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Tour de France:Ende der unbefleckten Zeit

Tour de France: Arkea-Samsic-Team um Nairo Quintana

Im Fokus der Ermittler steht das bretonische Arkea-Samsic-Team um den kolumbianischen Bergspezialisten Nairo Quintana

(Foto: dpa)

Erstmals seit 2012 gab es bei der Rundfahrt eine Razzia wegen des Verdachts auf Doping. Im Visier: das Arkea-Samsic-Team um Nairo Quintana. Dem Radsport droht ein neuer Skandal.

Von Johannes Aumüller

Rund um die Tour de France konnten die Verantwortlichen der Rad-Szene in den vergangenen Jahren eine interessante Geschichte erzählen. Während es im Saisonverlauf im Peloton stets reichlich Dopingfälle gab, geschah bei der Frankreich-Rundfahrt selbst: nichts mehr. 2012 war das letzte Mal gewesen, dass die Polizei zu einer ihrer vorher so häufigen Razzien vorbeikam - der Franzose Rémy de Grégorio war das Ziel. Der letzte Positivbefund während der Tour datiert aus dem Jahr 2015, als sich im Blut des Italieners Luca Paolini Kokain-Spuren fanden. Es wirkte natürlich schräg, dass just zum alles überragenden Jahreshöhepunkt an der Dopingfront alles ruhig blieb. Doch nun ist die Zeit der unbefleckten Tour fürs Erste vorbei, dem Radsport droht ein neuer Skandal.

Am Montagabend, 24 Stunden nach der Ankunft des Trosses auf den Champs-Élysées, bestätigte die Staatsanwaltschaft Marseille der Nachrichtenagentur AFP, dass sie Vorermittlungen wegen des Verdachts auf Doping führe. Im Fokus steht das bretonische Arkea-Samsic-Team um den kolumbianischen Bergspezialisten Nairo Quintana. Es gehe aber nur um einen kleinen Teil des Teams, so die Staatsanwaltschaft. Die Vorwürfe: Verschreibung einer verbotenen Substanz sowie Anstiftung zur Verwendung einer verbotenen Substanz oder Methode. Zwei Personen, allerdings keine Fahrer, sind in Polizeigewahrsam. Bei ihnen seien bei einer Durchsuchung "viele Gesundheitsprodukte und Medikamente gefunden worden", außerdem stieß man auf Gerätschaften für eine "Methode, die man als Doping bezeichnen könnte", so die Ermittler.

Nun hat die Tour also vermutlich ihren ersten großen Dopingskandal seit längerer Zeit. In gewisser Weise können die Verantwortlichen der Rundfahrt dabei froh sein, dass das Rennen wegen der Corona-Pandemie und ihrer Folgen nicht unter normalen Umständen ablief. Denn ohne die durch das Virus begründeten Rahmenbedingungen wäre die Doping-Bombe wohl schon mitten in die letzte, heiß umkämpfte Woche der Rundfahrt geplatzt.

Das Augenmerk bei der Razzia galt insbesondere den drei kolumbianischen Fahrern

Bereits nach der Königsetappe auf den Col de la Loze am vergangenen Mittwoch kam es in der Unterkunft der Arkea-Mannschaft zu einer Razzia durch die Gendarmerie. Das bekam nur keiner mit, weil die Tour-Teams in diesem Jahr in einer Blase unterwegs waren und der Öffentlichkeit jeglicher Kontakt untersagt war. Daher rollte der Tross erst einmal ohne Dopingermittlungs-Schlagzeilen weiter bis zum traditionellen Finale in Paris; und erst am Montagabend berichtete die Staatsanwaltschaft Marseille über die Ermittlungen und die erfolgte Durchsuchung. Die Tour-Macher von der Amaury Sport Organisation (Aso) erklären, sie hätten von der Razzia auch erst durch die Lektüre der Zeitungen, also am Montag, erfahren.

Die Staatsanwaltschaft selbst nennt keinerlei Namen, doch die Zeitungen L'Équipe und Le Parisien legten durch ihre Recherchen bereits sehr viele Details vor. Demnach galt das Augenmerk bei der Razzia insbesondere den drei kolumbianischen Fahrern des Teams: Kapitän Nairo Quintana, 30, seinem Bruder Dayer, 28, sowie Winner Anacona, 32. Aber auch die Unterkünfte mancher Betreuer sowie Teamwagen seien durchkämmt worden. Quintana sei am Montag auch schon durch die Ermittler befragt worden. Bei den beiden festgesetzten Personen handele es sich demnach um einen Arzt sowie um einen Physiotherapeuten. Während der Durchsuchung seien unter anderem Material für Infusionen und Kochsalzlösungen sichergestellt worden; Letztere können dazu dienen, den Hämatokritwert im Blut zu senken.

Arkea ist eigentlich ein Zweitliga-Team, bekommt für die Tour aber immer eine Wildcard

Die Arkea-Mannschaft beantwortet konkrete Fragen zu einzelnen Aspekten zwar nicht. Sie gab allerdings ein längeres allgemeines Statement heraus. Darin betonte Generalmanager Emmanuel Hubert, dass sich die Durchsuchung nur gegen eine sehr geringe Anzahl von Fahrern gerichtet habe - sowie deren "enge Begleiter, die nicht im Team beschäftigt waren". Ansonsten präsentierte Hubert die Wortbausteine, die Verantwortliche so oft von sich geben, wenn der Dopingverdacht in die Nähe ihrer Mannschaften rückt. Man distanziere sich von solchen Handlungen und würde ohne abzuwarten die notwendigen Maßnahmen ergreifen, falls sich tatsächlich Dopingpraktiken bestätigen würden.

Quintana selbst meldete sich am Dienstagabend in den sozialen Netzwerken zu Wort. Er bestätigte, dass sein Zimmer durchsucht und er selbst befragt worden sei. "Die Behörden betraten mein Zimmer und beschlagnahmten völlig legale Vitaminpräparate, obwohl sie den französischen Behörden vielleicht nicht bekannt waren", sagte er. Er habe auch alle Fragen der Ermittler freiwillig und mit reinem Gewissen beantwortet. Jeglichen Dopingverdacht schob Quintana weit von sich. Er sei ein "sauberer" Fahrer: "Ich habe nichts zu verbergen und hatte nie etwas zu verbergen."

Nairo Quintana war erst im Winter zu Arkea gewechselt. Nach vergeblichen Anläufen bei Movistar wollte er in neuem Umfeld endlich noch einmal die Spitze des Tour-Klassements angreifen, am Ende kam er auf Rang 17 an. Arkea ist eigentlich ein Zweitliga-Team, bekommt für die Tour aber immer eine Wildcard, weil die Aso gerne viele französische Teams dabeihat. Gemeinhin erzeugen diese viel Begeisterung bei den Fans und eine Vitalisierung des Rennens - in diesem Jahr aber auch einen Dopingverdacht.

© SZ vom 23.09.2020/tbr

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