Radsport:Die Tour selbst verlieh sich bis zuletzt gerne das Etikett, sauber gewesen zu sein

Nun dürfte dieser Vorgang also den Neustart nach der Corona-bedingten Pause begleiten. Das Dopingthema ist ja seit Jahrzehnten immanent im Radsport, und nicht zuletzt das Jahr 2017 zeigte auch exemplarisch, wie sehr es das aller gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz bis heute ist. Kurz vor der Frankreich-Rundfahrt fiel damals der Portugiese André Cardoso, der als Helfer des Mitfavoriten Alberto Contador vorgesehen war, mit dem Klassiker Epo auf. Und im Herbst wurde der viermalige Tour-Sieger Froome mit einer hohen Dosis Salbutamol erwischt - auch wenn das am Ende wegen seines Asthmaleidens und neuer, elastisch ausgelegter Toleranzgrenzen zu einem vielkritisierten Freispruch führte.

Die Tour selbst jedoch verlieh sich bis zuletzt gerne das Etikett, sauber gewesen zu sein. Und in der Tat kam es in den vergangenen sieben Jahren während der Rundfahrt nur zu einem konkreten und zugleich etwas seltsamen Fall: einem Kokain-Fund beim Italiener Luca Paolini (2015).

Während die Operation Aderlass bisher eher Profis aus der zweiten oder dritten Reihe enttarnte, müsste die neueste Nachtest-Runde auch etwaige Manipulatoren aus dem Kreis der Besten beunruhigen. Denn es ist ja die Kernfrage, welche und wie viele Proben die CADF sich nun noch einmal anschaut. Beziehungsweise: Welche sie sich überhaupt noch einmal anschauen kann, weil sie noch vorliegen. Bei einer Großveranstaltung wie der Tour mit ihren knapp 200 Startern werden innerhalb der drei Wochen zwar ein paar Hundert Proben genommen. Grundsätzlich für zehn Jahre aufbewahrt werden gemäß der allgemeinen Strategie der CADF aber nur die Proben der besten Fahrer - sowie die Proben, die bei einer "Risikobewertung" auffallen. Wie viele Proben aus 2017 noch vorliegen, sagen die Rad-Organisationen nicht.

In diese Entwicklungen spielt noch ein heikles sportpolitisches Thema hinein. Die CADF, deren in Teilen durchaus hartnäckige Arbeit zuletzt manchem in der Szene missfiel, muss ihr Mandat nämlich abgeben. Stattdessen übernimmt das Anti-Doping-Management von 2021 die Agentur ITA, die für viele Sportarten zuständig ist und deren Gründung das Internationale Olympische Komitee (IOC) entscheidend vorantrieb. An deren Unabhängigkeit gibt es allerdings große Zweifel - schon allein, weil in ihrem fünfköpfigen Vorstand gleich zwei IOC-Mitglieder sowie der Präsident der Vereinigung aller Sommersport-Verbände sitzen.

© SZ vom 02.06.2020/sonn
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