Eine Stunde nach Spielende wummerte immer noch Partymusik aus der Gästekabine des Grünwalder Stadions. Die Fans der SpVgg Unterhaching hatten nach dem Schlusspfiff „Löwen in den Zoo“ gerufen, davor wiederum hatten die „Vorstädter“ der Heimmannschaft den Schneid abgekauft. Ganz oben auf der Demütigungsliste stand für die Löwenfans noch ein Torwart, der im Sommer von Unterhaching nach Giesing gewechselt war und jetzt die Niederlage eingeleitet hatte. Das Wort Schmach kennt eigentlich keinen Plural, doch er wäre für das, was die Sechziger am Samstag erleben mussten, passend gewesen.
Durch die 1:3-Niederlage im eigenen Stadion im Toto-Pokal-Viertelfinale müssen sich die Giesinger schon jetzt von einem Saisonziel verabschieden, zugleich wohl auch von den so wichtigen Einnahmen im kommenden Geschäftsjahr. Schon im Vorjahr waren die Löwen im Toto-Pokal-Viertelfinale gescheitert, damals beim Bayernligisten FC Pipinsried. „Eine Möglichkeit gibt es noch“, den nächsten DFB-Pokalwettbewerb zu erreichen, sagte nach dem Spiel ein geknickter Kapitän Jesper Verlaat. Er führte das nicht mehr weiter aus. Denn um über den vierten Platz in der dritten Liga zu sprechen, dafür war am Samstagnachmittag einfach nicht der richtige Zeitpunkt.
Es herrscht weiter Rätselraten, warum die Leistung der Sechziger so starken Schwankungen unterworfen ist. Zuletzt hatte die Mannschaft als einzige Gruppe im Verein für gute Nachrichten gesorgt – das Wort Streit benötigt bei 1860 München seit Neuestem auch einen Plural. Die erste halbe Stunde des Pokalfights war schlicht fad, nach einem unglücklichen Rückstand fand Sechzig nie richtig ins Spiel. Tunay Deniz hatte diesmal eine sehr klare Meinung dazu: „Drei, vier Spieler“ seien heute „nicht auf der Höhe gewesen, die auch als Leistungsträger vorangehen sollten“.
1860-Torwart René Vollath agiert in mehreren Situationen unglücklich
Wahrscheinlich meinte er damit auch den Torwart, obwohl dieser gar nicht mehr Stammtorwart ist. René Vollath, so ist die Abmachung bei Sechzig, spielt im Pokal, weil Marco Hiller jetzt in der Liga wieder gesetzt ist. Vollath spielte in der vergangenen Saison noch bei den Hachingern. Und so schaffte er es am Samstag tatsächlich, von beiden Lagern ausgepfiffen zu werden.
„Aus dem Nichts“ (Tunay) war das 1:0 für die Hachinger gefallen, nach einer weiten Freistoßflanke. Man hatte Vollath noch auf den obersten Rängen rufen hören, ein Signal, dass er an den Ball kommt. Doch er griff nicht zu. Der Ball rutschte ihm durch die Finger, er kullerte nach hinten – 0:1 (31.). „Nicht final konzentriert“, analysierte Sechzigs Trainer Argirios Giannikis später, der zudem von einem „sch … Gegentor“ sprach. Eine für ihn ungewöhnliche Wortwahl.
Viele Sechzig-Fans waren empört, manche forderten Vollaths sofortige Auswechslung. Die Haching-Anhänger in der gegenüberliegenden Westkurve, die ihn auch schon beim 2:2 im eigenen Stadion vor knapp vier Wochen beschimpft hatten, sangen seinen Namen – eine zynische Danksagung. Dass den 34-jährigen Keeper so schnell nichts aus der Ruhe bringt, bewies er nur zwei Minuten später, als er in einer Eins-gegen-eins-Situation gegen Julian Kügel Sieger blieb.
Auf der Tribüne bleiben mehr Plätze frei also sonst – und es herrscht schlechte Stimmung
Anstatt über vergebene Chancen zu sinnieren, was kaum möglich war, sinnierten die Sechziger hernach darüber, was wohl passiert wäre, wenn Hachings Gibson Adu mit Gelb-Rot vom Platz geflogen wäre. Der war nach einer Rudelbildung (35.) mit einer Verwarnung vorbelastet, in der zweiten Halbzeit wurde nicht geahndet, dass er trotz eines Pfiffes weiterspielte. Auch beim 0:2 in der 60. Spielminute sah Vollath beim Kopfball von Kügel nicht gut aus, seine Vorderleute allerdings auch nicht. Mit dem 0:3 durch einen abgefälschten Schuss von Max Lamby war das Spiel entschieden, auch wenn Verlaat in der Nachspielzeit noch ein Treffer per Kopf gelang (90.+3).
„Und dafür zahlst du auch noch Einritt“, beschwerte sich ein Zuschauer auf der Haupttribüne über die Leistung. Der Toto-Pokal ist in der Jahreskarte nicht inbegriffen, die Eintrittspreise waren sehr hoch, 12 470 Zuschauer im Stadion. Es gab also deutlich größere Lücken als sonst auf den Rängen, aber das mag nicht allein an den Preisen liegen.
Eine neue Fangruppierung mischt mit, ihr Name: „Weiss & Blau für den TSV“
Auch im Fanlager herrscht Streit bei Sechzig. Am Freitagabend hatte sich eine neue Gruppe erstmals in der Öffentlichkeit gezeigt, „Weiss & Blau für den TSV“ feierte in der Olchinger Vereinsgaststätte „Dahoam“ so etwas wie Aufbruchsstimmung. Im Kern geht es darum, die Interessen der vor zwei Jahren eingestellten Fanklubvertretung Arge wiederzubeleben, ein neues Stadion zu bauen, wieder in der Bundesliga zu spielen. Der Weg dorthin soll mit Investor Hasan Ismaik gelingen. Die neue Gruppierung hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Mitglieder zu akquirieren, für sich selbst, aber auch für 1860 München, um bei der nächsten Wahl zum Verwaltungsrat eine Stimmenmehrheit zu haben und mithin die aktuelle Vereinsführung zu entmachten.
Neben dem ehemaligen 1860-Vizepräsidenten Peter Helfer ist Jürgen Pusch ein Gründungsmitglied der Gruppe. Er sprach am Freitag auch lang über die Stimmung im Stadion. Er selbst habe eine Jahreskarte, gehe aber oft nicht mehr zu den Spielen, weil er die Fahnen – damit meint er insbesondere jene mit dem durchgestrichenen Konterfei Ismaiks – einfach nicht mehr sehen könne. Das mag schon eine erste Erklärung sein für die Lücken, die auf den Rängen seit einiger Zeit sichtbar werden. Er werde aber seine Jahreskarte auch nicht abgeben, fuhr Pusch fort, weil sonst womöglich jemand den Platz auf der Tribüne bekäme, der es nicht verdient habe.
So weit ist es also schon gekommen bei Sechzig: Dass die Abneigung der Gegner unter den Fans wichtiger ist als das Spiel unten auf dem Rasen. Das Pokalspiel gegen Unterhaching wäre eine Möglichkeit gewesen, das Spiel ganz ohne lästige Fahnen, nun ja, zu genießen. Die aktive Fanszene pausierte diesmal, es war ungewöhnlich ruhig in der Westkurve. Nicht nur nach dem Spiel.

