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Torrichter in der Europa League:Kurioses Debüt

Torrichter im Test: Am Donnerstag geben insgesamt 48 Unparteiische in der Europa League ihren Einstand in ungewohnter Funktion. Ihr Wissen haben sie von DVDs.

Christof Kneer

Der Flug von Stuttgart nach Lissabon war nicht ausgebucht, obwohl ein Schiedsrichter, zwei Schiedsrichter-Assistenten sowie zwei Torrichter an Bord waren. Ein paar weitere Experten hätte man schon noch unterbringen können, einen Grätschenbewerter vielleicht, einen Mittelkreiskontrolleur oder einen Grashöhenüberwacher. Diese Experten sind leider noch nicht erfunden, was aber nichts heißen muss. Dass jemand den Torrichter erfinden würde, hätte vor einer Weile ja auch keiner gedacht - und nun sind am Mittwoch plötzlich 48 Torrichter quer durch Europa geflogen, um am Donnerstag in der Europa League, vormals Uefa-Cup, ihren Einstand zu geben.

"Neugierig" sei er, sagt der deutsche Spitzenreferee Knut Kircher, der die Partie zwischen Benfica Lissabon und BATE Borissow leitet und dabei neben seinen beiden Assistenten auch die Kollegen Markus Schmidt und Peter Sippel mit sich führt. Der eine wird neben dem einen Tor und der andere neben dem anderen Tor stehen, sie werden genau gucken, ob Bälle Torlinien überqueren oder nicht, und sie werden sich bei der Ausübung des neuen Jobs auf ein Wissen verlassen müssen, das sie von ein paar DVDs bezogen haben.

Bei einer Schulung in Genf wurden die Schiedsrichter von der Uefa angewiesen, der Öffentlichkeit kein Wort über Funktion und Kompetenz des Torrichters zu verraten, aber trotz dieses lustigen Maulkorbs (SZ vom 27.8.) haben sich Details herumgesprochen; dass der Torrichter beim Gucken ein paar Zentimeter ins Feld vorrücken darf; dass er per Headset mit dem Referee Kontakt hält; dass er petzen darf, wenn er im Strafraum eine Schwalbe oder eine Tätlichkeit ausfindig macht.

Eine doppelt kuriose Erfindung

Der Torrichter ist eine doppelt kuriose Erfindung. Kurios ist er erstens, weil man ihm den schlechten Kompromiss ansieht. Selbst die Schiedsrichter sind ja skeptisch, sie würden die Frage "Tor oder nicht?" lieber einem technischen System (Chip im Ball oder Hintertorkamera) anvertrauen. Auch die Schiedsrichter wissen ja, dass der Torrichter nur erfunden wurde, weil Uefa und Fifa technische Hilfen für Teufelszeug halten. Kurios ist der Torrichter aber auch, weil er bei Strafraumszenen eingreifen darf und somit mehr als ein Torrichter ist; im Verbandssprachgebrauch firmiert er offiziell unter additional referee (Zusatz-Schiedsrichter). Die Uefa hat also heimlich zwei weitere Schiedsrichter eingeführt.

Bis zum Ende der Europa-League-Gruppenphase (17.12.) ist dieses Experiment befristet. Im Frühjahr wird das International Board der Fifa entscheiden, ob das Experiment eine Fortsetzung verdient. Und dem International Board, das weiß man aus Erfahrung, ist alles zuzutrauen.

© SZ vom 17.09.2009/thi

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