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Toto-Pokal:Zurück zum einstigen Ideal

20.03.2021 - Fussball - Saison 2020 2021 - 3. Fussball - Bundesliga - 29. Spieltag: FC Ingolstadt FCI (Schanzer) - SV Wa; Filip Bilbija FC Ingolstadt 04

Tempo und Risikobereitschaft: Das zeichnet Filip Bilbija (l.) aus. Er hat die meisten Einsätze der jungen Wilden beim FC Ingolstadt 04.

(Foto: Wolfgang Zink/Sportfoto Zink/imago)

Der frühere Fußball-Bundesligist FC Ingolstadt hat sich nach seinen Abstiegen mittlerweile wieder zum Ausbildungsklub entwickelt - und ist damit in der dritten Liga auch sportlich erfolgreich. Die eigene Unberechenbarkeit soll im Halbfinale des Toto-Pokals gegen den TSV 1860 München helfen.

Von Johannes Kirchmeier

Die Freude war trotz des Punktverlustes groß beim FC Ingolstadt in der vergangenen Woche, das zeigte alleine schon die Reaktion des Klubs in den sozialen Netzwerken: Mit einem "YEEEAAAHHH", das eben genau so inflationär viele Buchstaben enthielt, garnierte der Klub einen Clip des Tores von Filip Bilbija beim SC Verl. Der 20 Jahre alte Angreifer hatte dort das zwischenzeitliche 1:0 beim 1:1 erzielt. Inmitten einiger Emoticons stand noch der Satz: "Der Knoten ist geplatzt." Wochenlang mühte sich Bilbija ab - und scheiterte bei guten Gelegenheiten. Aber nun stand er am Fünfmeterraum richtig und erzielte sein zweites Saisontor. "Wenn ein Eigengewächs trifft, dann schaut man sich in der Geschäftsstelle am nächsten Tag schon nochmal ein bisschen anders in die Augen", sagt der Technische Direktor Florian Zehe zur allgemeinen Glückseligkeit über Bilbijas Treffer.

Der ist ja auch ein Zeichen an die Konkurrenz, dass die Tore auch andere als die üblichen Verdächtigen schießen können - die 41 Saisontreffer verteilen sich auf 16 Spieler: "Wir sind unberechenbarer geworden", sagt Zehe über den Angriff in dieser Saison. Er sieht das als Vorteil für den ambitionierten Drittliga-Dritten neun Spieltage vor dem Saisonende und vor dem Toto-Pokalspiel beim Liga-Verfolger TSV 1860 München am Samstag (14 Uhr, BR). Zum Vergleich: Bei den Sechzigern haben alleine Sascha Mölders (16), Dennis Dressel (7) und Stefan Lex (5) mehr als die Hälfte der 51 Tore erzielt.

Sieben U21-Fußballer haben in dieser Saison bereits für den FCI gespielt

Ähnlich wie der Löwen-Frontmann Mölders hat auch der langjährige Torjäger und Kapitän Stefan Kutschke in Ingolstadt immer noch die meisten Tore erzielt (11). Und andere alte Bekannte wie der einstige Bundesliga-Profi Maximilian Beister oder der Zweitliga-erfahrene Robin Krauße haben ebenfalls getroffen, sie spielen derzeit aber entweder gar nicht mit im Team von Trainer Tomas Oral - oder nur in Nebenrollen. Denn das Selbstverständnis des früheren Bundesligisten hat sich in der 2008 als "Ausbildungsliga" eingeführten dritthöchsten Spielklasse zurück zum einstigen Ideal des Ausbildungsklubs gewandelt: Sieben U21-Fußballer, alle aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum (NLZ), spielten in dieser Saison bereits für den FCI. Fast alle zeichnet aus, dass sie auf dem Feld flexibel auf mehreren Positionen agieren können. Mit 100 Einsätzen in dieser Saison steht der Klub in der U21-Statistik an der Spitze der ersten Mannschaften vor der SpVgg Unterhaching (95). Der FC Bayern II setzte selbstredend noch mehr U21-Spieler ein.

Zehe ist für die Kaderplanung, das NLZ und das Scouting beim Fußball-Drittligisten zuständig, in seinen Ressorts läuft es gerade gut. Der temporeiche Dribbler Bilbija, den sein Mut zum Risiko auszeichnet, ist mit 28 Einsätzen in 29 Partien nur das meisteingesetzte Beispiel für die Entwicklung. Beim FCI sind sie generell wieder stolzer auf ihre Jugendspieler, die auch auf verschlungenen Wegen zu dem Verein mit seinen modernen Trainingsanlagen kommen. Der 18-jährige Merlin Röhl empfahl sich etwa über eine Fußball-App und hat in dieser Saison neben seinem Abi-Stress nun auch schon 13 Mal in Liga drei gespielt.

Für die Einsatzminuten von U21-Spielern gibt es Geld aus dem DFB-Nachwuchsfördertopf

Gerade nach dem Schock des Zweitliga-Abstiegs 2019, erklärt Zehe, hatte der Klub aufgrund der finanziellen Einbußen nur zwei Möglichkeiten: entweder teuer aufrüsten und damit den Druck erzeugen, sofort aufsteigen müssen - oder den talentierten Jungen im Verein eine Chance geben, sich zu entwickeln. Ingolstadt entschied sich für Variante zwei und erschuf so das Gute im Schlechten.

Das ist wiederum auch finanziell nicht unwichtig: Für die Einsatzminuten von U21-Spielern gibt es Geld aus dem DFB-Nachwuchsfördertopf. In der Vorsaison bekam der FCI 245 000 Euro und belegte in der Liga-Rangliste damit Platz vier. Es passte im Sommer 2019 ganz gut, dass die U19 ihre Bundesliga-Saison auf Rang drei, noch vor dem FC Bayern München, abschloss. So kamen talentierte Spieler wie Bilbija, Thomas Keller oder Justin Butler hinzu. Die Einstiegshürde in Liga drei ist auch geringer als eine Etage darüber. Und anders als beim Tabellenletzten Haching geht in Ingolstadt mit der Strategie der jungen Wilden auch der sportliche Erfolg einher. Die erfahrenen Führungskräfte wie Kutschke, Abwehrchef Björn Paulsen oder Marcel Gaus helfen dabei mit Kommandos und Umarmungen auf dem Feld, die Mannschaft hat sich gefunden.

Nur für die nächste Junioren-Kohorte wird es im Lockdown schwieriger: Die Jugendteams dürfen aktuell nicht spielen "und es geht nichts über Spielpraxis", sagt Zehe. "Das tut uns in unserer Strategie sehr weh." Der Ausbildungsklub will schließlich weiter ausbilden - nur künftig am liebsten wieder eine Etage über der 2008 eingeführten Ausbildungsliga.

© SZ/and
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