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Olympia 2020:1,1 Millionen Euro für eine "Analyse"

Der Chef des Japanischen Olympischen Komitees, Tsunekazu Takeda, kommt zu einer Pressekonferenz.

(Foto: AFP)
  • Tsunekazu Takeda tritt als Chef des Japanischen Olympischen Komitees zurück.
  • Der Grund: Korruptionsvorwürfe. Vor der Vergabe der Spiele an Tokio 2020 flossen Gelder, die Takeda nicht erklären kann.
  • Es ist nicht der einzige Finanzskandal rund um die Spiele in Japan.

Tsunekazu Takeda hat oft gezeigt, wie geschickt er Skandale und Rücktritte moderieren kann. Von seinem eigenen Sturz dagegen erfuhr die Öffentlichkeit häppchenweise. In der vorigen Woche hieß es, der Rücktritt des Präsidenten des Japanischen Olympischen Komitees (JOC) sei "wahrscheinlich"; später wurde er "unumgänglich". Am Samstag besuchte dann Yoshiro Mori, Chef des Organisationskomitees für die Sommerspiele Tokio 2020 und politischer Strippenzieher, den Premierminister Shinzo Abe in seiner Privatwohnung. Das Duo soll Takedas Sturz besiegelt haben. Am Dienstag nun hat Tokios Bürgermeisterin Yuriko Koike berichtet, Takeda habe ihr per Telefon den Rücktritt angekündigt. Erst danach bequemte sich der 71-Jährige, die Öffentlichkeit zu informieren: Er gebe beide Ämter auf, das Präsidium des JOC und das Vize-Präsidentenamt des Organisationskomitees für Tokio 2020. Allerdings nicht sofort, wie erwartet, sondern erst Ende Juni, wenn seine Amtszeit als JOC-Chef turnusgemäß endet. Dann wolle er seine Unschuld beweisen.

Als Präsident des Bewerbungskomitees hatte Takeda im Juli 2013, kurz vor der Vergabe der 2020-Spiele, 95 Millionen Yen, umgerechnet 750 000 Euro, an "Black Tidings" überweisen lassen, eine Beratungsfirma in Singapur. Diese wurde von Papa Massata Diack kontrolliert, dem Sohn des früheren Leichtathletik-Weltverbandspräsidenten Lamine Diack. Der steht inzwischen in Frankreich unter Hausarrest; gegen den Filius wird in mehreren Korruptionsfällen ermittelt. Nachdem Tokio den Zuschlag vor Istanbul und Madrid erhalten hatte, lobte Takeda sich und sein Team für "strategisches Lobbying". Zwei Monate später, im Oktober 2013, schickte er weitere 135 Millionen Yen nach Singapur, rund 1,1 Million Euro. Verwendungszweck: "die Analyse der siegreichen Faktoren".

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Als die Zahlungen 2016 bekannt wurden, führte das JOC eine interne Untersuchung durch und stellte fest, es sei alles sauber gelaufen. Das japanische Parlament akzeptierte diese Schlussfolgerung. Wie man eine Abstimmung, an der 94 IOC-Mitglieder teilnahmen, für eine Million Dollar analysiert, vermochte Takeda den Abgeordneten nie zu erklären.

Olympische Spiele werden an Städte vergeben, nicht an Länder; Gastgeber ist deshalb der Bürgermeister. Als Tokio die Bewerbung für die Spiele 2020 vorbereitete, war der Rechtsextreme Shintaro Ishihara Bürgermeister (Gouverneur). Im Oktober 2012 musste er zurücktreten. Takeda beruhigte und versprach Kontinuität. Auf Ishihara folgte Naoki Inose, auch er ein Rechtsnationalist. Vor dem Vergabe-Kongress in Buenos Aires polemisierte Inose gegen den Islam und ließ die Welt wissen, Muslime wären nicht in der Lage, Olympia zu organisieren; Zitat: "Die haben nur Allah gemeinsam und bekriegen sich." Ein Jahr später stolperte er über einen Finanzskandal. Takeda versprach erneut Kontinuität. Auch Inoses Nachfolger Yoichi Matsuzoe musste in Schimpf und Schande gehen, er hatte sich aus der Staatskasse bedient. Das alles konnte Takeda nichts anhaben, so wenig wie die Kostenexplosion des Olympia-Budgets und das Platzen des Prestigeprojekts, des Nationalstadions der Stararchitektin Zaha Hadid. Dabei hatte das JOC sein neues Hauptquartier in den Bauch von Hadids Stadionprojekt geschmuggelt - so hätte es der Staat finanzieren müssen.

Takeda entstammt einer jener japanischen Familien, die sich über den Gesetzen wähnen. Sein Vater, Prinz Tsuneyoshi Takeda, verlor nach dem Krieg seinen Adelstitel (die Nebenlinien des Kaiserhauses wurden abgeschafft; Tsuneyoshi war Enkel von Kaiser Meiji und Cousin von Kaiser Hirohito) und wurde Sportfunktionär. Zunächst war er Präsident des japanischen Eislaufverbands, ab 1962 Chef des Japanischen Olympischen Komitees, von 1967 bis 1981 saß er auch im IOC. Für den heute 71 Jahre alten Sohn, der 1972 und 1976 als Springreiter an Olympia teilnahm, war es eine Selbstverständlichkeit, den gleichen Weg einzuschlagen. Wie Kenji Ikawa in der Webzeitung Litera schrieb, hat der Vater ihm den Weg geebnet. Ikawa berichtet weiter, 1974 habe Takeda mit einem Pferdetransporter eine Fußgängerin tödlich verletzt. Gemäß der Zeitungsberichte habe er den Unfall verschuldet, sich aber nie vor Gericht verantworten müssen. Seine Karriere habe keinen Knick erlitten. Mit dem JOC-Präsidium während der Sommerspiele in Tokio im kommenden Jahr wollte Takeda diese Karriere krönen. Das JOC plante sogar, für ihn die Altersbeschränkung aufzuheben. Nach den Statuten dürfen über 70-Jährige nicht in ein Gremium gewählt werden.

Takeda hat in der Olympia-Bürokratie alle möglichen Funktionen ausgeübt. Im IOC ist er Chef der Marketing-Kommission, er war mehrmals Chef der japanischen Olympia-Delegation und bei den Winterspielen 1998 in Nagano Sportdirektor. Dass die Vergabe jener Spiele mit 14 Millionen Dollar erkauft wurde, ist heute unbestritten. Hinweise darauf, dass Takeda direkt involviert gewesen sei, gibt es allerdings nicht. Die Stadt Nagano köderte 62 IOC-Mitglieder damals mit First-Class-Flügen, Luxusaufenthalten in Onsen, den japanischen Thermalbädern, und Gerüchten zufolge auch weit größeren Geschenken. Die Stadtverwaltung führte Buch über diese Schmiergelder. Sie hob die Belege in zehn versiegelten Kisten auf. Doch als das Internationale Olympische Komitee zu ermitteln begann, ließ der Beamte Junichi Yamaguchi die zehn Kisten in die Müllverbrennung bringen. Aus "Höflichkeit" den IOC-Mitgliedern gegenüber, wie er der Washington Post später sagte. "Das hätte für sie ja unangenehm werden können."

Nachdem jener Skandal aufgeflogen war, sagte Tsunekazu Takeda, damals noch Exekutivmitglied des japanischen NOK: "Die olympische Bewegung ist mit einem schlechten Image gebrandmarkt, das ist traurig für die Athleten, die in reinem Geiste kämpfen." Er hoffe, die Wahrheit komme ans Licht und die Bewegung werde "als sauberes IOC wiedergeboren". Etwas Ähnliches könnte dereinst auch sein Nachfolger sagen.

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