Titelverteidiger in Hessen angekommen Helden als Komparsen

Mit der Kraft von 180 Millionen Herzen bezieht Brasiliens Nationalmannschaft Quartier in Deutschland.

Von Javier Cáceres

Auch Brasiliens Nationalelf nächtigt nunmehr in deutschen Landen, am Pfingstmontag landete der große Favorit auf den Weltmeistertitel in Frankfurt am Main, mit leichter Verspätung, kurz nach Mitternacht. In einem "von 180 Millionen Herzen bewachten Vehikel", wie es in Anspielung auf Brasiliens Einwohnerzahl auf dem offiziellen Bus der Reisegesellschaft heißt, ging es vom Frankfurter Flughafen hinüber ins idyllische Königstein im Taunus, das nun der Seleção als vorläufiges Domizil dient; nach der Vorrunde geht es weiter ins Rheinland nach Bergisch Gladbach.

Der Bevölkerung war die Ankunft der Brasilianer ein solches Fest, dass nur noch fehlte, dass die Massen auf den Gehsteigen Palmenblätter auf die Straße geworfen hätten - wie einst laut Bibel beim Heiland der Christen.

Für Rührung sorgte überdies, dass die Bediensteten der 5,5-Sterne Herberge in Königstein Spalier standen und, mit Rasseln bewaffnet, Tschakatschaka-Musik zum Besten gaben: "Ah, eu tô maluco", eine Weise aus dem brasilianischen Liedgut, die man auch oft in Fußballstadien Brasiliens hört.

Neuseeländer als Sparringpartner

Spalier hatte einige Stunden zuvor auch die Nationalelf Neuseelands gestanden - auf dem Rasen des Stade de Geneve, wo Brasilien sein letztes Vorbereitungsspiel souverän 4:0 (1:0) gewann. Dem Dritten der Ozeaniengruppe war die Ehre, durch Tore von Ronaldo, Adriano, Kaká sowie Juninho Pernambucano abgefertigt zu werden, deshalb zuteil geworden, weil auch Australien und damit eine wesensverwandte Mannschaft zu den Vorrundengegnern Brasiliens zählt.

Schon am Vorabend der Partie hatte Brasiliens Trainer Carlos Alberto Parreira das Ergebnis der nahezu zweiwöchigen Vorbereitung in Weggis "sehr zufrieden stellend" genannt, durch die Leistung gegen die Ozeanier fühlte er sich neun Tage vor dem ersten WM-Auftritt (gegen Kroatien in Berlin) bestätigt. Insbesondere mit dem Abwehrverbund zeigte er sich zufrieden. "Wenn wir bei der WM ebenso agieren, werden wir kaum überrascht werden", sagte Parreira.

In der Tat hatte Torhüter Dida nur in der ersten Halbzeit Situationen von latenter Gefahr zu überstehen, durch leichtsinnige Aktionen hielt Lúcio vom FC Bayern München den Adrenalinpegel seines Keepers auf akzeptablem Niveau. Lúcios Partner in der Innenverteidigung, Juan (Bayer 04 Leverkusen), hielt sich hingegen fehlerlos und hätte sich fast in die Liste der Torschützen eingetragen.

Auch sonst zählten die Defensivkräfte zu den auffälligsten Akteuren. Die massive Deckung der Neuseeländer im Zentrum wies den Außenverteidigern die Hauptrollen zu, das Magische Viereck (Ronaldinho, Kaká, Ronaldo, Adriano) begnügte sich lang mit Komparsendiensten.

Schlechte Chancenauswertung

Dennoch hatte Brasilien eine hohe Produktivität bei der Chancenerarbeitung aufzuweisen. Einzig die Verwertung der acht, neun Großgelegenheiten ließ Wünsche offen: "Das darf bei der WM nicht passieren", mahnte Trainer Carlos Alberto Parreira. Nach der Pause wurde eine der mutmaßlich größten Stärken Brasiliens bei der WM offenbar: Die Ersatzbank weist eine fast ebenso hohe Karatzahl auf wie die Stammformation. Die sukzessiven Einwechslungen von Robinho, Ricardinho, Cicinho oder dem Herthaner Gilberto belebten das Spiel.

"Es ist großartig, Professor Parreira immer wieder unter Beweis stellen können, dass er auf alle Spieler zählen kann", sagte der ebenfalls eingewechselte Juninho Pernambucano. Bei Olympique Lyon unumstrittener Regisseur, musste er in der Seleção darauf warten, dass ihm der emsige wie umsichtige frühere Bayern-Profi Zé Roberto Platz machte.

Nach der Partie gab Parreira seinen Spielern bis zum Montagabend frei. Ein paar Akteure setzten sich nach Mailand ab, wo ein brasilianisches Lokal bestes Fleisch aus der Heimat bietet. Für Ronaldo war die Freizeit aus anderen Gründen willkommen: Die Nähte an seinen neuen Schuhen haben ihm fünf Blasen geschlagen, eine ist derart wund gescheuert, dass das Fleisch durchschimmert.

Vom Mannschaftsarzt erhielt er eine Salbe zwecks Vernarbung verschrieben. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich bei der WM ein Problem haben werde", sagte Ronaldo. Kaká sandte anderweitig beruhigende Nachrichten in die Heimat: "Wir sind bereit."