bedeckt München 16°

Radsport:Zum ersten großen Rennen reisten sie mit Leih-Camper

Nach all den Jahren und Erfolgen und Trikot-Prozeduren sollte das leichter von der Hand gehen: Peter Sagan stülpt das Grüne Trikot über.

(Foto: Marco Bertorello/AFP)
  • In seinem zehnten Jahr zählt das Rad-Team Bora-Hansgrohe endgültig zur Weltspitze. Mittelfristig peilt das Team Siege bei den großen Rundfahrten an.
  • Bei der aktuellen Tour de France trägt Bora-Fahrer Peter Sagan das Grüne Trikot, Emanuel Buchmann ist derzeit Gesamt-Fünfter.
  • Das Team kam auch schon verschiedentlich konkret mit dem Thema Doping in Berührung.

Die drei Fahrer des südafrikanischen Teams Dimension Data sind wirklich zu bedauern. Flotten Schrittes sind sie mit ihrem Sprecher ins Auditorium des Brüsseler Expo-Geländes gekommen, um die übliche Pressekonferenz vor dem Tour-Start zu geben. Ein wenig spät sind sie dran, sorry für die Verzögerung, der Verkehr, aber jetzt kann's losgehen, und der Saal ist auch recht gut gefüllt. Doch als der Sprecher um Fragen bittet, tut sich kaum was, jemand erbarmt sich und erkundigt sich nach dem abwesenden Sprinter Mark Cavendish - aber dann ist die Sache auch schnell vorbei.

Die vielen Journalisten sind nicht wegen Dimension Data gekommen. Sondern wegen der Mannschaft, deren Mitarbeiter nun schnell die Bühne mit Sponsorenlogos ausstaffieren: Bora-Hansgrohe aus Raubling in Oberbayern.

Es ist längst normal geworden, dass die Equipe in der Rad-Szene viel Aufmerksamkeit bekommt. Denn sie gehört inzwischen zur absoluten Weltspitze. Fast zwei Dutzend Tagessiege in der World Tour schaffte Bora in der laufenden Saison, in der Rangliste des Weltverbandes ist das Team Zweiter. Auch bei der Tour läuft es wieder gut. Der Klassementfahrer Emanuel Buchmann hielt bisher gut mit und verlor auch auf der vom Seitenwind geprägten Etappe am Montag keine Zeit; Gesamt-Fünfter ist er jetzt. Der Sprinter Peter Sagan wiederum holte sich an Tag fünf den ersehnten Etappensieg und trägt fast seit Beginn der Tour das Grüne Trikot für den besten Sprinter. Nur ein Sturz dürfte ihn daran hindern, dass er es zum siebten Mal nach Paris bringt und so zum alleinigen Rekordhalter dieser Kategorie aufsteigt.

Topfahrer Peter Sagan garantiert nicht nur Erfolge, sondern auch Aufmerksamkeit

Dabei liegt eine ziemlich bemerkenswerte Entwicklung hinter dem Team, wie sich im Zeitraffer zeigt. Im zehnten Jahr gibt es jetzt die Mannschaft, unter dem Namen NetApp und als Drittligist begann sie damals zu einer Zeit, als der allgemeine Schrecken über die Doping-Verseuchtheit des Pelotons besonders groß war. Mit geliehenem Camper und "budgetärer Bodenplatte" seien sie zum ersten großen Rennen gefahren, dem Giro 2012, erinnert sich Teamchef Ralph Denk. Als NetApp sich 2015 zurückzog, schien das Aus nahe zu sein.

Aber dann fand Denk erst Bora, Produzent von Küchengeräten, und später auch Hansgrohe, Hersteller von Armaturen, als Geldgeber. 2017 erhielt das Team die Erstliga-Lizenz, danach schob es sich rasch an die Spitze des Pelotons, vor allem im Sprint- und im Klassik-Sektor. Und das, obwohl das offiziell nicht genannte Budget eher in der Nähe des World-Tour-Durchschnitts von 18 Millionen Euro denn in den Sphären einiger großzügiger alimentierter Mannschaften anzusiedeln sein dürfte.

Einer der maßgeblichen Gründe für den Aufschwung ist dabei der aktuelle Grün-Träger Peter Sagan. 2017 wurde der Slowake verpflichtet, der amtierende Weltmeister für ein Team aus Raubling, das war schon ein Coup. Sagan garantierte nicht nur Erfolge, sondern auch Aufmerksamkeit, weil kaum einer im Peloton beim Publikum so heraussticht wie er. "Alle haben natürlich nach Peter geschaut, und das war auch gut so", sagt Denk: "In der zweiten Linie sind zehn Mann gewachsen." Der Sprinter Pascal Ackermann, 25, etwa gehört dazu. In diesem Jahr sicherte er sich beim Giro d'Italia zwei Etappen und die Punktewertung; die Tour fährt er nicht. Der Österreicher Patrick Konrad, 27, oder der Italiener Davide Formolo, 26, überzeugen in Rundfahrten. Im Winter kam zudem Maximilian Schachmann, 25, von Quick-Step, ein Klassiker-Spezialist. Und dann ist da noch Kletterer Buchmann, 26, der schon bei dieser Tour einen Platz unter den Top Ten anpeilt - und vielleicht sogar von noch mehr träumen darf.

Bora kam auch schon verschiedentlich konkret mit dem Dopingthema in Berührung

Der frühere Amateurfahrer Denk, 45, ist seit der ersten Stunde des Teams dabei, es ist sein Projekt, zu dem mittlerweile 27 Fahrer und 75 Personen fürs Drumherum gehören. Er kommt bisweilen etwas hemdsärmelig-rustikal daher, aber auch ambitioniert. Wenn er die Gründe für den Erfolg erläutern soll, verweist er gerne auf viele "Kleinigkeiten", die sein Team anders mache. Aber welcher Teamchef verweist nicht auf verbesserte Kleinigkeiten? Zu sehr ins Detail will Denk nicht gehen, aber er nennt als Beispiel aerodynamisch verbesserte Trikots oder Anleihen an der Trainingslehre im Wintersport. Und er verpflichte bewusst keine besonders erfolgreichen Ex-Radprofis fürs Umfeld. "Bei uns arbeiten die Leute weniger Tage, kommen aber hungriger zum Rennen", sagt Denk. In der aktuellen Zeit ein Rad-Team zu leiten, insbesondere ein so erfolgreiches, das führt aber automatisch auch dazu, dass sich die Verantwortlichen mit Fragen zu Doping auseinandersetzen müssen. Bora kam auch schon verschiedentlich konkret mit dem Thema in Berührung.

2013 musste Jens Heppner als Sportlicher Leiter gehen, weil er anders als andere Ex-Telekom-Fahrer Doping nie gestanden hatte, es dann aber einen positiven Nachtest aus der 98er-Tour gab. Auch arbeitete für Bora als Sportdirektor der Spanier Alex Sans Vega, der zuvor als Pfleger beim verseuchten CSC-Team tätig gewesen war, aber dort nie etwas von Manipulation mitbekommen haben will. Heute wiederum zählt dessen Landsmann Patxi Vila (Testosteron-Befund als Fahrer) zur Riege der direkten Begleiter. Und Ralf Matzka wurde in seiner Bora-Zeit 2016 positiv auf Tamoxifen getestet und erhielt eine Zweijahressperre, wenngleich er den Befund auf verunreinigtes Wasser zurückführt.

Zum richtigen Umgang mit früheren Doping-Sündern sagt Denk generell, er habe noch keine abschließende Meinung. Aber oft habe man "keine Wahl. So viele fachliche Experten gibt es jetzt auch nicht im Radsport." Und wer ihn etwa zum Erfurter Blutdoping-Netzwerk fragt, das auch von Radprofis genutzt wurde, bekommt diese Antwort: "Ich bin froh, dass wir nach aktuellem Kenntnisstand nicht verwickelt sind. Ganz ausschließen kann man das nie, weil wir im Radsport ein dezentrales System haben. Wir treffen uns nicht wie im Fußball jeden Tag um zehn Uhr zum Training, jeder trainiert zu Hause nach unseren Anweisungen. Was er am Nachmittag macht und am Abend, weiß ich nicht immer."

Sagan in Grün, Buchmann weit vorne im Klassement - es könnte die erfolgreichste Tour de France seit der Team-Gründung werden. Aber mittelfristig hat Denk noch etwas anderes vor. "Ich würde schon mal gerne Richtung der großen Leader-Trikots gehen", sagt er: "Rosa und Gelb würden mir schon auch gefallen", also Siege beim Giro oder der Tour. Aber weil es schwer ist, in allen drei Bereichen (Sprint, Klassiker, Rundfahrer) erfolgreich zu sein, müsste er wohl die Prioritäten verschieben. Zudem wecken erfolgreiche Rundfahrer beim Dopingthema noch einmal erhöhte Zweifel. Doch Denk will das Thema Rundfahrt-Sieg irgendwann angehen. "Und am schönsten wäre es, wenn das einer machen würde, der jetzt schon bei uns unter Vertrag steht", sagt er.