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Tour de France:Auf dem Hinterrad ins Ziel

Tour de France - The 59.5-km Stage 20 from Albertville to Val Thorens

Der Slowake Peter Sagan fällt nicht nur durch allerlei Sperenzchen auf, sondern auch mit dem regelmäßigen Gewinn des grünen Trikots.

(Foto: Gonzalo Fuentes/Reuters)

Leichte Sprinter, Vaterfreuden, eine ungewöhnliche Putzkolonne: Die Tour de France hatte in diesem Jahr manch erinnerungswürdige Dramen und Duelle, aber auch viele Episoden, die fast in Vergessenheit gerieten - eine Nachlese.

Die 106. Tour de France bot viele aufwühlende Momente, es wurde geweint, gejubelt, Schlammlawinen und Hagelschauer donnerten auf die Strecke. Da geriet mancher Akt in diesem 21-teiligen Theaterstück fast in Vergessenheit. Aber nur fast.

Australischer Kraftwürfel

Caleb Ewan hat in seinem Radsport-Leben früh die Kunst der Improvisation gelernt. Oder besser: lernen müssen. "Ich musste schon immer Wege finden, um die größeren Sprinter zu überlisten", erzählte der 25 Jahre alte Australier während dieser Tour. Ewan misst 1,65 Meter und ist 61 Kilo schwer, er ist ein Federgewicht im Vergleich zu Mitbewerbern wie André Greipel (1,83/78), die bei den Massenspurts eher wie ein LKW Richtung Ziel preschen - schwerfällig am Anfang, dann kaum aufzuhalten. Aber Ewan hat mittlerweile auch seine Methoden gefunden, die zum Erfolg führen. Er beginnt seinen Antritt schon mal am Hinterrad eines Konkurrenten, ehe er sich im letzten Moment in den Wind wagt. Drei Etappen gewann er so bei dieser Tour, seiner ersten überhaupt, er war damit der erfolgreichste Sprinter. Und am Sonntag, beim großen Finale auf den Champs-Elysées, erschuf er sein bislang größtes Werk: Da schoss er im Schatten der Führenden von links nach rechts in eine Lücke hinein, die es kaum gab - und an allen vorbei. Ewan steht somit auch für den Trend zum kleineren, aerodynamischen Fahrer, der mit den immer abwechslungsreicheren Profilen der Rundfahrt besser klarkommt. "So Dicke wie ich, die die Berge nicht hochkommen, gibt es kaum noch", sagte André Greipel, Ewans Vorgänger bei Lotto-Soudal. Greipel wurde am Sonntag in Paris übrigens Sechster. Es war sein bestes Ergebnis bei dieser Tour.

Konstante in Grün

Seit ungefähr sieben Jahren gibt es nach den meisten Etappen eine Konstante in Grün: Peter Sagan wird dafür geehrt, dass er das Trikot des Punktbesten verteidigt hat. Der Slowake, mittlerweile in Diensten der deutschen Bora-hansgrohe Equipe, ist nicht nur ein famoser Sprinter, er kommt auch erstaunlich gut über Hügel in fast allen Farben und Geschmacksrichtungen, so staubt er über die drei Wochen einer Rundfahrt oft mehr Punkte ab als alle anderen Konkurrenten. Am Sonntag in Paris nahm er das Grüne Trikot nun schon zum siebten Mal mit nach Hause, womit der 29-Jährige auch den Rekord des Deutschen Erik Zabel (sechs Siege) getilgt hat. "Wirklich schön", fand Sagan das - wobei er bei dieser Tour trotz eines Tagessieges in Colmar lange nicht so spielerisch die Etappen aufmischte, wie man es von ihm gewohnt ist. Das Unterhaltungs-Ressort besetzte er freilich noch immer routiniert. In Val Thorens fuhr er auf dem Hinterrad ins Ziel, davor signierte er einem Fan ein Exemplar seiner Autobiografie - während er den Tourmalet hinaufstrampelte.

Glückwünsche wider Willen

Es war wohl als kleine, verzweifelte Motivationshilfe gedacht, als ein Betreuer aus dem Begleitfahrzeug der Katjuscha-Alpecin-Auswahl auf der schweren 17. Etappe nach Gap einen Schnuller in die Kamera hielt. Ihr Fahrer Nils Politt schuftete gerade in einer Ausreißergruppe, ein paar Tage zuvor war er Vater einer Tochter geworden. "Eigentlich wollte ich das erst nach der Tour sagen", gab Politt nach der Etappe zu. "Aber jetzt ist es halt raus", sagt er, hörbar irritiert. Die Glückwünsche zur Geburt nahm er trotzdem höflich entgegen. Das war es dann auch mit den Glückwünschen, weder Politt noch seine Auswahl trugen einen zählbaren Erfolg aus dieser Tour, auch wenn der 25 Jahre alte Kölner sich immer wieder nach Kräften bemühte. Es war am Ende eine düstere Tour für das schweizerisch-russische Projekt; wie und ob die Equipe nach der Saison weiter existiert, ist auch noch immer unklar. Wobei sich Politt auf dem Transfermarkt noch am wenigsten Sorgen machen muss, nach seinem zweiten Platz im Frühjahr bei Paris-Roubaix und dieser Tour. Und fürs Erste gibt es ohnehin Wichtigeres in seinem Leben.

Schmetterlinge statt Penisse

Jeden Tag, der Morgennebel liegt oft noch schwer über der Landschaft, fährt ein Lieferwagen bei der Tour de France die Route der bevorstehenden Etappe ab. Im Auto sitzen Patrick Dancoisn, 59, hauptberuflich Leichenbestatter, und Martial Brasselet, 20, Student. Ihr Spitzname: Guerilla-Einheit. Ihre Waffen: Weiße Farbe und dicke Pinsel, mit denen sie anstößige Botschaften übermalen, die Menschen auf die Rennroute gepinselt haben. Und davon gibt es immer mehr in Zeiten, in denen die Gelbwesten in Frankreich gegen die Regierung protestieren oder die Bauern gegen zu viele Wölfe in den Bergen. Für die immer wiederkehrenden Geschlechtsteile hat Dancoisn sogar eine gewisse Taktik entworfen: Oft verwandelt er sie in Schmetterlinge. Die Tour ist ja nicht nur ein Rennen, sie ist auch Wirtschaftsunternehmen und Tourismuskampagne, nichts soll da die Bilder stören, die meist aus der Luft von Helikoptern eingefangen werden. "Man kann die menschliche Dummheit nicht stoppen", sagte Dancoisn bei dieser Tour einem Reporter des Wall Street Journal. Aber man kann sie übermalen.

Gepunkteter Trostpreis

So schwer die Trauer der Franzosen bei dieser Tour wog, dass es wieder nichts wurde mit dem ersten Gesamtsieg seit 34 Jahren - immerhin einer der ihren wurde in Paris mit einem Trikot prämiert. Und es war schon eine ulkige Pointe, dass Romain Bardet sich das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers sicherte. Der 28-Jährige hatte sich neben (dem später verletzten) Thibaut Pinot ja eigentlich um das Gelbe Trikot des Tour-Siegers bemühen sollen. Aber Bardet purzelte in den schweren Anstiegen immer wieder aus der Gruppe der Favoriten. Am Ende reichte ihm ein Ausreißversuch auf der schweren 18. Etappe nach Valloire, um genug Zähler für das Berg-Klassement zusammenzutragen. Ein Trostpreis? "Bei dieser Tour ist mir wirklich nichts leichtgefallen, aber ich bin stolz, dass ich nicht den Kopf habe hängen lassen", sagte Bardet. Er habe sich in diesem Jahr überhaupt an wenigen Erfolgserlebnissen wärmen können: "Dafür war es eine gute Lebensschule."

Gelbe Welle

Am Samstagmorgen war der Hauptplatz in Zipaquirá schon gut gefüllt, manche Zuschauer kamen sogar aus den Nachbarstädten in die verschlafene Kleinstadt in den Anden, um Egan Bernal hochleben zu lassen - "den geliebten Sohn", wie sie den 22 Jahre alten Kolumbianer in seiner Heimatstadt rufen, der am Sonntag als erster Südamerikaner das schwerste Radrennen der Welt gewann. Auf Bildern ist zu sehen, wie Zuschauer ihre Fahrräder in die Höhe reckten, viele trugen Nationaltrikots, gelb wie das Gelbe Trikot der Tour. Radsport ist in Kolumbien die Nummer zwei hinter dem Fußball, es gibt viele Talente, große Rennen, die besten Profis werden von Politikern hofiert. Warum hat es da eigentlich so lange gedauert bis zum ersten Tour-Sieg eines Kolumbianers, wurde Bernal am Wochenende gefragt. Gute Frage, sagte Bernal, dann fügte er an: "Früher war es sehr schwer, in Europa zu fahren, weil wir am anderen Ende der Welt leben." Aber die Reiserei sei viel einfacher geworden. Es brauche nur immer einen, der mit seinen Siegen etwas anstoße, wie früher Nairo Quintana. Und natürlich jetzt Bernal. "Kolumbiens Radsport ist schon sehr stark", befand der 22-Jährige, "aber er wird in den nächsten Jahren noch stärker sein."