Süddeutsche Zeitung

Tottenham-Trainer Mourinho:Plötzlich demütig?

  • José Mourinho verließ seine letzten Vereine alle im Streit. Nun trainiert er Tottenham und gibt sich in den ersten Wochen demütig.
  • "Die Leute sprechen über José Mourinho, die modernisierte Version", sagt er selbst.
  • Der Erfolg gibt ihm bislang recht. Von fünf Spielen verlor er nur eins. Spieler wie Dele Alli blühen wieder auf.

Es gibt eine Geschichte, die José Mourinho für immer mit dem FC Bayern verbindet. Ihm zufolge handelt sie von Leben und Tod. 2005, als er mit dem FC Chelsea im Champions-League-Viertelfinale auf den deutschen Rekordmeister traf, war Mourinho gesperrt: Er hatte im Achtelfinale gegen den FC Barcelona dessen Trainer Frank Rijkaard unterstellt, sich mit dem Schiedsrichter besprochen zu haben. Gegen die Bayern durfte Mourinho deshalb den Innenraum des Stadions nicht betreten, aber er war trotzdem da. Er hielt die Ansprachen in der Kabine. Als er das Stadion verließ, habe er sich im geschlossenen Trikotkoffer unter schmutziger Wäsche versteckt, so hat er es später erzählt: "Ich wäre fast gestorben, ernsthaft."

Es ist eine Geschichte, die viele jener Eigenschaften illustriert, die den Portugiesen zu einem der prägenden Fußballtrainer der Welt werden ließen, zum "Special One", wie er sich selbst nannte. Eigene Überhöhung, Erfindungsreichtum, Siegeswille und das Verständnis, das Regeln nur für andere gelten. Wenn Mourinho als Trainer von Tottenham Hotspur an diesem Mittwoch mal wieder gegen den FC Bayern spielt, ist allerdings die Frage, wie viele seiner Eigenschaften als Trainer immer noch herausragend sind. "The Humble One", nennen ihn gerade die Zeitungen, den Demütigen. Um es vorwegzunehmen: Das ist nicht ganz ernst gemeint.

Am Abend vor dem Spiel betritt er im Trainingsanzug den Medienraum des Stadions in München, er grüßt mit einer Hand vom Podium. Nach ein paar Minuten der Pressekonferenz kommt die erste Frage zu seiner Entwicklung. "Die Leute sprechen über José Mourinho, die modernisierte Version", antwortet Mourinho.

Er macht deutlich, dass er von dieser Darstellung nicht so viel hält. Er sagt: "Ich bin dieselbe Person." Es war durchaus eine Überraschung, als Mourinho im November als Coach in Tottenham vorgestellt wurde. Hier die Spurs, für Sparsamkeit auf dem Transfermarkt und schönen Fußball unter Trainer Mauricio Pochettino bekannt, bis sich die jahrelang glückliche Beziehung abnutzte, Tottenham im Hinspiel 2:7 gegen die Bayern verlor und ins Mittelmaß der Premier League abstürzte. Dort Mourinho, der fürs Gewinnen um jeden Preis steht, nicht für Harmonie. So gewann er zwar einst viele Titel, so musste er aber auch im Dezember 2018, nach seiner Beurlaubung bei Manchester United, nicht zum ersten Mal einen Klub im Streit mit Vorstand, Spielern und Medien verlassen. "Respekt, Respekt, Respekt!" vor seinem Lebenswerk, hatte er wenige Monate vor seinem Aus gefordert.

In rund elf Monaten ohne Verein arbeitete er oft als TV-Experte, er drehte einen Werbespot für einen Buchmacher. Doch wenn sein Name als Trainerkandidat die Runde machte, etwa beim FC Bayern, unter Verweis auf sein angebliches Studium der deutschen Sprache, klang es eher wie ein Witz. Er habe aus reiner Neugier Deutsch gelernt, sagt er. Nicht für einen möglichen Job in der Bundesliga. Er meinte die Premier League als er neulich sagte: "Hier gehöre ich hin."

Von fünf Spielen unter Mourinho hat Tottenham eins verloren, ausgerechnet gegen Manchester United, aber die übrigen gewonnen. 16 Tore schoss die Mannschaft dabei, erspielte sich zahlreiche Großchancen - und das unter dem als Defensivfetischisten bekannten Mourinho.

Wie kein Zweiter verkörpert derzeit Dele Alli die Veränderung. Der Mittelfeldspieler, in den vergangenen Jahren gemeinsam mit dem Klub in die Weltklasse aufgestiegen, lief seiner Form zu Saisonbeginn auch wegen wiederkehrender Oberschenkelprobleme hinterher. "Bist du Deles Bruder?", soll Mourinho ihn gefragt haben. Seit dem Trainerwechsel war Alli in jedem Spiel an mindestens einem Tor beteiligt, schoss vier, legte zwei vor.

In Mourinhos System genießt er große Freiheiten auf der Position zentral hinter Angreifer Harry Kane. Alli sei zu gut, um nicht einer der besten Fußballer der Welt zu sein, sagte der Trainer. "Ich liebe ihn", sagte er über Angreifer Heung-Min Son. Er lobte sogar einen Balljungen, der beim 4:2 gegen Piräus in der Champions League den Ball schnell zurückwarf und so an einem Tor beteiligt war. Mourinho lud den Jungen zum Lunch mit dem Team ein, wovon der Vereinssender prompt ein Video drehte. Es passte zur Erzählung über die Wandlung eines Trainers, die offiziell gar keine Wandlung sein soll.

Mourinhos 14 Stationen

1990 - 1991 CF Estrela Amadora (Co-Trainer)

1991 - 1993 AD Ovarense (Co-Trainer)

1992 - 1993 Sporting Lissabon (Co-Trainer)

1994 - 1996 FC Porto (Co-Trainer)

1996 - 2000 FC Barcelona (Co-Trainer)

2000 Benfica Lissabon

2001 - 2002 União Leiria

2002 - 2004 FC Porto

2004 - 2007 FC Chelsea

2008 - 2010 Inter Mailand

2010 - 2013 Real Madrid

2013 - 2015 FC Chelsea

2016 - 2018 Manchester United

2019 - Tottenham Hotspur

Schon bei seiner Vorstellung hatte Mourinho von Demut gesprochen, so sei er ja schon immer gewesen, die Journalisten hätten es bloß nicht gemerkt. Er sprach darüber, seine Karriere reflektiert, mit seinen Assistenten über die Probleme der Vergangenheit gesprochen zu haben und niemand anders außer sich selbst dafür verantwortlich zu machen. Er schwärmte von der Bettwäsche auf dem Klubgelände und natürlich von der Mannschaft. Er brauche auch gar keine neuen Spieler.

Er versteht es auf jeden Fall immer noch, eine Mannschaft hinter sich zu versammeln. Tottenham und Mourinho, heißt es nun, das könnte doch passen. Vor allem natürlich, weil der Trainer für Titelgewinne bekannt ist, die Tottenham zum großen Ruhm so sehr fehlen. Doch ob Mourinho wirklich immer noch modernen Fußball auf höchstem Niveau anleiten kann, ob er die Aussicht auf langfristigen Erfolg bieten kann, das muss er erst beweisen. Auch dazu wird er am Dienstagabend gefragt. Da es an diesem Mittwoch um nichts mehr geht, Bayern und Tottenham bereits fürs Achtelfinale qualifiziert sind, wird er rotieren und jungen Spielern eine Chance geben. Was er denn zur Kritik sage, kein Ausbilder von Talenten zu sein? Mourinho zieht die Mundwinkel nach unten, es ist sein betont gleichgültiger Gesichtsausdruck. Er nennt zwei Spieler, die er trainiert hat. "Scott McTominay ist nur der beste Spieler bei Manchester United. Raphael Varane ist einer der besten Spieler der Welt. Die Kritik ist fair, ja", sagt Mourinho und meint natürlich das Gegenteil. Man muss sich um sein Selbstbewusstsein weiterhin nicht sorgen.

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Quelle:
SZ vom 11.12.2019/schm
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