bedeckt München
vgwortpixel

Topnews:Südafrika vor WM-Start: Euphorie spürbar

Kapstadt (dpa) - Südafrikas Traum wird wahr: Das größte Fest in der Geschichte Afrikas steht vor der Tür. Niemand vermittelt das mehr als Präsident Jacob Zuma.

Seine unausgesprochene Botschaft: Fußball macht glücklich - und eint unser Land. Eine Weltmeisterschaft macht euphorisch - und wir gewinnen. Wir holen den Cup! Hunderte mal zeigten Südafrikas Fernsehsender den aufgeregt- beseelten Zuma, wie er, um den Hals den Schal in den bunten Nationalfarben, mit den Fingern spielend in die Kameras sagt: "Es kribbelt mir in den Fingern, den Pokal zu nehmen und ihn ihm zu überreichen". Neben ihm der etwas verlegene Mannschaftskapitän von "Bafana Bafana", Kapitän Aaron Mokoena - das Team des Gastgebers gilt als krasser Außenseiter bei der WM.

"Ke Nako!" - das von Politikern, Funktionären, Fußballern unendlich oft viel zu früh gebrauchte Motto der WM, "Es ist an der Zeit!", jetzt endlich stimmt es, jetzt ist es wirklich soweit. Südafrika befand sich vor dem Eröffnungsspiel gegen Mexiko im Ausnahmezustand. Überall wehen die Fahnen, überall dröhnen die Vuzuzelas, viele Fußballfans in Phantasie-Kostümen und mit exzentrischen "Makarapas", jenen bunten, zuweilen mächtigen Fanhelmen in allen Formen und Farben, beklebt mit Sprüchen, Souvenirs oder Glücksbringern.

In den neuen Parkanlagen und Grünflächen rund um die Stadien wurde letzte Hand angelegt. Zehntausende von Arbeitern, Handwerkern und Hilfskräften brachten alles auf Hochglanz: Für den "größten Moment in der Geschichte der Demokratie Südafrikas", die 1994 endgültig das Apartheid-Regime beseitigte, wie Zuma sagte. Auch der große Wunsch der Südafrikaner, aber auch von FIFA-Präsident Joseph Blatter, wird wahr: Nelson Mandela, Freiheitskämpfer, Nationalheld, erster schwarzer Präsident und Friedensnobelpreisträger wird symbolträchtig die erste Fußball-WM auf afrikanischem Boden in "Soccer City" eröffnen - obwohl der 91-Jährige schwer krank ist. Aber es ist wohl auch für den berühmtesten Südafrikaner kaum anders als für seine Landsleute: Die Euphorie über die erste WM auf afrikanischem Boden hat alle gepackt.

In den großen Städten üben überall laute Straßenorchester und manch schrille Band, bunt gekleidete Tanzgruppen und stimmgewaltige Chöre für ihren großen Auftritte - einige wenige privilegierte sogar für das offizielle Vorabendkonzert oder gar für die Eröffnung am Freitagnachmittag. Die meisten anderen für die Fanzonen, für die Straßenfeste und für die Zonen des Public Viewings.

Oft werden die Musiker umringt von Passanten, die in den "Diski- Tanz" fallen, dem offiziellen Fantanz dieser WM 2010. Shakira, Stargast für das große Konzert im Orlando Stadion, besuchte eine Schule und tanzte selbst mit begeisterten Kindern "Waka Waka" im Schulhof. Das WM-Fieber scheint alle zu erfassen. Südafrika badet im Gefühl, Zentrum der sportbegeisterten Welt zu sein.

Als Unkenrufer wurden alle entlarvt, die Südafrika die WM nicht zutrauten: Die Stadien sind fertig geworden und bildschön, ebenso Flughäfen und neue Straßen, viele Infrastrukturprojekte wurden vorweggenommen, das Land hat enorme Anstrengungen unternommen, es der Welt zu zeigen. Auch werden die Spiele wohl meist ausverkauft sein. Kurz vor dem Start schien die WM bestens organisiert und vorbereitet zu sein - auch wenn es, wie bei jeder Großveranstaltung Pannen gibt. Allerdings wurde auch schon vor Beginn der WM deutlich, dass Südafrika viele Gesichter hat. Raubüberfälle auf Journalisten aus Spanien, Portugal und China warfen ein Schlaglicht auf die alltägliche Kriminalität, unter der die Südafrikaner leiden. Auch das Polizeiaufgebot von 46 00 Beamten sowie zahlreiche Sicherheitsmaßnahmen können daran nur wenig ändern. Kriminalität könnte auch alle Anstrengungen Südafrikas, das Image des Landes zu verbessern, gefährden. Zudem droht der Gewerkschaftsverband Cosatu, ungeachtet der WM bald mit Kampfmaßnahmen seine Forderungen zu unterstreichen. Es könnte allerdings sein, dass solche Ambitionen in WM-Rausch der Gefühle auf wenig Resonanz stoßen. Wer möchte schon bei dem größten Sportereignis der Welt Spielverderber spielen?

Die Südafrikaner versprechen sich so unendlich viel von dieser Weltmeisterschaft. Wirtschaftsexperten haben inzwischen Zweifel geäußert, ob das Großereignis dem Land wirklich mehr Touristen, Investitionen und Geschäfte bescheren wird. Aber das wichtigste für viele Südafrikaner wird ohnehin sein, dass dieses Fußballfest das Selbstbewusstsein des Landes, ja des ganzen Kontinents stärken kann.

"Die Südafrikaner scheinen sich neu in ihre Flagge zu verlieben", formulierte der Chefredakteur der "Financial Mail", Barney Mthombothi das neue "Wir"-, das neue National-Gefühl. "Die WM hat eine einigende Kraft,. ..und das hat langfristig auch positive wirtschaftliche Auswirkungen", meinte optimistisch der Ökonom Michael Spicer. Für eine Gesellschaft, die noch immer tief gespalten ist zwischen den Rassen, die unter einer enormen Kluft zwischen Reich und Arm leidet, die noch wenig Erfahrung mit Demokratie hat und in der die Wunden der rassistischen Apartheid noch lange nicht verheilt sind, ist die einigende Kraft der WM-Euphorie vielleicht viel wichtiger als der Weltmeistertitel. Für Präsident Zuma war es allerdings nicht untypisch, irrational hohe Erwartungen zu wecken - die sich dann nicht erfüllen lassen. Auch eine südafrikanische Krankheit - an die jetzt niemand denken will.