Tour-Sieger Vingegaard:Rundfahrt der Vielfraße

Lesezeit: 3 min

Tour-Sieger Vingegaard: Jetzt muss er nur noch nach Paris rollen: Jonas Vingegaard.

Jetzt muss er nur noch nach Paris rollen: Jonas Vingegaard.

(Foto: Tim de Waele/Reuters)

Der Däne Jonas Vingegaard besteht auch die letzte Prüfung: Er wird das Gelbe Trikot Richtung Paris tragen und zudem das Bergtrikot gewinnen. Den Tagessieg im Zeitfahren holt der Belgier Wout van Aert - der das Grüne Trikot sicher hat.

Von Martin Schneider

Wout van Aert hat das abschließende Zeitfahren der Tour de France gewonnen. Natürlich. Wer sonst. Eine kleine Aufzählung, was der Belgier bei dieser Frankreich-Rundfahrt alles so gemacht und erreicht hat: Er wird das Grüne Trikot des besten Sprinters auf den Champs-Elysees tragen, er trug vier Tage lang das Gelbe Trikot des Gesamtführenden, hat drei Etappen gewonnen, gefühlt an jedem Tag einen Ausreißversuch gestartet, seinen Kapitän Jonas Vingegaard auf den Kopfsteinpflasterrouten der ersten Tour-Woche wieder an das Feld herangeführt und ihn auf der schwersten Pyrenäenetappe den Berg hinaufgezogen. Nebenbei ist der beste Sprinter auch noch der fünftbeste Bergfahrer. Und wer weiß - vielleicht hätte er sich ohne die Helferdienste wirklich beide Wertungstrikots schnappen können.

"Ich bin so platt nach diesen drei Wochen", sagte der ehemalige Cyclocrosser aus Herentals in Flandern im Zielbereich der Etappe, und man möchte sagen: immerhin. Van Aert ist ein Phänomen, und er steht damit symbolisch für diese Rundfahrt, die am Sonntag in Paris zu Ende gehen wird und die wie selten von einigen wenigen Dominatoren beherrscht wurde, die sich wie Vielfraße alles nahmen, was sie kriegen konnten.

Um Rennradreifenbreite am Sturz vorbei

Zu denen zählt auch Jonas Vingegaard, der nun vor seinem ersten Gesamtsieg steht, so lautet die traditionelle Formulierung vor der Tour d'Honneur, auf der das Gelbe Trikot nicht mehr angegriffen wird. Eine heikle Szene hatte er im Zeitfahren noch zu überstehen: 2,5 Kilometer vor dem Ziel schrammte Vingegaard um Rennradreifenbreite an einem Sturz vorbei. Auf der Abfahrt nach Rocamadour versteuerte er sich vor einer Felswand, kam minimal von der Straße ab, kratzte die Kurve im wortwörtlichen Sinne - das war knapp.

Danach nahm Vingegaard sichtlich Tempo raus. Vielleicht hätte er van Aert im Kampf um den Tagessieg sogar noch einmal gefährden können, so kam er 19 Sekunden nach ihm ins Ziel, aber noch acht Sekunden vor seinem Rivalen Tadej Pogacar, der Tagesdritter wurde und nun nach seinen zwei Tour-Siegen 2020 und 2021 als Zweiter nach Paris fährt. Vor allem im vergangenen Jahr trat der Slowene dermaßen dominant auf, dass vor der diesjährigen Tour nur wenige damit rechneten, dass ihn jemand auf dem Rad schlagen kann.

Aber 3:34 Minuten Vorsprung stehen nun in der Statistik, wovon Vingegaard allein 2:51 Minuten auf der im nachhinein entscheidenden 12. Etappe auf den Col de Granon herausfuhr, als Pogacar zum ersten Mal in seinem Tour-de-France-Fahrer-Leben einen waschechten Einbruch hatte. Bemerkenswert sind aber auch die Abstände der beiden Duellanten auf den Rest des Feldes. Der Brite Geraint Thomas, immerhin Tour-Sieger 2018, ist bereits über acht Minuten zurück; schon der Viertplatzierte, der Franzose David Gaudu, wird einen Rückstand von fast 14 Minuten haben. In der Regel befinden sich die ersten zehn Klassement-Fahrer in einem Korridor zwischen zehn und 15 Minuten.

Diese Tour ist aber auch die Tour eines Teams: Jumbo-Visma. Vingegaard und van Aert fahren beide für die ehemalige Rabobank-Equipe, und weil Vingegaard auf der letzten Pyrenäenetappe dem Berliner Simon Geschke auch noch die Bergwertung wegschnappte (Geschke: "Der Frust saß tief, mittlerweile bin ich froh über das Erreichte. Ich habe eine gute Show abgeliefert"), wird Jumbo gleich drei Trikots gewinnen, sechs Etappensiege nehmen sie auch noch mit. Eine Mannschaft, die zudem noch mit Primoz Roglic ihren zweiten Klassementfahrer früh verlor - er hatte sich die Schulter ausgekugelt. Nur das weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers wird an Pogacar gehen - der nebenher übrigens in der Sprintwertung Zweiter ist.

Die schnellste Tour der Geschichte - trotz der Härte, der Schikanen des Parcours

Ein paar dieser Auffälligkeiten sind sicher auch dem ungewöhnlichen Profil dieser Tour geschuldet, das von nahezu allen Fahrern als "härter als üblich" beschrieben wird. Tenor: Es gebe keine normalen Flachetappen mehr, beinahe jeder Tag beinhalte irgendeine Herausforderung, sei es Wind in Dänemark, Kopfsteinpflasterpassagen in Nordfrankreich oder eine steile Rampe zum Tagesabschluss. Dennoch wird es, falls auf der letzten Etappe nach Paris nicht das ganz große Bummeln ausbricht, bemessen an der Durchschnittsgeschwindigkeit die schnellste Tour der Geschichte.

Solche Statistiken nähren im Radsport die Zweifel, auch wenn viele Beteiligte betonen, dass die Werte schlecht vergleichbar seien, das Material sei etwa viel besser als früher. Und Jonas Vingegaard, der sei auf dem Weg nach Hautacam sogar zwei Minuten langsamer gewesen als Bjarne Riis, der erste dänische Tour-Sieger, der seinen Erfolg zur Hochzeit des flächendeckenden Epo-Dopings errang. Dennoch - wenn eine Mannschaft alle dominiert, stellen sich Fragen: etwa nach den Ketonen, ein von Jumbo-Fahrern benutztes Nahrungsergänzungsmittel, das zwar erlaubt ist, von dessen Einnahme der Weltradsportverband aber dringend abrät. Und Vingegaard mag langsamer gewesen sein als Riis, dafür reicht er in anderen Statistiken an Lance Armstrong heran.

Am Sonntag folgt jedenfalls das Finale auf den Champs-Elysees. Favorit auf den Tageserfolg ist übrigens der Vorjahressieger: Wout van Aert vom Team Jumbo-Visma.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB