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Tokio 2021:Das Phantom am Fluss Tone

"Wir sind die Versuchskaninchen": Australiens Softball-Team winkt vor dem Hotel aus sicherer Distanz.

(Foto: Kazuhiro Nogi/AFP)

Die erste Olympia-Delegation ist in Japan eingetroffen. Australiens Softballerinnen sollen die Bedenken vor den Pandemie-Spielen zerstreuen. Von Bürgern in der Kleinstadt Ota halten sie sich jedoch konsequent fern.

Von Thomas Hahn, Ota

Hideko Iida hat sie gesehen. Genauer gesagt hat sie gesehen, wie der Bus vorbeifuhr, mit dem Australiens Softball-Spielerinnen zum Stadion fuhren. Die Pizzeria, welche die 72-Jährige mit ihrer Tochter in Ota, Präfektur Gunma, betreibt, liegt ganz in der Nähe des Sportparks an der Straße. Wer aus der Innenstadt dorthin will, muss hier vorbei. Hideko Iida wird das erste Team, das für Olympia in Tokio nach Japan gereist ist, also noch oft sehen in den nächsten Wochen. Immer nur deren Bus versteht sich, denn wegen der Coronavirus-Schutzmaßnahmen dürfen die Sportlerinnen während ihres Trainingslagers ja nur zwischen Hotel und Sportplatz pendeln.

Hideko Iida bewegt das nicht besonders. Vor der Pandemie war die Nähe zum Baseballstadion ein Vorteil, an Spieltagen kamen mehr Gäste. Aber jetzt ist wenig los. Abends macht sie schon um acht zu, weil in Gunma noch die Vorstufe zum Corona-Notstand gilt. Die Australierinnen selbst können ohnehin nicht bei ihr essen. Fans konnten sie nicht mitbringen, weil Japans Regierung keine Auslandstouristen einreisen lässt. Dieses Trainingslager kann Hideko Iida egal sein. Die ganzen Sommerspiele können ihr egal sein. "Mit unserer Bevölkerung hat das ja gar nichts zu tun", sagt sie.

In Ota am Fluss Tone kann man dieser Tage ein paar erste Eindrücke von der Wirklichkeit der pandemischen Spiele bekommen. Medien auf der ganzen Welt merkten auf, als bekannt wurde, dass Australiens Softballerinnen am 1. Juni in Japan landen würden. Fernsehteams erwarteten sie am Flughafen. Ihr Trainingsstandort Ota, eine unscheinbare 220 000-Seelen-Stadt 100 Kilometer nördlich von Tokio, kam in die Nachrichten. Es war ein Zeichen: Die erste Olympia-Delegation ist da, die Spiele gehen am 23. Juli wirklich los - trotz Pandemie, trotz aller Bedenken von Medizinexperten und Normalbürgern.

Australien liegt auf einer Linie mit dem IOC - es hat Olympia 2032 schon jetzt so gut wie sicher

Dieses Trainingslager ist mehr als das Vorbereitungs-Camp eines Nationalteams, das wegen der Pandemie seit über einem Jahr nicht mehr zusammenspielen konnte. Es ist ein Beitrag zur Saga des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) von den sicheren Coronavirus-Spielen, die der Ringe-Klüngel im Dienste seiner Fernseh- und Sponsorenverträge durchpeitscht. Und Australien ist in diesem Klüngel gerade prominent vertreten. John Coates, der für die Tokio-Spiele zuständige IOC-Vizepräsident, ist Australier. Australien ist gerade erst auf dem kurzen Dienstweg an Olympia 2032 gekommen: Der IOC-Vorstand hat diese Woche Brisbanes "unwiderstehliche" Bewerbung durchgewinkt, womit die Wahl durch die IOC-Mitglieder am 21. Juni so gut wie sicher ist - und sich das Olympiaprojekt von Rhein-Ruhr endgültig erledigt haben dürfte. Jetzt dienen also Australierinnen aus der Randsportart Softball als lebendige Beispiele für die These, dass niemand Angst vor Tokyo 2020 haben muss. "Wir sind zu diesem Zeitpunkt die Versuchskaninchen", sagt Second-Base-Frau Tahli Moore in der New York Times. "Wir zeigen, dass es wirklich sicher ist."

Die Spiele sind aus verschiedenen Gründen riskant. Sie bringen Menschenmassen innerhalb Japans in Bewegung, sie ziehen Olympia-Akkreditierte aus dem Ausland an, die man nicht lückenlos auf die diversen Mutanten des Coronavirus kontrollieren kann. Wegen der Mannschaft aus einer reichen, gut organisierten Sportnation muss man weniger Befürchtungen haben. Australiens Softball-Team ist komplett geimpft. Die 23 Spielerinnen und ihre fünf Begleiter werden jeden Tag auf Covid-19 getestet. Und sie halten sich auch nach den ersten vier Tagen in Quarantäne konsequent von den Einheimischen fern. In ihrem Hotel wohnen sie auf drei Etagen, getrennt von den anderen Gästen. Sie benutzen einen eigenen Fahrstuhl. Das Hotel verlassen sie nur für Training oder Testspiele. Für Otas Menschen ist das Team wie ein Phantom. "Ich habe aus dem Fernsehen erfahren, dass sie da sind", sagt Taxifahrer Kikuo Otani. Die meisten hier wissen nur aus den Medien vom Besuch aus der Fremde.

Members of Australia's Olympic softball squad hold training session in Ota, Japan

Steriles Olympia-Abenteuer: Die Australierinnen verlassen das Hotel nur für Training und Testspiele.

(Foto: Reuters)

Es ist ein sonniger Nachmittag. In der Parkidylle um das Baseballstadion sporteln und verweilen Menschen in Masken. Am Eingang zu den Katakomben des Baseballstadions sind grün-gelbe Fahnen aufgestellt, auf denen steht: "Willkommen in Ota City, Australischer Spirit." An der Glastür hängt eine Dankesbotschaft der Mannschaft in japanischen Schriftzeichen. Aber vom Park aus ist das schwer zu sehen, und die Trainingseinheit des Tages ist schon vorbei. Zwei Frauen schauen etwas enttäuscht von einer Anhöhe über den Rand des Stadions. Sie sind extra aus der Nachbarstadt hergefahren, um die Australierinnen zu sehen. Eine andere Frau sagt, sie habe gesehen, wie der Bus weggefahren ist. Ob sie es gut findet, dass die Australierinnen da sind? "Halb, halb", antwortet sie.

Die Australierinnen selbst zeigen sich gelassen und verbreiten über soziale Medien gute Laune. Ihre Landsmänner vom Baseball haben gerade erst für ihr Qualifikationsturnier abgesagt, nachdem dieses wegen des Coronavirus kurzfristig von Taiwan nach Mexiko verlegt worden war. Absagen und Verlegungen prägen weiterhin das vorolympische Geschehen. Viele der 528 geplanten vorolympischen Trainingslager in Japan finden nicht statt, weil entweder die Gastgeber oder die Mannschaften zurückgezogen haben.

Olympischer Traum? Oder olympischer Albtraum? "Gute Frage", sagt der Softball-Funktionär

Aber Australiens Softball-Spielerinnen haben sich schon im September 2019 in Shanghai qualifiziert. Und jetzt ziehen sie ihr steriles Olympia-Abenteuer eben durch. Chelsea Forkin, Nationalspielerin seit 2008, sagt: "Wir können nicht raus, aber das ist okay." Und David Pryles, der Geschäftsführer von Softball Australia, erzählt am Telefon, dass die Frauen sich mit Computerspielen, Yoga-Unterricht und Tischtennisturnieren die Zeit neben dem Training vertreiben. Er selbst verfolgt das Geschehen von Melbourne aus. "Das Team macht wirklich einen guten Job", sagt er.

Ist das ein olympischer Traum? Oder ein olympischer Albtraum? "Gute Frage", sagt David Pryles. Softball fiel nach 2008 aus dem Olympischen Programm und wird wegen der neuen Regeln des IOC, nach denen jeder Gastgeber fünf Sportarten wählen kann, 2024 in Paris wieder nicht dabei sein. "Für eine ganze Generation ist Tokio die einzige Chance, eine Olympionikin zu werden", sagt er. Außerdem sind Förderung und Medienaufmerksamkeit schlechter, wenn man nicht bei Olympia ist. IOC und Nationales Olympisches Komitee sagten, dass die Spiele stattfinden. Also plante Softball Australia die Operation Medaille. "Wir können nicht kontrollieren, ob die Spiele stattfinden", sagt David Pryles, "aber wir können unsere Leistung kontrollieren und wie wir uns vorbereiten. Und das machen wir jetzt."

Hideko Iida und ihre Tochter in der Pizzeria können auch nur tun, was die Mächtigen zulassen. Immerhin, am Sonntag soll der Semi-Notstand für Gunma aufgehoben werden, dann müssten sie abends wieder länger öffnen können. Die Australierinnen? Hideko Iida wüsste nicht, wie die mit ihrer Olympia-Mission irgendetwas in Ota bewirken könnten. Sie sind ja praktisch nicht da. "Diese Einladung", sagt Hideko Iida, "kann die Stadt gar nicht beleben."

© SZ/bkl
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