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Tor des Jahres 2010:"Das ist ein Märchen für einen Kerl wie mich"

Michael Stahl

Als ihm ein kleines Fußballwunder gelang: Michael Stahl jubelt über den Pokaltreffer gegen Berlin.

(Foto: imago)

Vor zehn Jahren traf Drittliga-Spieler Michael Stahl zum Tor des Jahres. Warum der Schuss seine Karriere nicht befeuert hat, der 33-Jährige aber auch als Oberliga-Fußballer zufrieden ist.

Interview von Lisa Sonnabend

Michael Stahl, 33, gelang vor zehn Jahren ein kleines Fußballwunder: Am 26. Oktober 2010 traf der Drittligaspieler in der zweiten Runde des DFB-Pokals gegen Hertha BSC Berlin aus 61,5 Metern ins Tor. Der Mittelfeldspieler wollte eigentlich nur im Zweikampf klären, haute den Ball weg - doch der flog und flog am verdutzten Torhüter Marco Sejna vorbei, kam im Fünfmeterraum auf dem Boden auf und landete im Tor. Die TuS Koblenz gewann mit 2:1, der Treffer wurde in der ARD-Sportschau erst zum Tor des Monats, dann zum Tor des Jahres gewählt.

Was ist an jenem 26. Oktober 2010 genau passiert?

Michael Stahl: Das war eine ganz besondere Geschichte. Die TuS Koblenz war damals kurz zuvor von der zweiten in die dritte Liga abgestiegen, ich war Stammspieler geworden. Dann das Pokalspiel, die große Bühne, der Hauptstadtklub Hertha BSC kommt hierher. Es war für mich eines der allerersten Karriere-Highlights, so eine Partie mitzuspielen. Ich weiß noch, wie unser Trainer damals vor dem Spiel zu mir gesagt hat, dass ich eine ganz besondere Aufgabe habe: Es wäre eminent wichtig, dass ich den besten Spieler von Berlin, Raffael, aus dem Spiel nehme.

Michael Stahl

Es war das Spiel seines Lebens: Stahl im Zweikampf mit Raffael

(Foto: imago sportfotodienst)

Dann beschatteten Sie nicht nur Raffael erfolgreich, Sie erzielten auch noch einen imposanten Treffer, wie ihn nicht einmal Diego Maradona oder Lionel Messi zustande gebracht haben. Wie haben Sie das gemacht?

Wir alle wollten an diesem Abend die große Hertha schlagen. Dieser Wille und diese Mentalität haben sich in diesem einen Schuss komplett entladen. Da war nichts geplant, aber dafür war es umso schöner. Der Treffer passte so gut zu der Geschichte "Underdog gegen großer Verein". Ich glaube, das hat auch letztendlich dafür gesorgt, dass ich das "Tor des Jahres" gewonnen habe. Der kleine Fußballer aus dem beschaulichen Koblenz gegen die große Fußballwelt - das fanden die Leute sympathisch.

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihnen etwas Außergewöhnliches gelungen ist?

Dass der Ball wirklich gut fliegt, das habe ich sofort im Gefühl gehabt. Ich glaube, der Ball war insgesamt 2,3 Sekunden in der Luft, hat mal irgendjemand errechnet, er flog 61,5 Meter weit. Dann blickt man hoch. Das Stadion war für ein, zwei Sekunden komplett ruhig. Ich glaube, die Zuschauer haben sich da auf einmal gedacht: "Was macht der Micha da?" Dann war relativ schnell zu sehen, dass der Ball reingeht. Ich allerdings stand da, das ist auf Videos zu sehen, und konnte bis zum letzten Moment nicht glauben, dass der Ball wirklich im Tor landet. Ich bin dann einmal komplett quer über den Platz bis zur Bank gerannt. Das war ein super Moment, ich bekomme jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Es waren richtig gute Zeiten hier in Koblenz.

Was ist danach passiert?

Wir hatten Anfragen von Fernsehteams aus Brasilien, aus Japan, aus den USA. Das war völlig verrückt, was hier abgegangen ist. Unser damaliger Sportdirektor hat das Ganze irgendwann eingedämmt. Ich habe seitdem unzählige Interviews gegeben. Immer wieder erzähl' ich die Geschichte. Es ist seitdem einfach ein Teil von mir.

Standen in den Wochen nach dem Tor plötzlich Scouts in Koblenz auf dem Trainingsplatz?

Das nicht. Es war kein Tor, bei dem ich zehn Leute ausgespielt hatte. Ich war nicht der Torschützenkönig, der in einer Saison 30 Tore geschossen hatte. Es war ein genialer Moment, aber dann eben auch nur ein genialer Moment. Ich bin immer noch in Koblenz, habe seitdem für keinen anderen Verein gespielt. Hier in Koblenz hat das Tor Legendenstatus, es ist ein Mythos. Nur leider habe ich nicht mehr auch nur ansatzweise aus dieser Entfernung getroffen.

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