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Tom Brady:Vom Ersatzmann des Ersatzmannes zur Legende

  • Tom Brady wurde im Jahr 2000 als 199. seines Jahrgangs von den New England Patriots verpflichtet.
  • 19 Jahre später steht er nicht nur in seinem neunten Super Bowl, er ist auch der erfolgreichste Spielmacher in der Geschichte der NFL.
  • Brady war niemals der stärkste oder schnellste Quarterback, aber er brilliert in Kategorien, die sich nicht messen lassen.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

199. Diese Zahl erwähnen die Leute vor dem Super Bowl zwischen den New England Patriots und den Los Angeles Rams immer wieder, wenn sie die Geschichte des Spielmachers Tom Brady erzählen. Die Patriots haben Brady im Jahr 2000 an 199. Stelle der jährlichen Talentbörse gewählt, nach den Quarterbacks Chad Pennington, Giovanni Carmazzi, Chris Redman, Tee Martin, Marc Bulger und Spergon Wynn. Die sogenannten "Brady 6" haben ihre Laufbahnen längst beendet, sie sind nun Viehzüchter (Carmazzi), Energiemakler (Wynn) oder Curlingspieler (Bulger).

Brady ist im Alter von 41 Jahren immer noch Footballprofi, er ist mit fünf Titeln der erfolgreichste Spielmacher der Geschichte. In der Nacht auf Montag (0.30 Uhr/live auf ProSieben und DAZN) wird er sein neuntes Endspiel absolvieren, es ist die dritte Finalteilnahme nacheinander und die 40. Playoff-Partie seiner Karriere - die "Brady 6" kommen zusammen auf elf. Es schwingt immer Häme mit bei dieser Heldensage um Brady, wie hirnvernagelt die Football-Franchises der US-Profiliga NFL damals gewesen sein müssen, diesen einzigartigen Footballspieler so lange zu übergehen. Brady selbst war während des Drafts derart verzweifelt, dass er seinen Lebenslauf überarbeitete und Versicherungsmakler werden wollte.

Allerdings: Die Vereine haben nach damaligem Kenntnisstand und dem üblichen Prozedere zur Beurteilung von Quarterbacks völlig nachvollziehbar entschieden, und Brady ist heute auch so überragend, weil er genau das damals nicht war.

Wer die Karriere von Brady verstehen möchte, der sollte Leuten zuhören, die ihn bereits damals gekannt haben. Greg Harden von der University of Michigan zum Beispiel, der als Psychologe späteren Weltklassesportlern wie Michael Phelps (Schwimmen) und Jalen Rose (Basketball) geholfen hat. "Als Tom damals zu mir kam, war er ziemlich nahe an einer Depression", sagt Harden über die Begegnung vor 22 Jahren, bei der Brady verkündete, zu einer anderen Uni wechseln zu wollen. Die Reaktion von Harden: "Wen zur Hölle würde es interessieren, wenn du abhaust? Du hast hier bislang einen Scheißdreck geleistet. Du willst aufhören? Dann hau ab!"

Es gibt Sportler, die implodieren, wenn sie so was hören, Brady schöpfte daraus Motivation. Der Quarterback ist das Herzstück einer Mannschaft, fast jeder Spielzug der Offensive läuft über ihn. Er muss kräftig und doch beweglich sein, er muss weit und präzise werfen können. Brady war in diesen statistisch erfassbaren Bereichen eher durchschnittlich. Ein Spielmacher muss allerdings auch innerhalb weniger Sekunden die gegnerische Taktik dechiffrieren, seine Mitspieler lenken, unter Druck die richtige Entscheidung treffen - Dinge, die sich schwer messen lassen und die nur dann auffallen, wenn es einer immer und immer wieder richtig macht.

Brady kontrolliert das Kontrollierbare

"Er wurde auf dem Spielfeld zu einem buddhistischen Mönch, weil er das Unkontrollierbare ausblenden konnte", sagt Harden, auf dessen Schreibtisch ein Schild steht mit der Aufschrift: "Kontrolliere das Kontrollierbare." Brady wurde Stammspieler in Michigan, doch beim Probetraining der Profivereine ging es um die messbaren Dinge: Wie schnell kann einer laufen? Wie hoch springen? Wie präzise wirft er? Wer die Videos dieses schmächtigen Jungen sieht, der wundert sich eher, dass in der statistikversessenen NFL überhaupt ein Verein an ihm interessiert war.

Die Patriots verpflichteten ihn, als Ersatzmann des Ersatzmanns des Ersatzmanns von Quarterback Drew Bledsoe, seine Aufgabe: Die Spielmacher der Gegner so zu imitieren, dass sich die eigene Defensive effizient darauf vorbereiten kann. Während einer Einheit warf er einen derart wabbeligen Pass, dass sich sein damaliger Mitspieler Lee Johnson noch immer daran erinnert: "Ich dachte mir: Was ist das denn für ein krummes Ding? Was ist das denn für einer? Ich war erschüttert."

Brady war kein Bewegungstalent und hatten keinen Wunderarm

Brady war kein Auserwählter, zu denen im US-Sport schon so viele (und meist zu Unrecht) verklärt worden sind. "Er war dieser kleine Bub aus Michigan mit den Stoffhosen und dem ulkigen Haarschnitt", sagt Johnson. Doch dieser kleine Bub beschwerte sich nie, er führte frustrierende Aufgaben mit perfektionistischem Eifer aus, und er lernte nebenbei, präziser zu werfen und sich geschmeidiger zu bewegen.

Brady kontrollierte das Kontrollierbare, zu Beginn seines zweiten Profijahres war er nicht mehr Ersatzmann des Ersatzmanns des Ersatzmanns, sondern Stellvertreter des Stammspielers. Trainer Bill Belichick wollte einen, der ohne Widerspruch das tat, was er von ihm verlangte. Das war Brady, und nach der Verletzung von Bledsoe am zweiten Spieltag wurde er Stammspieler. Er führte die Patriots in den Super Bowl, und was er in den letzten 81 Sekunden dieser Partie tat, beim Stand von 17:17 gegen die St. Louis Rams, das steht nun symbolisch für diese Karriere: fünf kurze Pässe, ein absichtlich ins Aus geworfener Ball, kein Fehler. Die Patriots gewannen 20:17. Es war nicht die Heldentat eines außergewöhnlich Begabten, sondern die eines unfassbar Nervenstarken.

Belichick wusste, dass Brady kein Bewegungstalent war und keinen Wunderarm hatte, deshalb ließ er ihn keine spektakulären Spielzüge ausführen, er baute einen Schutzwall aus hochbegabten Offensivlinien-Spielern vor seinem nicht besonders athletischen Spielmacher auf - hinter diesen Beschützern wurde der buddhistische Mönch zum Erleuchteten, der Rückschläge und Rückstände gelassen hinnimmt.

Brady bewegt sich mit 41 geschmeidiger als mit 21, er wirft präziser als sein 20 Jahre jüngeres Selbst. Er unterzieht sich einer rigorosen Diät und einem strengen Fitnessprogramm. Noch immer werfen ihm Spötter vor, dass die Patriots zu Beginn seiner Karriere nicht wegen, sondern trotz ihm so viele Titel gewonnen haben, und Kritiker behaupten, dass er bisweilen Dinge kontrolliert, die er dem Reglement zufolge gar nicht kontrollieren darf, wie zum Beispiel den Luftdruck in Spielbällen.

Brady ist Symbol dafür, dass ein Sportler mehr besitzen muss als Athletik und Technik

Nur: Wenn einer andauernd bedeutsame Partien prägt, Titel gewinnt und Rekorde bricht, dann müssen selbst Spötter und Kritiker einsehen, dass das kein Zufall mehr sein kann. Brady ist nicht der strahlende Superheld, als der er immer wieder und auch wegen seiner Ehe mit dem Model Gisele Bündchen gezeichnet wird. Er ist ein Symbol dafür, dass ein Sportler mehr besitzen muss als Athletik und Technik. Dass viele Partien durch Dinge entschieden werden, die sich statistisch nicht erfassen lassen. Dass einer an Spott und Kritik wachsen kann. Dass sich einer Erfolg erarbeiten kann. Er wird zum Vorbild für Kinder, die nicht mit unfasslichem Talent gesegnet sind, und zu einem dieser Kinder sagte Brady auf die Frage nach Spöttern und Kritikern: "Wir lieben sie, und wir wünschen ihnen nur das Beste."

Brady erzählt eine uramerikanische Geschichte, dass es einer von Nummer 199 seines Jahrgangs zum erfolgreichsten Spielmacher der Geschichte bringen kann, und er hat bereits angekündigt, dass er diese Geschichte noch ein paar Jahre fortschreiben möchte. Und natürlich, das gehört zur Heldensage, wusste er schon damals, wie gut er mal werden würde. "Ich weiß noch, wie diese Bohnenstange an seinem ersten Arbeitstag mit einer Pizzaschachtel unterm Arm die Stufen des Stadions hinunterkam", sagt Robert Kraft, der Patriots-Besitzer. Brady habe sich vorgestellt, dann sagte er: "Mister Kraft, ich bin die beste Entscheidung, die diese Franchise jemals getroffen hat."

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SZ vom 02.02.2019/dsz
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