Torhüter in der Bundesliga Hoffen auf den Aha-Effekt

Schwerer Patzer von Timo Hildebrand (rechts) in der Champions League gegen Chelsea

Von Hildebrand bis Mielitz: Obwohl Deutschland für seine Torhüter berühmt ist, plagen einige Bundesligisten auf dieser Position große Sorgen. Die führenden Keeper im Land sind so gut, dass alle anderen an ihnen gemessen werden.

Von Christof Kneer

Sebastian Mielitz hatte einen tadellosen Sitzplatz. Zwar stand ihm manchmal Trainer Robin Dutt im Weg, aber alles in allem hatte Werders Ersatztorwart einen guten Blick aufs Feld. Mielitz sah ein ungezügeltes Fußballspiel zwischen Hoffenheimern und Bremern, aber er schaute anders auf das Spektakel als alle anderen, die je nach Parteizugehörigkeit entzückt, entsetzt oder beides waren.

Mielitz interessierte an diesem farbenfrohen 4:4 vor allem zweierlei: die vier Tore, die sein Rivale Raphael Wolf einstecken musste - und eines der vier Gegentore, das Koen Casteels kassierte, der Kollege aus Hoffenheim. Casteels ließ einen Ball durch die Beine rutschen, er sah aus wie ein Anfänger oder wie einer, der sich in der Position geirrt hat oder wie, sagen wir, Sebastian Mielitz.

Der Bremer Mielitz ist übrigens ein guter Torhüter, ebenso wie der Hoffenheimer Casteels oder der Schalker Timo Hildebrand. Alle drei waren zuletzt aber in Debatten verwickelt, die fast schon ehrenrührig sind für Leute, deren Talent immerhin ausgereicht hat, in die Bundesliga oder - siehe Hildebrand - sogar in die Nationalelf zu kommen. Alle drei haben in den letzten Wochen eine Menge Pfiffe gehört, und zwar aus der Ecke, in der die eigenen Anhänger stehen, und sie haben höhnischen Beifall ertragen, wenn sie ein harmloses Bällchen in die Arme schlossen.

Elf des Spieltags

Neun Finger für Lewandowski

Es war vielleicht noch nie so schön, ein Bundesligatorwart zu sein, vorausgesetzt, man heißt Neuer, ter Stegen oder Leno, Weidenfeller oder Zieler, Trapp oder Baumann. Es war aber auch noch nie so schwierig, ein Bundesligatorwart zu sein - wenn man Mielitz, Casteels oder Hildebrand heißt bzw. Wolf, Grahl oder Fährmann. Die drei Letztgenannten haben den Erstgenannten in Bremen, Hoffenheim und Schalke gerade die Plätze im Tor abgejagt, aber nicht, weil sie sich im Training aufgedrängt hätten, wie das in der Fachsprache heißt. Sondern eher, weil sich die anderen selbst aus dem Tor gedrängt haben - aufgrund ihrer Pannenstatistik, im Fall Hildebrand kombiniert mit einer Hüftprellung.

Drei Torwartwechsel in wenigen Tagen, das dokumentiert eine tief sitzende Unzufriedenheit der Trainer, die nur in scheinbarem Widerspruch steht zu der These, wonach es in Deutschland noch nie so viele großartige Torhüter gab wie zurzeit. Das eine hängt mit dem anderen zusammen: Gerade weil zur besten Sendezeit so viele Prachtexemplare über die Bildschirme fliegen, will jetzt jeder eines haben. "Inzwischen haben wir ja alle einen unglaublich hohen Anspruch an unsere Torhüter", sagt Bremens Trainer Robin Dutt, "ihre Stellung ist noch exponierter geworden, man schaut ihnen noch mehr auf die Finger. Alle werden jetzt an ter Stegen oder Leno gemessen, die jung und fast fehlerfrei sind."

Dutt hat sich vom ter-Stegen-Leno-Faktor zu jener exotischen Rochade inspirieren lassen, die darauf abzielt, einem Torwart Vertrauen zu spenden, indem man es ihm erst mal entzieht. "Auf jeder Position gibt es die Chance, mal durchzuschnaufen und zu reflektieren, nur im Tor nicht", sagt Dutt, deshalb müsse man einen jungen Torwart wie Sebastian Mielitz auch mal "zu seinem Glück zwingen".