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Tölzer Löwen:"Es wird ein Wettrüsten geben"

Bad Tölz will bis 2026 deutscher Eishockey-Meister werden. Geschäftsführer Christian Donbeck über die Ambitionen des Sponsors mit dem Zweitligisten.

Bei den Tölzer Löwen herrscht Aufbruchstimmung. Nach zwei Jahren, in denen der Klub in der zweiten Eishockey-Liga (DEL 2) bis zuletzt gegen den Abstieg kämpfen musste, soll es nun bergauf gehen. Steil bergauf. Hauptsponsor Cengiz Ehliz, der in Pressemitteilungen als "Visionär" bezeichnet wird, ließ vor dem Saisonstart an diesem Freitag (19.30 Uhr) in Bayreuth mit der Aussage aufhorchen, Bad Tölz wolle bis 2023 in die DEL aufsteigen und 2026 die deutsche Meisterschaft feiern. Ein Gespräch mit Löwen-Geschäftsführer Christian Donbeck über Ambitionen, realistische Ziele und das Ende der Heuchelei.

SZ: Herr Donbeck, mit welchem Gefühl gehen Sie in die Saison?

Christian Donbeck: Ich denke, dass wir im Sommer sehr, sehr gut gearbeitet haben. Wir haben in Kevin Gaudet einen sehr, sehr guten Trainer gewinnen können, mit dem zusammen wir eine sehr, sehr gute Mannschaft aufgestellt haben. Wir haben die Lizenzierung ohne Auflagen bestanden. Wir haben alles dafür getan, dass wir eine erfolgreiche Saison erwarten dürfen.

Wann wäre die Saison eine erfolgreiche?

Als wir vor zwei Jahren aus der Oberliga in die DEL 2 aufgestiegen sind, war der Klassenerhalt das Ziel, das wir mit viel Angstschweiß erreicht haben...

Im zweiten Jahr waren die Ziele schon andere, trotzdem musste das Team unter Markus Berwanger, später unter Scott Beattie wieder in die Abstiegsrunde.

In der vergangenen Saison sind wir sicher unter unseren Möglichkeiten geblieben.

Und nun?

Dieses Jahr sind die Playoffs das Ziel.

Eishockey Tölzer Löwen

Kommen und Gehen: Von den Spielern auf dem Bild ist nur noch Andreas Schwarz (Nr. 25) in Bad Tölz, zwölf Zugängen stehen 15 Weggänge gegenüber. „Von dieser Situation wollen wir wegkommen“, sagt Geschäftsführer Donbeck.

(Foto: Manfred Neubauer)

Kevin Gaudet hat bereits dreimal den Titel in der zweiten Liga gewonnen. Ihm zur Verfügung stehen zwölf Zugänge mit zum Teil höherklassiger Erfahrung wie Marco Pfleger oder Sasa Martinovic, die in den letzten Jahren noch in der DEL gespielt haben. Das weckt Ansprüche.

Auf dem Papier sieht das sehr, sehr gut aus. Aber das hat es letztes Jahr auch getan. Was uns gefehlt hat, waren vielleicht die Professionalität und der letzte Punch. In Shawn Weller oder Tyler McNeely haben wir jetzt Typen geholt, die wissen, was zu tun ist, um Spiele oder auch Meisterschaften zu gewinnen. Wenn man die Stimmung in der Kabine sieht, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir diesmal wirklich eine sehr gute Mannschaft in die Saison schicken.

Das sehen die Fans wohl ähnlich. 2000 verkaufte Dauerkarten sind nicht schlecht für einen Klub, der gerade noch in Abstiegsangst war.

Tölz hat nur 17 000 Einwohner. Als so kleine Stadt mit so einer bescheidenen Infrastruktur brauchen wir umso mehr Ideen. Unser Spielersponsoring zum Beispiel bringt uns zusätzlich einen hohen fünfstelligen Betrag. Das bedeutet sehr viel Arbeit. Bei uns gibt es keinen Sommerurlaub.

Wie hoch ist Ihr Budget?

Wir sind bei rund 1,9 Millionen Euro.

Kleiner Standort, schmale Infrastruktur - trotzdem hat Ihr Hauptsponsor angekündigt, dass die Löwen bis 2023 in die DEL aufsteigen und bis 2026 die deutsche Meisterschaft holen wollen. Ist das noch eine Vision? Oder eine Schimäre? Erzeugt so eine Aussage nicht unnötig Druck?

Wie jeder Klub in der DEL oder DEL 2 müssen wir zunächst mal auf unsere Wirtschaftlichkeit schauen. Dazu brauchen wir einen Hauptsponsor. Wir müssen mal aufhören mit dieser Heuchelei. Ohne Investoren könnten wir im Sport zusperren. Das ist in Mannheim, Nürnberg, Straubing oder Berlin ähnlich. Wir haben einen Hauptsponsor, der uns unglaublich unterstützt. Cengiz Ehliz (Onkel von Nationalspieler Yasin Ehliz, Anm. d. Red.) stammt aus Bad Tölz, seine Familie ist hier verwurzelt. Ohne ihn hätten wir die Lizenzierung vor zwei Jahren nicht geschafft, ohne ihn könnten wir Eishockey in Bad Tölz in dieser Form nicht bieten. Wir sind im Profi-Eishockey so etwas wie ein kleines gallisches Dorf...

Eishockey

Christian Donbeck, 47, ist seit April 2017 Geschäftsführer der Tölzer Eissport GmbH. Als Aktiver spielte er Eishockey für Rosenheim, Bad Aibling und Waldkraiburg. In seiner Freizeit trainiert er den Fußball-Bezirksligisten TSV Dorfen.

(Foto: privat / oh)

Mit dem Unterschied, das dieses gallische Dorf sich gerade anschickt, das römische Imperium angreifen zu wollen. "Wir wollen bis 2026 deutscher Meister werden", ist schon eine ziemlich offensive Kampfansage.

Herr Ehliz ist ein Visionär und Sportverrückter. So einem darf man es nicht verwehren, dass er auch mal einen raushaut.

Sie sagen "sportverrückt". Einige halten die Aussagen für Größenwahn.

Herr Ehliz und ich sitzen alle zwei Wochen zusammen. Und da habe ich ihm einmal aufgezeigt, wie viele Spieler aus Bad Tölz stammen und in der DEL spielen. Herr Ehliz hat dann gesagt: "Wenn wir die alle irgendwann bekommen könnten, wäre viel möglich." Ich finde, solche Gedanken darf man ruhig einmal durchspinnen. Wir werden ihm sicher nicht den Mund verbieten.

Gibt es so etwas wie einen Stufenplan?

Wir werden Schritt für Schritt das machen, was für alle das Richtige ist, mit möglichst vielen Eigengewächsen. Wir haben auch in diesem Jahr versucht, mit Spielern wie Pfleger, Christoph Kiefersauer, Timo Gams oder Dominik Kolb unserer Philosophie treu zu bleiben. Mit dieser Mischung wollen wir maximalen Erfolg haben.

Das heißt: die deutsche Meisterschaft?

Wir gehen in jedes Spiel, um es zu gewinnen.

Was ist der nächste Schritt?

Wichtig wird sein, dass wir dieses Jahr in die Playoffs kommen, dass wir im Dezember schon mit Spielern sprechen können. In diesem Jahr stehen zwölf Zugängen 15 Abgänge gegenüber. Von dieser Situation wollen wir wegkommen. Wir wollen in Zukunft früher planen können. Von der wirtschaftlichen Situation hängt nun mal auch der sportliche Erfolg ab. Nur kann man den leider überhaupt nicht planen.

Der EC Bad Tölz ist für seine Nachwuchsarbeit bekannt. Ist es angesichts dieser Ambitionen möglich, weiterhin mit so vielen Eigengewächsen zu arbeiten?

Immer nur zu jammern, dass Bad Tölz klein ist und keine Industrie hat, ist zu wenig. Wir dürfen uns nicht ergeben, sondern müssen neue Wege finden. Wenn sich dann der sportliche Erfolg einstellt, gehen auch die Zuschauer und die Sponsoren mit und fühlen sich in ihrem Engagement bestätigt. Dazu ist es ganz, ganz wichtig, das wir auch weiterhin in unseren Nachwuchs investieren. Wir haben in der Vorbereitung sehr viele junge Spieler testen können. Das Problem ist, dass die Spieler heute nicht mehr mit 18, 19 oder 20 den Verein verlassen, sondern mit 13, 14, 15 Jahren. Der eine geht zu Red Bull, der andere nach Mannheim, der Dritte geht nach Kanada. So was hat es vor 25 Jahren nicht gegeben. Aber jetzt ist es nun mal so.

Was wollen Sie dagegen tun?

Die Besten werden den Klub immer verlassen. Wir müssen versuchen, dass die Zweitbesten bei uns bleiben. Oder die, die mit 17, 18, 19, die schon mal bei uns in den Profibetrieb reingeschnuppert haben, hier bleiben, weil sie sagen: Das sind super Bedingungen, hier kann ich mich entwickeln, hier kann ich den Sprung in die DEL schaffen - aber mir tun noch zwei, drei Jahre gut in Bad Tölz. Das muss unser Weg sein.

Wäre das Stadion überhaupt DEL-tauglich?

Wir müssten einige Anforderungen erfüllen. Zum Beispiel müssten wir 350 Sitzplätze einbauen. Es wäre aber überhaupt kein Problem, das Stadion zu erweitern. Wir haben Logen, wir haben einen Videowürfel, wir haben eine zweite Eisfläche, wir haben TV-Kabinen. Das meiste, was es zu stemmen gäbe, könnte man in Zusammenarbeit mit der Stadt stemmen.

Von der Saison 2020/21 an ermitteln DEL und DEL 2 nach 17 Jahren erstmals wieder sportlich einen Auf- und Absteiger. Aus Frankfurt ist von Plänen für ein neues Stadion für bis zu 23 000 Zuschauer zu hören. Sehen Sie die Gefahr, dass sich mit der Aussicht auf den Aufstieg - oder aus Furcht vor dem Abstieg - Klubs wirtschaftlich überheben?

Frankfurt, Bietigheim, Kassel, Dresden, das sind Städte, die hundertmal mehr Einwohner haben als Bad Tölz. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die sich Gedanken machen. In solchen Metropolen ist vieles einfacher. Ich tippe darauf, dass es in den nächsten Jahren ein sauberes Wettrüsten zwischen vier, fünf Klubs geben wird.

Was ist wahrscheinlicher: der sportliche Aufstieg oder die Übernahme der Lizenz eines in Konkurs gegangenen Klubs?

Meiner Meinung nach könnte es sein, dass in den nächsten Jahren bereits jemand aufsteigt, bevor es sportlich möglich ist, ohne dass ein Konkurs passieren muss - zum Beispiel, wenn ein Klub sich entscheidet, keine DEL-Lizenz mehr zu beantragen.