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Fall Tönnies:"Wir dürfen uns nicht selbst zerfleischen"

  • Clemens Tönnies lässt sein Amt als Aufsichtsratschef von Schalke 04 nach seinen verbalen Entgleisungen für drei Monate ruhen.
  • Der Schalker Ehrenrat wird für diese Entscheidung zum Teil hart kritisiert.
  • Die fast viereinhalbstündige Sitzung verlief aber offenbar sehr viel kontroverser, als es das Urteil vermuten lässt.

Ende Juni, auf der Hauptversammlung des FC Schalke 04, sagte Aufsichtsratschef Clemens Tönnies einige Sätze zur Befindlichkeit: "Ich bin 63. Jeden Tag Fleisch." Das betont der Fleischindustrielle gern und oft. Manchmal fügt er dann hinzu, dass er noch lieber Wurst isst.

Auf Schalke sagte er noch einiges zur Lage des Vereins: "Wir werden es besser machen" als in der vergangenen Saison. Und: "Ich bin nicht derjenige, der abhaut. Ich bin der, der anpackt." Applaus.

Tönnies später: "Es ist eine Tugend von uns Schalkern, dass wir nicht nachtreten." Großer Applaus. Als Tönnies das sagte, meinte er vor allem den jungen Trainer Domenico Tedesco, 33, der Schalke verlassen musste. "Es tut mir unheimlich leid um ihn", sagte Tönnies. Ganz großer Applaus.

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Schalke 04

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Wenn es denn wirklich eine Tugend der Schalker ist, nicht nachzutreten, gilt das auch für den Fall des Chefs? Für den Fall Clemens Tönnies? Und steht wirklich fest, dass er nicht abhauen wird? Niemals?

Am Dienstagabend tagte der Ehrenrat des Klubs. Es ging um Tönnies selbst. Vor allem um seine Äußerungen zu Afrika, wo Kraftwerke fehlen würden, und zu den Bewohnern des Kontinents, die deshalb im Dunkeln "Kinder produzieren" würden. Nach den üblichen Definitionen war das, was Tönnies in eine Rede in Paderborn einstreute, der klassische Rassismus.

"Rassismus ist der Prozess, in dem Menschen aufgrund tatsächlicher oder vermeintlicher körperlicher oder kultureller Merkmale als homogene Gruppen konstruiert, negativ bewertet und ausgegrenzt werden", heißt es im einschlägigen Glossar.

Der Schalker Ehrenrat beriet viereinhalb Stunden, und das Resultat war, auf den ersten Blick, so bizarr wie in der vorigen Saison manche Feststellung der Videoschiedsrichter, die im Kölner Keller hockten.

Kein Rassismus. Der Vorwurf sei "unbegründet". So der Ehrenrat. Vorzuwerfen sei Tönnies allerdings, dass er gegen das in der Vereinssatzung und im Schalker Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot verstoßen habe. Insbesondere als Aufsichtsratschef habe er seine Pflicht verletzt. Tönnies habe dies bedauert und erklärt, sein Amt als Mitglied des Aufsichtsrates für den Zeitraum von drei Monaten ruhen zu lassen. Danach gehe er wieder ran.

Der fünfköpfige Ehrenrat trat nicht nach und begrüßte diesen Plan.

Das Echo ist entsprechend. Und es ist vieltönig. In Schalker Fankreisen regt sich erster Widerstand: "Clemens Tönnies kann so nicht mehr das Gesicht von Schalke sein", sagt zum Beispiel Manfred Beck von der Schalker Fan-Initiative. Und weiter: "Ich hoffe, dass das nicht das endgültige Ergebnis ist, sondern dass dies erst mal ein Zwischenergebnis ist." In einigen Medien ist von "Marionetten" die Rede, an denen Tönnies "die Fäden" gezogen habe. Von der "verlorenen Ehre des FC Schalke" ist ebenfalls die Rede. Und, es ist Sommerpause, fast jeder, der im politischen Sportbetrieb etwas zu sagen hat, hechtete nach: "Erbärmlich", "fragwürdig", "elendig".

Das Echo auf den Ehrenrats-Entscheid ist unerbittlich, aber es ist mit dem eigentlichen Spielverlauf nur schwer zu erklären.

Im Schalker Ehrenrat, dem seit Tagen eine Bedeutung zugeschrieben wird, als sei er das Jüngste Gericht, sitzen fünf Menschen. Jeder von ihnen muss über 30 Jahre alt sein, dem Verein als Mitglied mindestens fünf Jahre angehören, und mindestens zwei der Mitglieder müssen die Befähigung zum Richteramt haben.

Alle fünf Mitglieder erfüllen diese Voraussetzungen. Alle fünf sind Schalker.

Manche kennt man, wie den Pfarrer Hans-Joachim Dohm, der Vorsitzender des Gremiums ist und der schon Manuel Neuer getauft haben soll. Oder seinen Stellvertreter, den Professor Dr. Klaus Bernsmann, der Anwalt und Leiter des Lehrstuhls für Straf- und Prozessrecht an der Uni Bochum ist. Bernsmann zumindest kennt Tönnies bis aufs Fleisch.

Als der Großmetzger in einem Strafverfahren unter anderem Probleme bekam, weil beim "Hackfleisch gemischt", bei dem der Anteil Schweinefleisch gewöhnlich mit 55 Prozent und Rindfleisch mit 45 Prozent angegeben wird, die Proportionen nicht gestimmt haben sollen, verfasste Bernsmann eine erstaunliche Expertise. Nach der Lektüre wusste selbst ein Staatsanwalt nicht mehr, wie es denn mit den Anteilen so richtig sei. Ob Rindfleisch wirklich besser ist als Schweinefleisch. Juristen-Kunst.

Also: Richtige Tönnies-Gegner sind der Pfarrer und der Anwalt nicht.

Und dennoch lief die Sitzung des Ehrenrats, wie verlässliche Quellen bezeugen, anders, als das Ergebnis es vermuten lässt. Die Juristin Kornelia Toporzysek, Richterin am Oberlandesgericht Düsseldorf und seit 2005 Schalke-Mitglied, soll die Paderborner Tönnies-Äußerungen sofort sehr scharf kritisiert haben. Es gibt jemanden, der dabei war und beteuert, wenn das so weitergegangen wäre, dann hätte Tönnies in dieser Dienstagnacht hingeworfen.

Auch Götz Bock, Richter am Hessischen Finanzgericht, soll sehr grundsätzlich geworden sein. Mitglieder des Gremiums erklären, sie dürften nichts sagen. Geheim.

Auf Anfrage, ob er zu einem Interview bereit sei, teilte Tönnies am Mittwoch via SMS kurz mit, er mache jetzt "erst einmal eine Pause". In gegebener Zeit komme er wieder auf die Öffentlichkeit zu.

Stimmen die überlieferten Beschreibungen dieser Sitzung, so hat es eine Weile gebraucht, um die Grundlage für den Schalker Kompromiss zu legen. "Wir dürfen uns doch nicht selbst zerfleischen", soll ein Ehrenrat gesagt haben. Und weil zu dem Gremium ein Steuerberater gehört, dem Einblick in das Reich von Schalke 04 - einschließlich aller Tönnies-Aktivitäten - zugetraut wird, soll dessen Votum besonders wichtig gewesen sein. Bernhard Terhorst soll zur Besonnenheit geraten haben.

Auf der Hauptversammlung im Juni übrigens hat eine Schalkerin etwas Wichtiges über das Schalke-Sein gesagt und dafür viel Beifall bekommen: "Ich bleibe bei jedem Spiel, ganz gleich, wie scheiße es auch ist." Clemens Tönnies stand daneben und half beim Ausrichten des Mikrofons.

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