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Tour de France:Evans' ernüchternde Erklärung

Professionalität hat Evans vom Image eines Zauderers und Verlierers befreit, "ich bin so oft dafür kritisiert worden, Zweiter zu sein", sagt er abends bei der traditionellen Gesprächsrunde des Tour-Siegers. "Jetzt bin ich bin ein freier Mann." Über den eigenen Lenker hinaus will sich der frühere Mountainbiker aber keine Gedanken machen.

Im Gegensatz zu 2007 und 2008, als er Zweiter wurde und Dopingskandale und skurrile Leistungen die Tour de France prägten, habe der Wettbewerb diesmal fairer ausgesehen, sagt jemand und fragt, ob er vielleicht auch deshalb gewann. Evans' Antwort ist so kühl und ernüchternd, wie das von ihm zu erwarten war. Er sagt: "Ich bin nicht in einer guten Position, um das zu kommentieren."

An nichtssagende Sieger hat man sich gewöhnt bei der Tour, die Vorgänger Floyd Landis, Alberto Contador oder Carlos Sastre äußerten sich ähnlich einsilbig. Doch im Grunde ist Evans wenigstens ehrlich gewesen, denn in guter Position sein, um als Vertreter eines sauberen Radsports durchzugehen - das wird er nie.

Dass der im Tessin lebende Routinier zum italienischen Dopingarzt Michele Ferrari Kontakte unterhielt, hat er mal bestätigt, mal dementiert. In Grenoble deutete er ja selbst an, wer ihn noch alles begleitet. Bei der Erwähnung seines kürzlich verstorbenen Trainers Aldo Sassi war er sogar zu Tränen gerührt.

Sassi war einst Manager vom Team Mapei, das später wegen zahlreicher Dopingfälle schließen musste. Auch im aktuellen BMC-Team umgeben ihn Personen, deren Vergangenheit pikante Fragen aufwirft. Die Teambesitzer, Jim Ochowicz, 60, und Andy Rihs, 69, wurden zuletzt vom Kronzeugen Landis beschuldigt, sie hätten ihn bei Team Phonak zum Doping ermuntert; Rihs habe den Betrug sogar finanziert. Ebenso sei John Lelangue eingeweiht gewesen. Der Belgier ist nun BMC-Sportchef. Die drei Herren dementieren. Verklagt haben sie Landis offenbar nicht

Landis hatte 2006 die Tour für das Team des Geschäftsmanns Rihs gewonnen, ehe ihm der Sieg wegen Dopings aberkannt wurde. Der Schweizer machte Phonak dicht, angeblich sei er angewidert wegen des runden Dutzends Dopingfälle. Zeitgleich formierte Rihs aber das BMC-Nachwuchsteam, das er dann mit viel Geld und einschlägigem Personal aufrüstete: Manager Ochowicz arbeitete einst bei Motorola mit Lance Armstrong.

Teamarzt ist Max Testa, dessen Vita als Betreuer bei Mapei und Armstrongs Rennstall sowie von Profis wie Levi Leipheimer ebenfalls eine auffällige Nähe zum Kernthema Doping belegt. Der Chef-Pfleger von BMC, Freddy Viaene, ist ebenfalls gut bekannt. Der Belgier begleitete Armstrong bei sechs Tour-Siegen.

Aber über derlei Dinge redet Evans nicht. Er ist in keiner guten Position, da hat er recht. Auch der vermögende Patron Rihs, der weiterhin Erfolg über Ethik stellt, will seine Ruhe haben. Den Landsleuten von der Neuen Zürcher Zeitung sagte er am Samstag, sie bräuchten ihn gar nicht ansprechen, weil sie über Doping berichten. Man muss Rihs' Sehnsucht nach einer langen Party verstehen: Der letzte Profi, der erst am finalen Tour-Samstag Gelb eroberte wie nun Evans, ist Landis gewesen.

© SZ vom 25.07.2011/jüsc
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