Getränke und Nahrung sind rares Gut zwischen Kehre eins und 21. Und so drängten sich an diesem Samstag in Alpe d’Huez Hunderte an einer Sandwichbude vier Kilometer vor dem Ziel, die praktischerweise direkt neben einem XXL-Flachbildschirm positioniert war. Sie sahen, dass der US-Amerikaner Sepp Kuss sieben Kilometer vor dem Zielstrich in Führung lag, dicht verfolgt von Richard Carapaz aus Ecuador. Der Kampf des 33-Jährigen wirkte zunehmend verzweifelter, er kam Kuss keinen Meter näher. Und dann, kurz vor der Kurve am Imbiss, ging dort ein entsetzter Aufschrei durchs Publikum.
Auf einem Streckenabschnitt 1800 Meter vor dem riesigen Fernseher ereignete sich eine Szene, die tragisch hätte enden können. Der 31-Jährige vom Team Visma hatte sich in einer Kurve verschätzt, versuchte noch zu bremsen, stürzte auf die Fahrbahnbegrenzung und schlitterte am installierten Fangnetz entlang. Nicht auszudenken, wäre er 150 Zentimeter weiter hinten in diese Situation geraten, ein Sturz in die Tiefe wäre hier kaum zu überleben. Aber es sah danach aus, als hätte Kuss dies noch mit letztmöglicher Kontrolle zu verhindern vermocht.
Carapaz nutzte die Gelegenheit, zischte an dem sich aufrappelnden Konkurrenten vorbei und ließ sich nicht mehr aufhalten auf seinem Weg die letzten drei Kehren hinauf ins Ziel von Alpe d’Huez. „Ich war immer knapp hinter ihm, dann sah ich ihn auf dem Boden“, sagte Carapaz auf der Pressekonferenz. Da war sein zweiter Etappensieg bei dieser Tour de France längst besiegelt. Und Kuss, der bereits kurz vor seinem Sturz an einem Begrenzungszaun ins Straucheln und zu Fall gebracht worden war, wurde auf den letzten Metern vor dem Ziel auch noch vom heranstürmenden Belgier Remco Evenepoel überholt. Der Kapitän des deutschen Rennstalls Red-Bull-Broa-Hansgrohe kam vor Kuss (+31 Sekunden) als Tageszweiter (+26) ins Ziel – ehe dort kurze Zeit später der Mann im Gelben Trikot auftauchte.
Tour-Chef Christian Prudhomme spricht von der „härtesten Bergetappe der Tour-Geschichte“
Tadej Pogacar war viele Kilometer in der Gruppe der Gesamtbesten dieser Frankreichrundfahrt unterwegs gewesen. Als Evenepoel attackierte, um einen letzten Angriff auf Kuss und Carapaz zu unternehmen, hielt sich der Slowene zurück. Stattdessen eskortierte als Windschattenspender Teamkollege Isaac Del Toro aus Mexiko, Gesamtdritter und Träger des weißen Trikots für den besten Jungprofi. „Heute war ich ein bisschen in Sorge, dass wir mit Isaac den dritten Platz und sein Jersey verlieren könnten“, sagte Pogacar alsbald auf dem Pressepodium. „Heute habe ich mich ihm verschrieben.“

Die Königsetappe führte wie am Freitag ins von Mythen umlagerte Alpe d’Huez, bot aber das deutlich anspruchsvollere Tagesprofil. Insgesamt 5450 Höhenmeter standen auf dem Plan, unter anderem verteilt auf historische Tour-Anstiege wie den Col de la Croix-de-Fer, den Col du Télégraphe und den Col du Galibier; alles Anstiege, von denen sich die meisten Hobbyrennfahrer gerade mal einen als Tagestour vornehmen würden. Tour-Chef Christian Prudhomme sprach von der „härtesten Bergetappe der Tour-Geschichte“ – und der deutsche Profi Pascal Ackermann bekam dies zu spüren: der Mann vom Rennstall Jayco AlUla, zuletzt von einem Sturz gezeichnet, musste diese vorletzte Etappe und damit die ganze Tour de France aufgeben.
In den vier Trikotwertungen sind damit sämtliche Entscheidungen gefallen. Sollte nicht ein nächtlicher Infekt oder ein folgenschwerer Sturz auf der finalen Etappe nach Paris dazwischenkommen, wird Pogacar unter dem Eiffelturm zum fünften Mal als Gesamtsieger geehrt. Del Toro darf sich als schnellster Jungprofi das weiße Leibchen überstreifen, Mads Pedersen aus Dänemark wird in Grün als stärkster Sprinter aufs Podium steigen.
Und das Bergtrikot, auch diese Wertung hatte Pogacar lange angeführt, ist nun Carapaz nicht mehr zu nehmen. „Es war von Anfang an unsere Mission, das gepunktete Trikot zu gewinnen“, sagte der Fahrer vom Team EF Education-EasyPost, der im Hochgebirge dieser Tour de France nicht müde wurde, fortlaufend zu attackieren. Dem 33-Jährigen war es als einzigem gelungen, diese 20. Etappe – die 5450 Höhenmeter und 171 Kilometer – in unter fünf Stunden zu bezwingen. Schwer zu fassen, diese Zeit: Vier Stunden, 59 Minuten und 36 Sekunden. Gesichert ohne Stopp am Imbiss-Stand.


