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Schalke 04:Die Tribüne fällt das wahre Votum über Tönnies

Schalker in Gedanken in Dortmund

Wollen die Schalker Fans ihren Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies zurückhaben?

(Foto: dpa)

Clemens Tönnies lässt sein Amt für drei Monate ruhen - das klingt wie ein Urteil auf Bewährung. Doch Schalke entscheidet nun, ob es den Aufsichtsratsvorsitzenden überhaupt zurückhaben will.

Im Juni 2012 verabschiedete die Mitgliederversammlung ein Leitbild des FC Schalke 04, von dem es heißt, es sei von Clemens Tönnies mitentwickelt worden. In Punkt 8 dieses Leitbildes mit dem Titel "Schalke 04. Wir lieben dich" heißt es: "Von uns Schalkern geht keine Diskriminierung oder Gewalt aus. Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein."

Sieben Jahre später, im Juli 2019, hielt der Großschlachter Tönnies in Paderborn am "Tag des Handwerks" eine Rede, in die er eine Stammtisch-Passage einfügte, die er kurz darauf selbst als "töricht" geißelte. Tönnies empfahl zum Klimaschutz die Finanzierung von Kraftwerken in Afrika und folgerte: "Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren."

Nicht Rot, nur Gelb, eine Verwarnung

Glatt Rot! Platzverweis. Ein klarer Verstoß gegen das Schalker Leitbild, sollte man meinen. Zumal so ein Aufsichtsratschef in jeder öffentlichen Rolle, an jedem Ort und über 24 Stunden nie als Privatperson, sondern stets als Schalker spricht.

Irritierend ist jetzt, dass der Ehrenrat des Klubs zu einem anderen Urteil kommt. Nicht Rot, nur Gelb, eine Verwarnung. Tönnies ist 63, er ist zuvor öffentlich nicht mit rassistischen Äußerungen aufgefallen. Wenn er sein Amt jetzt drei Monate lang ruhen lässt, so klingt das wie ein Urteil auf Bewährung. Doch wer heute glaubt, Tönnies könne zurückkehren, als sei nichts gewesen, der irrt: Die innenpolitischen Debatten, die folgen, werden Schalke in eine Zerreißprobe führen.

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Der Aufsichtsratsvorsitzende hatte mit umstrittenen Äußerungen für Empörung gesorgt. Jetzt zieht er die Konsequenzen.

Weniger als das Urteil ist die Begründung das Problem. Denn Tönnies ist vieles, aber er ist kein Rassist, jedenfalls gibt das die aktuelle Beleglage nicht her, da gibt es hierzulande ganz andere Kaliber. Aber Tönnies hat eine rassistische Zote gerissen, und deshalb ist es irritierend, warum der Schalker Ehrenrat dies nicht klar so benennt. Wer eine Gruppe kollektiv beleidigt, Afrika, alle Afrikanerinnen und Afrikaner, äußert sich rassistisch. Das geht über den Vorwurf der Diskriminierung weit hinaus: Als solchen hat der Ehrenrat die Tönnies-Zote deklariert.

Natürlich ist dieser Rat eine Art Zunftgericht. Wer hinein berufen wird, ist nie völlig unbefangen, der ist Klubmitglied und hat ein Herz für Schalke. Die vierstündige Debatte aber soll, so ist zu hören, in Teilen kontrovers und scharf gewesen sein. Und dies, obwohl das notorisch klamme Schalke am Tropf des Clemens Tönnies hängt, des Milliardärs, der die Finanzströme speist und zu steuern weiß.

Königsblau ist keine Einheitsfarbe. Kurz vor seiner Paderborner Rede wurde Tönnies von nur 5599 der 9568 Wahlberechtigten im Aufsichtsamt bestätigt. Die nächsten drei Monate muss er nun selbst darüber richten, ob oder wie er zurückkehrt. Derweil Schalke entscheidet, ob es ihn überhaupt zurückhaben will. Einfach so geht das nicht. Das ist auch für die Bundesliga ein neuer und es ist ein demokratischer Prozess. In diesem sollte man der Urteilskraft der fast 160 000 eingetragenen Schalker vertrauen. Denn das Votum wird auf der Tribüne fallen.

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