-Auftakt zumuten wolle, teilte das Team mit. Aber auch Schachmann beklagte fehlende Wehrhaftigkeit im Training - und im Mentalen: Er hoffe, sagte er, dass er im Rennen mit den Schmerzen werde umgehen können. Gregor Mühlberger, Buchmanns verlässlichster Zuarbeiter im Vorjahr, sei noch am besten weggekommen, sagte Teamarzt Droste; das lädierte Handgelenk des Österreichers könne man wohl mit einer Spezialschiene stabilisieren. Aber dann?

Drei sportliche Risikopatienten bilden nun das Gerüst des ambitionierten Teams aus Oberbayern - und das in einem Corona-Risikogebiet. Zumindest erklärte die deutsche Regierung die Regionen rund um Nizza sowie Paris, also Start- und Zielort der diesjährigen Tour, zu ebensolchen. Für Buchmanns Teamchef Ralph Denk ändert das aber nichts, diese Einstufung sei doch eher für die Touristen gedacht, sagte er nun. Und zu touristischen Zwecken reise man ja ganz sicher nicht nach Nizza. Nur mit welchen sportlichen Zielen, das muss sich erst noch zeigen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusSchwere Stürze im Radsport
:"Es geht doch um unsere Sicherheit"

Ein Fahrer kracht in eine Bande, ein anderer fällt eine Brücke hinunter. Im Radsport häufen sich schwere Unfälle. Maximilian Schachmann wurde von einem Auto angefahren - er spricht über mangelnden Schutz und seltsame Streckenführungen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB