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Tönnies-Rücktritt:Der Patron gibt auf

07.03.2020, Fussball, Saison 2019/2020, Bundesliga, 25. Spieltag - FC Schalke 04 - TSG 1899 Hoffenheim, Aufsichtsratsvo

Abschied auf Schalke: Aufsichtsratschef Clemens Tönnies gab seinen Rücktritt von allen Vereinsämtern bekannt.

(Foto: Tim Rehbein/RHR-Foto/imago)

Jubel in Teilen der Anhängerschaft, Betroffenheit im Verein: Mit Clemens Tönnies verlässt die prägendste Figur die Schalker Führung. Seine Nachfolge ist völlig offen.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Es gab herzerwärmende Reaktionen, als Jonjoe Kenny am Dienstagmorgen mitteilte, dass er nicht länger im Dienst von Schalke 04 stehe, weil er zu seinem Heimatverein FC Everton zurückkehren werde. Auf dem Instagram-Konto des englischen Verteidigers, der im vorigen Sommer als Leihgabe nach Gelsenkirchen gekommen war, hinterließ ein Fan ein beachtliches Angebot, um den 21-Jährigen noch umzustimmen: "Mein Haus, meine Braut, mein erstgeborenes Kind - dafür, dass du doch noch zwei Jahre bleibst."

Dass ähnliche Offerten an Clemens Tönnies gerichtet werden, ist im Moment unwahrscheinlich, aber es ist auch nicht völlig ausgeschlossen, dass man es später bereuen wird, ihn nicht zum Bleiben überredet zu haben. Wie Kenny gehört jetzt auch Tönnies, seit 26 Jahren Mitglied des Aufsichtsrates der Königsblauen, seit 19 Jahren Vorsitzender des Gremiums und darüber hinaus inoffizielles, aber reales Vereinsoberhaupt, nicht mehr dem Betrieb des FC Schalke 04 an.

Er legte, wie der Klub um 16 Uhr mitteilte, sein Amt als Aufsichtsratschef nieder. Einen Grund für den mit sofortiger Wirkung gültigen Rücktritt gab er nicht an, aber einer der Gründe liegt auf der Hand: Es gibt aus seiner Sicht zu viele Schalker, die ihm nicht hinterhertrauern.

In Teilen der Anhängerschaft wird die Entscheidung sogar Jubel hervorrufen. In der vorigen Woche hatte es aus Kreisen der organisierten Fanszene konzertierte Proteste gegen den Schalker Spitzenfunktionär gegeben: Schmähplakate am Vereinsgelände und an der Glückaufkampfbahn, die zum Teil Formulierungen jenseits der Grenze des guten Geschmacks enthielten, Resolutionen und Pamphlete - und am Samstag schließlich eine Demonstration samt Menschenkette, an der sich knapp 1000 Schalker beteiligten. Zentraler Tenor der Widersacher: Tönnies bringe Schalke in Verruf und sei als Führungsperson nicht mehr tragbar. Der 64-Jährige war durch massenhafte Corona-Infektionen und die Arbeitsbedingungen in seinen Fleischwerken in Rheda-Wiedenbrück bundesweit unter Dauerbeschuss geraten. Mancher Kritiker mag nun triumphieren, dass er sich aus dem Verein zurückzieht.

Im Verein dagegen herrscht Betroffenheit. Tönnies habe "ganz entscheidenden Anteil daran, dass sich Schalke als eines der sportlichen und wirtschaftlichen Schwergewichte der Liga etabliert" habe, erklärten die Vorstandsmitglieder Alexander Jobst und Jochen Schneider. Sie verwiesen auf Tönnies' Verbindungen, seinen Unternehmergeist und sein Engagement für den Verein, dem er - was auch die Kritiker nicht leugnen - in Leidenschaft nahegestanden habe: "Wir wissen, wie schwer ihm dieser Entschluss gefallen ist."

Der Verein ist nun zwar eine gewisse Last los, ob er deswegen leichteren Zeiten entgegengeht, ist jedoch fraglich. Tönnies' Wort als Entscheider mag zu oft zu viel Gewicht gehabt haben in den vergangenen Jahren, aber er hat den Klub auch geführt, wenn es schwierig wurde. Nach dem unlängst erfolgten Rücktritt von Finanzchef Peter Peters - auch dieser war ewige 27 Jahre im Schalker Dienst - obliegt es nun dem Restvorstand mit dem Marketing-Spezialisten Jobst und dem Sportmanager Schneider, den Klub zu lenken.

Dies geschieht in einer Zeit, in der Schalke 04 viel Hilfe benötigt. So musste der Verein die NRW-Landesregierung darum bitten, den Kredit mit einem Bankenkonsortium abzusichern, der die akuten Verluste aus der Corona-Krise auffangen und die Zahlungsfähigkeit aufrechterhalten soll. Im spielfreien Sommer ist mit Einnahmen kaum zu rechnen, die üblicherweise rettenden Erlöse aus dem Dauerkartengeschäft entfallen im Geisterspielbetrieb. Düsseldorf bewilligte dem prominenten Verein und Unternehmen die nötige Bürgschaft für den Kredit, der nach SZ-Informationen 35 Millionen Euro beträgt und dessen Rückzahlung in vier Jahren fällig ist. Schalkes Einbußen durch die Corona-Folgen liegen bei knapp 40 Millionen Euro.

Clemens Tönnies, angeblich Milliardär, Millionär auf jeden Fall, war auf Schalke nicht die Sorte von Patron, der den Verein mit seinem Privatvermögen alimentiert. Er hat Schalke nie Geld überlassen, sondern lediglich mit Darlehen ausgeholfen, die marktgemäß verzinst werden mussten. Geld verschenken wollte er ausdrücklich nicht, nur eine kürzlich gegründete Stiftung zur Pflege der Historie stattete er aus eigener Tasche mit Startkapital aus.

Wer Schalke künftig anführen soll, das ist eine offene Frage. Es gibt keinen logischen Nachfolger für Tönnies. In die Funktion des Aufsichtsratsvorsitzenden wird wohl Stellvertreter Jens Buchta nachrücken, alles Weitere muss dann auf einer Vollversammlung der Mitglieder geregelt werden. Das kann, schon aus technischen Gründen, dauern: Schalke, einer der letzten eingetragenen Vereine der Liga, hat 150 000 Mitglieder.

© SZ vom 01.07.2020/schm
Schalke 04: Clemens Tönnies vor dem Spiel gegen RB Leipzig

Fleischfabrikant
:Tönnies tritt als Schalker Aufsichtsratschef zurück

Das bestätigt der Verein in einer Mitteilung. Jahrelang war der Milliardär der starke Mann im Klub aus Gelsenkirchen. Nach einem Corona-Ausbruch in seinen Fleischfabriken forderten mehrere Fanorganisationen seinen Rückzug.

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