Den ersten Sprinter hat es schon erwischt, bevor er das erste Mal richtig sprinten konnte. Am Montagabend hat der Belgier Arnaud De Lie die Tour de France verlassen – wegen einer Magen-Darm-Infektion. Schon die Teampräsentation vor dem Start in Barcelona hatte der Leader der Lotto-Equipe sausen lassen müssen, dann hat er sich noch drei Tage gequält, aber nach der Pyrenäen-Etappe nach Les Angles war dann Schluss. Jetzt muss De Lie nach Hause fahren, was für ihn besonders bitter ist, weil er schon den Giro d’Italia vor zwei Monaten wegen eines Infekts hatte beenden müssen.
So schlecht wie bei De Lie sieht es für die anderen Sprinter des Feldes natürlich nicht aus, aber überbordende Freude herrscht gerade nicht in der Gruppe der endschnellen Männer. Vor einem Vierteljahrhundert waren die Massensprints ein elementarer Bestandteil der Tour-Dramaturgie. Meist stand am Anfang der Rundfahrt ein eher leichterer Abschnitt, bei dem die Sprinter aufs Gelbe Trikot hoffen konnten, dann folgten in der ersten Woche fast ausschließlich und später bei der Überfahrt zwischen den Hochgebirgen noch mal ein paar weitere Flachetappen. Neun oder zehn Massenankünfte bei einer Tour waren keine Seltenheit.
Das hat sich dramatisch geändert, die Sprinter sind ein bisschen zu den Stiefkindern der Tour-Macher geworden. Denen ist es wohl zu langweilig, wenn Etappen nach dem immer gleichen Format ablaufen: ein paar Ausreißer, die sich tapfer wehren und dann kurz vor dem Ziel gestellt werden. Deswegen denken sie sich Dinge wie das neue Teamzeitfahren am Auftakttag aus. Hoch im Kurs stehen aber vor allem mittelschwere, hügelige Etappen wie die nach Foix am Dienstag, weil vom offenen Schlagabtausch der Klassementbesten bis zu Ausreißerdramen so viele Szenarien möglich sind. Und obendrein designen die Organisatoren den Parcours immer öfter so, dass von Tag eins an der Kampf um die Gesamtwertung im Fokus steht. Mehr Action, das ist die Devise, und die liefern die Sprints halt vergleichsweise wenig – beziehungsweise nur auf den letzten Kilometern.
Der oberste Streckenplaner der Tour de France, Thierry Gouvenou, hat den Sprintern im Vorjahr unverhohlen gedroht. Langfristig könne es tatsächlich „keine Etappen mehr geben, die speziell für Sprinter ausgelegt sind“, teilte er in einem Interview mit, wenngleich er das im Satz danach ein wenig einschränkte. Und ganz so radikal ist es natürlich auch noch nicht gekommen, aber die Zahl der Sprintgelegenheiten ist doch schon sehr reduziert worden.
Wir müssen bis zum fünften Tag die Zähne zusammenbeißen.Tim Merlier, belgischer Sprintspezialist bei der Tour de France
Selbst die erste formale Flachetappe an diesem Mittwoch nach Pau beinhaltet rund 25 Kilometer vor dem Ziel noch einen Anstieg der dritten Kategorie, der es so manchem Sprinter schwer machen dürfte, den Anschluss ans Feld zu halten. Erst am Freitag, am siebten Tour-Tag, beginnt ein kleiner Sprinter-Block mit vier möglichen Massenankünften binnen einer Woche. Aber das war es dann eigentlich auch schon. Denn in der letzten Woche der Tour ist allenfalls eine halbe Chance für Sprinter eingeplant, und selbst der traditionelle Sprint auf den Pariser Champs Elysées am Schlusstag ist nicht mehr garantiert, seitdem die Streckenplaner im Vorjahr einen finalen Rundkurs durch Montmartre eingebaut haben, also über den höchsten Hügel von Paris.
Der Deutsche André Greipel, unter anderem wegen seiner elf Etappensiege bei der Tour einer der weltbesten Sprinter der 2010er-Jahre, sieht die Entwicklung zwar nicht ganz so dramatisch, wie er in Barcelona mitteilt: „Die Tour war immer schon schwer.“ Andere sehen das jedoch anders, darunter auch der vielleicht stärkste Sprinter des Pelotons, der Belgier Tim Merlier aus der Soudal-Equipe. „Wir müssen bis zum fünften Tag die Zähne zusammenbeißen“, sagte er nach der Bekanntgabe des Parcours in einem Interview mit dem belgischen Sender Sporza: „Ich sehe sechs Chancen, aber einige könnten sogar wegfallen, wenn das Rennen schwierig verläuft. Meiner Meinung nach könnten mehr Sprinter dabei sein, aber sie wollen mehr Nervenkitzel bei der Tour“.
Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Besetzungen der Mannschaften. So richtig viele Teams, die sich auf Sprints konzentrieren, gibt es gar nicht mehr. Jonathan Milan, im Vorjahr mit zwei Etappen und dem Grünen Trikot für den besten Sprinter dekoriert, ist gar nicht dabei. Neben Soudal-Frontmann Merlier dürften somit vor allem Jasper Philipsen (Alpecin) und Biniam Girmay (NSN Cycling) vorne landen können, ebenso der Allrounder Mads Pedersen (Lidl-Trek). Und unter die Außenseiter mischen sich gleich drei Deutsche: Phil Bauhaus (Bahrain-Victorious), Pascal Ackermann (Jayco AlUla) und Max Kanter (Astana).
Immerhin ein Bonbon haben die Tour-Macher für die Sprinter aber in das schwere Konzept integriert: Sie haben das Regelwerk für den Kampf ums Grüne Trikot ein wenig verändert. In den vergangenen Jahren bestand immer die Gefahr, dass Tour-Dominator Tadej Pogacar wegen seiner vielen Attacken und Etappensiege neben dem Gelben Trikot auch dieses Jersey quasi nebenbei abstaubt; bei der vergangenen Auflage hat es ihn immerhin auf Platz zwei dieser Spezialwertung gespült. Deswegen gibt es künftig für einen Etappensieg auf einer Flachetappe mehr Punkte als bisher, ebenso bei den Zwischensprints. Gleichwohl weiß man bei Pogacar halt nie; nicht mal, ob diese Korrektur reicht.


