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Toursieger Egan Bernal:Der Mann, der das Leiden liebt

Tour de France

Genehmigt sich auf der letzten Etappe bereits einen Schluck Sekt: Egan Bernal

(Foto: dpa)

Als erster Südamerikaner in der Tour-Geschichte trägt Egan Bernal das Gelbe Trikot nach Paris. Dabei fuhr der 22-Jährige in Frankreich nur, weil er die Teilnahme am Giro d'Italia wegen einer Verletzung absagen musste.

Von draußen kroch allmählich die Kälte herein, aber drinnen, im Pressezentrum, wurde die Stimmung immer feuriger. Der Kolumbianer Egan Bernal hatte seine Führung bei der Tour de France soeben auch auf der 20. Etappe nach Val Thorens bewahrt, nun nahm er in einer großen Runde die Fragen der Reporter entgegen. Wobei: Fragen traf es nicht immer so ganz. "Danke großer Champion, was du für unser Land geleistet hast!", so begannen viele Anreden der Reporter aus seiner Heimat. Später umschwärmten sie ihren Champion wie Bienen einen Honigstock, es gab Küsse, Umarmungen, Erinnerungsfotos. "Egan, noch ein Bild! Egan, ein Gruß an die Familie zu Hause!" - so sieht das also aus, wenn ein Land erlöst wird.

Aber gut, Egan Arley Bernal Gómez war am Sonntagabend nun einmal der erste Kolumbianer und sogar der erste Südamerikaner, der das Gelbe Trikot auf der letzten Etappe nach Paris trug, wo der Führende traditionell nicht mehr mit Attacken belästigt wird. Viele berühmte Vorgänger hatten die Hoffnungen auf diesen Hauptgewinn schon geschultert, Hoffnungen so hoch wie Galibier, Ventoux und Tourmalet zusammen. Alle waren sie gescheitert, Luis Alberto Herrera, Fabio Parra, Nairo Quintana. Letzterer gewann diesmal zwar die schwere Etappe über den Galibier, im Klassement hatte es ihn aber weit zurückgespült, mal wieder.

Nur: Jetzt war da ja Bernal, der am Wochenende so viele Tränen vergoss, dass fast in Vergessenheit geriet, wie diese fiebrige Tour am Ende wieder in ein altes Muster verfiel: Die Briten vom Team Ineos (ehemals Sky) stellten erneut den Gesamtsieger, zum siebten Mal in acht Jahren. Wenn auch diesmal mit dem jüngsten Tour-Sieger seit dem Zweiten Weltkrieg. Zeugte Bernals Erfolg, wie viele schon mutmaßten, sogar vom Anbruch einer neuen Ära?

Am Ende sind es zwei Attacken in der dünnen Luft

Sein unmittelbarer Triumphzug hatte schon im Mai begonnen, ebenfalls mit Tränen: Bernal hatte sich bei einem Sturz das Schlüsselbein gebrochen, sein geplanter Start beim Giro d'Italia war dahin. Allerdings blieb noch genug Zeit, um für die Tour fit zu werden, die er ursprünglich gar nicht hatte bestreiten wollen. Und dann stürzte sein Teamkollege Christopher Froome ebenfalls schwer, und weil auch Vorjahressieger Geraint Thomas bei der Tour de Suisse verunfallte (wo Bernal gewann), war der Kolumbianer plötzlich die große Hoffnung seiner britischen Equipe.

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Er fuhr zunächst ein wenig im Schatten von Thomas, die Helfer von Ineos schwächelten, das hatte man in Frankreich lange nicht erlebt. Aber Bernal wurde in den Alpen immer vitaler, dort, wo es allein über fünf Gipfel über 2000 Meter ging. Klar, die Höhe habe ihm sicher geholfen, sagte er, sein Heimatort Zipaquirá liegt auf 2600 Meter im Herz der Anden. Am Ende waren es zwei Attacken in der dünnen Luft, auf der 18. und 19. Etappe, mit denen er die Konkurrenten ermatten ließ: Thomas, der am Ende Zweiter wurde, vor dem Niederländer Steven Kruijswijk und dem Deutschen Emanuel Buchmann. "Ich liebe einfach das Gefühl, in den Bergen zu leiden", erklärte Bernal hernach, "ich liebe dieses Gefühl, nicht zu wissen, ob du für diese Herausforderung bereit bist oder nicht." Diese Unbekümmertheit und Liebe zu seinem Sport habe ihn schon immer getragen, so einfach sei das.