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Ruhestand von Totilas:Erholen für die dritte Karriere

Totilas

Sobald Totilas wieder auf das Deckgestell springen kann, wird er weiter eingesetzt. Eine Samenportion kostete zuletzt 8000 Euro.

(Foto: Fredrik Von Erichsen/dpa)
  • Totilas' sportliche Karriere ist beendet.
  • Die Wunden sollen nun verheilen, er genesen.
  • Dann könnte er zum Deckhengst werden.

Von Gabriele Pochhammer, Aachen

Der Dressurhengst Totilas wird nie wieder einen sportlichen Wettkampf bestreiten. Das gaben am Dienstag dessen Besitzer, die Familie Linsenhoff-Rath und Paul Schockemöhle, bekannt. Der viele Jahre als "Wunderhengst" gefeierte Rappe wurde bei der Dressur-Europameisterschaft in Aachen nach dem ersten von drei Wettbewerben, dem Grand Prix, wegen Lahmheit zurückgezogen. Er konnte zwar noch mithelfen, eine Bronzemedaille für die Mannschaft zu gewinnen, für das erhoffte Gold reichte es aufgrund der deutlichen Taktstörungen und anderer Fehler aber nicht mehr.

Bereits vorher war der Hengst immer wieder krank gewesen, was den Verantwortlichen den Vorwurf eingebracht hatte, sie hätten wissentlich ein angeschlagenes Pferd mit nach Aachen genommen, um den Mannschaftstitel zu sichern. Festgestellt wurde nun ein Knochenödem am linken Hinterfuß. "Aufgrund dieser erneuten Verletzung haben wir gemeinsam eine Entscheidung gegen den aktiven Sport getroffen. Totilas wird in Zukunft nicht mehr in den Turniersport zurückkehren!", heißt es wörtlich. Und weiter: "Seine Verletzung wird auf dem Schafhof (der Reitanlage der Familie in Kronberg; d.R.) in Ruhe ausheilen und ihm dabei einen sanften Übergang in den sportlichen Ruhestand bescheren."

Übergang zur Zucht

Wann und ob jetzt den beiden Sportkarrieren - erst unter dem Niederländer Edward Gal und dann unter Matthias Alexander Rath - eine dritte Karriere als Deckhengst folgt, wurde offen gelassen: "Soweit möglich, wird er weiterhin als Deckhengst über die Hengststation Schockemöhle für die Zucht zur Verfügung stehen."

Der in den Niederlanden gezogene, heute 15-jährige Totilas hat die Welt bewegt wie nie ein Dressurpferd zuvor. Seine geradezu unheimliche Popularität auch bei Menschen, die mit Dressurreiten nicht viel im Sinn haben, beruhte auf seiner außergewöhnlichen Schönheit und Ausstrahlung. Hinzu kam ein besonderes Talent für die schwersten Lektionen, die Piaffen, also den Trab auf der Stelle, und die Passagen. Er war erst neun Jahre alt, als er zum ersten Mal bei der Europameisterschaft in Windsor 2009 unter Edward Gal bei einem Championat auftauchte.

In Aachen hätte er nicht starten dürfen

Seine exaltierten Bewegungen ließen jedoch schon damals Bedenken aufkommen, wie lange Sehnen und Gelenke diese Belastung aushalten. Ein Jahr später gewann Gal mit ihm bei der Weltmeisterschaft in Kentucky drei Titel. Bereits während des Turniers führte der Luxuspferdehändler und Hengsthalter Paul Schockemöhle Kaufverhandlungen, im Herbst 2010 siedelte der Hengst nach Deutschland über. Die Sport-Rechte kaufte die Mannschaftsolympiasiegerin Ann-Kathrin Linsenhoff für ihren Stiefsohn Matthias Rath.

Aber die zweite Laufbahn des Totilas war nicht vom Glück begünstigt. Es gab disziplinarische Probleme und bald auch gesundheitliche. In den vergangenen drei Jahren war der Rappe jeweils vor dem entscheidenden Championat, den Olympischen Spielen 2012, der Europameisterschaft 2013 und der Weltmeisterschaft 2014, nicht einsatzfähig. Und in Aachen hätte er, da sind sich viele Experten heute einig, gar nicht starten dürfen.

Schockemöhle hofft, Totilas bereits in der nächsten Decksaison wieder im Stall in Mühlen zu haben. "Zu 99,9 Prozent", sagt er. "Familie Linsenhoff-Rath würde ihn am liebsten in Kronberg behalten, aber so war es vereinbart." Wenn Totilas so gesund ist, dass er das kranke Bein belasten kann, um aufs Phantom, das Ledergestell, das in der Pferdezucht für den Deckakt eingesetzt wird, zu springen, kann er noch einiges von seinem Kaufpreis wieder verdienen. Auch wenn die Decktaxe, zur Zeit 8000 Euro, gesenkt werden sollte. Es scheint, als hätte Totilas doch noch nicht ausverdient.

© SZ vom 19.08.2015/ska
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