Tour de France:Demonstration in der Hölle

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Tour de France: Nach diesem Tag wird es extrem schwer für Primoz Roglic (rechts) im Tour-Klassement noch eine Rolle zu spielen.

Nach diesem Tag wird es extrem schwer für Primoz Roglic (rechts) im Tour-Klassement noch eine Rolle zu spielen.

(Foto: Marco Bertorello/AFP)

Bestimmend schon vor den Bergen: Tour-Favorit Tadej Pogacar distanziert auf einer chaotischen Pflasterstein-Etappe alle anderen Klassementfahrer. Der große Verlierer des Tages ist sein Landsmann Primoz Roglic.

Von Johannes Aumüller

Irgendwann kam auch Primoz Roglic angerollt, begleitet zwar von einem Teamkollegen, aber mit Schmerzen in der Schulter und so niedergeschlagen, als würde er nun am liebsten weiterrollen in sein Elternhaus in Trbovlje, Zentralslowenien. Der 32-Jährige weiß, wie es sich anfühlt, die Tour de France zu verlieren. 2020 wähnte er sich schon als Sieger der Rundfahrt, ehe ihn auf der letzten schweren Etappe Tadej Pogacar in einem unwirklichen Bergzeitfahren noch überholte. Ein Jahr später stieg er nach der ersten Alpen-Prüfung aus, gezeichnet von einem Sturz auf einer vorangegangenen Flachetappe.

Und nun, bei der Auflage 2022, da wollte Roglic mitsamt seiner vorzüglich besetzten Jumbo-Visma-Equipe seinen Landsmann Pogacar mal wieder richtig angreifen. Als mutmaßlich stärksten Herausforderer handelten ihn die Experten. Aber nun muss er diesen Plan nach der fünften Etappe quasi aufgeben. Mehr als zwei Minuten verlor er auf den Sieger der Jahre 2020 und 2021.

Die erste große Prüfung für die Klassementfahrer sollte dieser umstrittene Abschnitt nach Arenberg bringen. 19 Kilometer über die gefürchteten Pflastersteine, aufgeteilt in elf Sektoren, fast wie eine Kleinausgabe des Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix, den sie zu Recht die "Hölle des Nordens" nennen. Und manch ein Herausforderer hatte vielleicht darauf gehofft, den großen Tour-Favoriten Pogacar auf diesem ungewohnten Terrain ein wenig in die Bredouille zu bringen, ehe es demnächst in die schweren Berge geht, die er so liebt. Doch dann trat das glatte Gegenteil ein.

Pogacar erwies sich auf den Pavés als der klar beste Klassementfahrer. Betont lässig fuhr er über den holprigen Untergrund, immer schön vorne bei den Spezialisten und weit weg von dem ganzen Trouble, den Stürze und Defekte weiter hinten im Peloton anrichten können. Und während jeder andere Podiumsanwärter mindestens einen pflastererprobten Helfer an seiner Seite wusste, waren die Trikots von Pogacars UAE-Mannschaft früh aus der Favoritengruppe verschwunden. Der Slowene managte einfach alles allein und nach der Hälfte der Pflasterpassagen fuhr er gemeinsam mit dem Roubaix-Experten Jasper Stuyven (Trek) allen Klassementkonkurrenten davon.

Nicht nur Roglic verlor viel Zeit, beinahe wäre es für die Jumbo-Mannschaft zu einem fürchterlichen Tag geworden, weil nach einem Defekt auch der Co-Kapitän Jonas Vingegaard zurückfiel. Doch der Däne - und mit ihm auch andere Klassementfahrer wie Geraint Thomas (Ineos) oder Alexander Wlassow aus der deutschen Bora-Mannschaft - hatten das Glück, dass an diesem Rennen auch ein Herr namens Wout Van Aert teilnimmt.

Trotz eines Sturzes in der Frühphase des Rennens führte Vingegaards Teamkollege die Gruppe der Abgehängten über Dutzende Kilometer an. Und das ganze gelang so wirkungsvoll, dass der Abstand auf Pogacar am Ende nur noch 13 Sekunden betrug - und dass Van Aert selbst en passant sein Gelbes Trikot verteidigte. Aber auch wenn der Abstand auf die meisten Kapitäne am Ende geringer war als es sich zwischenzeitlich abzeichnete, so wirkte das ganze wie eine bewusste Demonstration des Top-Favoriten Pogacar. So ähnlich wie im Vorjahr in den Alpen, als er die erstbeste Gelegenheit zu einem 30-Kilometer-Solo nutzte, das alle erschütterte. "Das war ein richtig guter Tag, ich fühlte mich sehr stark", sagte Pogacar: "Das mag einfach ausgesehen haben, aber das war es überhaupt nicht."

Es war in der Tat von Beginn an ein extrem hektisches Rennen gewesen, selbst in der neutralen Phase vor dem eigentlich Start gab es schon Stürze. Dann setzte sich eine sechsköpfige Ausreißergruppe ab, aus der später der Australier Simon Clarke als Tagessieger hervorging. Und als nach der Hälfte der Strecke die Pflasterpassagen begannen, setzte die große Pechserie des niederländischen Jumbo-Teams ein, die für den Rest des Rennens prägend war. Erst stürzte Van Aert. Dann hatte Vingegaard einen Reifenschaden und geriet dessen Suche nach einem Ersatzrad zur Kabaretteinlage. Ein Teamkollege übergab ihm ein Velo, doch das war ihm viel zu groß. Dann tauschte er dieses gegen ein etwas kleineres, aber immer noch unbrauchbares Modell, und dann erst kam der Teamwagen mit einem Rad in passender Größe an.

Aber kaum hatte sich Vingegaard mit einem Kollegen auf die Aufholjagd gemacht, kam in einer Kurve Roglic zu Fall. Die ausgekugelte Schulter renkte er sich mal eben selber ein, aber die Verfolgungsjagd war dennoch aussichtslos. Doch wenn der Slowene, der nun schon so oft die Tour verlor, weitermachen kann, könnte er noch extrem wichtig werden: als Helfer für seinen Teamkollegen Jonas Vingegaard, der bis auf Weiteres als der mutmaßlich stärkste Herausforderer von Pogacar gelten darf.

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