Radsport Die Tour und die dreckige Wäsche

Das britische Team Sky um Gesamtsieger Geraint Thomas (6.v.r.) dominiert die Tour de France.

(Foto: AP)

Die Tour de France hat ihre Kraft immer aus Mythen und Legenden gezogen. Doch die schönen Bilder können längst nicht mehr den Schmutz des Sports überdecken - das hat auch die diesjährige Rundfahrt gezeigt.

Kommentar von Johannes Knuth

Der Journalist Jean-Louis Le Touzet hat die Tour de France mehr als zwei Jahrzehnte lang für die französische Tageszeitung Libération begleitet, seine Beobachtungen waren der Poesie oft näher als dem Journalismus. "Die Tour hat immer gedacht, dass sie größer und stärker ist als die Dopingaffären", hat Le Touzet einmal gesagt, "aber das ist wie ein Alkoholiker, der glaubt, er könne seine Sucht kontrollieren. Und dann wacht er eines Morgens auf und stellt fest, wie abhängig er ist."

Das Gegenmittel, sagte Le Touzet, waren immer die Erinnerungen: "Die Fahrer, die großen Duelle, die Berge, das Leiden - all diese Erinnerungen haben wie eine Waschmaschine funktioniert." Wenn die Rundfahrt mal wieder von einer Dopingaffäre befleckt wurde, warfen die Veranstalter ihre Tour in die Waschmaschine, wuschen sie mit dem Mythen- und Legendenpulver, und das Rennen erschien wieder porentief sauber. Aber die Maschine habe ihr Lebensende erreicht, befand Le Touzet: "Das Pulver ist alle, die Wäsche kommt dreckig heraus. Ein Tour-Sieg trägt kaum noch einen Wert in sich. Wie kann man einen Sieg ausschlachten, an den niemand mehr glaubt?"

Le Touzet hat das übrigens vor zehn Jahren gesagt, aber seine Worte klingen aktueller denn je.

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Dem Volkszorn wohnt auch immer eine Doppelbödigkeit inne

Die Tour hat an diesem Wochenende ihre 105. Auflage beendet, der Waliser Geraint Thomas hat zum ersten Mal für sein kleines Land das größte Radrennen der Welt gewonnen. Es war eine mitunter spektakuläre, für manche auch ein bisschen zu spektakuläre Tour, aber zur Wahrheit gehört halt auch, dass das Spektakel von großem Misstrauen begleitet wurde: Die Pfiffe und Buhrufe am Wegesrand und an den Etappenorten zählten noch zu den freundlicheren Bekundungen, die Thomas und seiner affärenbeladenen Sky-Equipe entgegenschlugen. Dem Volkszorn wohnt dabei auch immer eine Doppelbödigkeit inne; so herzhaft wie die Franzosen die Briten von Sky auspfeifen, so feurig verehren viele immer noch so manchen uneinsichtigen Fahrer aus dem Hochdopingzeitalter (man denke an Laurent Jalabert oder Richard Virenque). Die 105. Tour hat jedenfalls mehr denn je das gebündelt, was Le Touzet schon vor zehn Jahren beobachtete: dass die schönen Bilder längst nicht mehr den Schmutz des Sports überdecken können.

Es stimmt schon: Sky verfügt über das größte Budget aller Profiteams, die besten Experten, die stärksten Helfer für ihre Kapitäne, die bei fast jeder anderen Mannschaft selbst eine Führungsrolle bekleiden würden. Aber so groß der Aufwand der britischen Equipe ist, so massiv sind die Affären, die mysteriösen Medikamentenlieferungen an ihre Fahrer, die Überdosis Salbutamol für den viermaligen Tourgewinner Christopher Froome, für die er kurz vor der Tour einen undurchsichtigen Freispruch kassierte.

Seit Sky die Tour dominiert und sechs Siege in den vergangen sieben Jahren beschaffte, ist die Rundfahrt quasi dopingfrei, offiziell zumindest. Auch während der diesjährigen Auflage schlug bislang kein Test an. Und zur Wahrheit gehört auch, dass der Sport in der jüngeren Vergangenheit einiges in seine Betrugsfahndung investierte und einige Pharmabetrüger enttarnte, während andere Sportarten das Problem eher aussitzen, indem sie ihre Tests weitmaschig fassen. Aber wer sich mit Anti-Doping-Experten unterhält, die schildern, wie viele, kaum nachweisbare Mittel auf den Markt geschwemmt werden; wer die Haudegen sieht, die weiter in der Szene wirken; wer die Verwandlung mancher Fahrer verfolgt und ihr ungebrochen schnelles Tempo, was Experten die Sorgenfalten auf die Stirn treibt - der kann nur zu der Erkenntnis gelangen, dass es auch 2018 nicht so porentief sauber zugeht, wie es der Radsport gerne suggeriert.

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