Es ist wirklich nicht ganz einfach zu erklären, was Sabine Winter da seit vergangenem Dezember treibt. Der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) hat es kürzlich mit einem Vergleich versucht: Es sei wie der Umstieg von einem modernen Rennrad auf ein Hollandrad, mit breitem Sattel, Einkaufskorb am Lenker und Rücktrittbremse. Selbe Tätigkeit – und doch völlig anders, so gesehen kein schlechtes Bild. Unstrittig ist, dass sich Winter, die mit 32 nicht gerade am Anfang ihrer Tischtenniskarriere steht, noch einmal völlig neu erfunden hat, auf mutige und verblüffende Art.
Vor Kurzem war diese neue Sabine Winter bei der Weltmeisterschaft in Doha zu sehen, wo sie im Einzel in der dritten Runde verlor, im Doppel mit Yuan Wan aber um ein Haar die einzige deutsche Medaille geholt hätte. Unterwegs gab es einen Sensationssieg gegen ein chinesisches Topduo. Und am vergangenen Wochenende stand sie in der Bundesliga erstmals mit dem TSV Dachau im Playoff-Halbfinale, das dann allerdings in Hin- und Rückspiel gegen Serienmeister Berlin verloren ging. Rang zwei nach der Hauptrunde hatte ihr Team belegt, „das beste Resultat, seit ich mit dem Verein zusammenarbeite“, sagte Klubtrainer Alexander Yahmed – womit er auch die vielen Jahre meint, als alle gemeinsam noch dem TSV Schwabhausen angehörten. Und das also, obwohl ihre Anführerin mitten in der laufenden Runde beschlossen hatte, alles anders zu machen.
Was hinter dem Hollandrad-Vergleich steckt: Winter hat nach einer Experimentierphase ihren Rückhandbelag gewechselt, allerdings so, dass es weit mehr als ein kleines Detail darstellt. Dort klebt nun ein sogenannter Antitopspin-Belag auf ihrem Holz. Das ist neben kurzen und langen Noppen die dritte Alternative zu den üblichen griffigen Gummis, wie sie die meisten Offensivspielerinnen benutzen. Und es ist die, die man am seltensten antrifft, erst recht im Profibereich. Die Oberfläche ihres neuen Belags ist spiegelglatt, der Ball dreht sich darauf einfach weiter, statt katapultartig wieder herausgeschleudert zu werden, wodurch ganz andere Rotationen und Flugkurven entstehen als üblich. Dazu ist er extrem langsam.

Premiere beim Münchner DOK.fest:Von Aufstieg und Zerfall
In eindrücklichen Bildern dokumentiert der Kinofilm „Ping Pong Paradise“ die Geschichte des einstigen Tischtennis-Erstligisten TTC Neu-Ulm. Dabei kommt er nicht nur den Stars um Dimitrij Ovtcharov erstaunlich nahe.
Winters Gegnerinnen stehen damit vor völlig neuen Herausforderungen, weil sie es nun neben den flinken Beinen und der mächtigen Vorhand der sechsmaligen Europameisterin (im Doppel und Team) auch mit diesen unvermittelten Störbällen und Rhythmuswechseln zu tun bekommen. Zumal Winter den Schläger gelegentlich dreht, den „Anti“ plötzlich also auf der Vorhand einsetzt und auf der Rückhand ihre alte Schlagtechnik; und sie es sogar beherrscht, den Vorhandbelag durch Umklappen des Handgelenks auch auf der Rückhandseite einzusetzen, ein sogenannter Ufo-Schlag. Man sieht, wenn sie damit punktet, an den ungläubigen Gesichtern ihrer Gegnerinnen, dass ihnen eine solche Variante noch nie begegnet ist.
Allerdings steht, ehe all diese Vorteile zum Tragen kommen, natürlich auch Sabine Winter vor einer klitzekleinen Herausforderung: all das erst einmal hinzubekommen. Nach so vielen Jahren, in denen ihre Taktik und all ihre Automatismen einzig auf ihr geradliniges Angriffsspiel ausgerichtet waren.
Wie schnell sie das geschafft hat, ganz ohne Leistungsabfall, versetzt ihre Nationalmannschaftskolleginnen ebenso in Staunen wie die Bundestrainerin. Die Idee, erzählt sie, habe sie schon etwas länger mit sich herumgetragen, ausgehend von der Erkenntnis, dass sich gerade asiatische Topspielerinnen oft erstaunlich schwertäten gegen unorthodoxe Spielweisen.
Winter wurde nicht für Olympia in Paris nominiert – und experimentierte vor lauter Frust mit dem neuen Belag
Natürlich sei ihr Plan mit Skepsis verfolgt worden, „ich hatte ja selbst Zweifel“; und vor den Olympischen Spielen hatte sie die Umstellung ohnehin nicht gewagt. Aber dann war sie trotz Verletzung der deutschen Spitzenspielerin Ying Han nicht für Paris nominiert worden, was sie „in der Art, wie es gelaufen ist, ziemlich mitgenommen“ habe. Ein Sommer mit wenig Motivation war die Folge, da kamen die Versuche mit dem neuen Material, zu dem sie sich schon vorher vom spezialisierten Trainer Hermann Mühlbach Rat geholt hatte, gerade recht. „Man macht ja doch viele Jahre das Gleiche, daran hatte ich etwas den Spaß verloren“, sagt sie. Nun hatte sie eine völlig neue Aufgabe.
Ihr Klubtrainer Alexander Yahmed stand hinter dem Experiment, ließ es auch zu, dass Winter mitten in der Saison das Spielsystem veränderte, obwohl er wusste: „Für uns war das eine Riesengefahr.“ Aber er kennt die Führungsspielerin des TSV ja schon fast ihr gesamtes Tischtennisleben lang und weiß: „Klar ist sie schnell auf den Beinen, aber sie ist vor allem schnell im Kopf: Wie sie versteht, wie sie antizipiert, das ist unglaublich.“ Yahmed war guter Dinge, dass Winter das hinbekommen würde, und jetzt ist er sich sicher, dass sie noch viel stärker werden wird, je mehr Erfahrung sie mit dem neuen Material sammelt. Auch wenn der anfängliche Überraschungseffekt natürlich geringer wird.
Und stärker werden will etwas heißen. Denn einige Monate nach der Umstellung ist Sabine Winter bereits als weltranglistenbeste Deutsche zur WM gereist. Aktuell steht sie auf Rang 39, das ist nur noch drei Plätze unter ihrer bislang besten Weltranglistenplatzierung. Die stammt aus dem Jahr 2017, mehr als acht Jahre liegt das zurück. Danach plagten sie Schulterprobleme, die sie schließlich zu einer längeren Unterbrechung ihrer Profikarriere zwangen.
Die ersten Versuche bei Hermann Mühlbach habe sie eigentlich nur gemacht, um sich die Idee selbst wieder aus dem Kopf zu schlagen, denn „ich hatte nicht wirklich gedacht, dass das klappt“. Sie hat sich dann schnell vom Gegenteil überzeugt. Und dann hieß es lernen: Schlagwinkel, Treffpunkt, Härte anpassen, umdenken, geduldiger werden. „Am Anfang habe ich sehr viel gedreht und den Anti kaum eingesetzt, weil ich ihm noch nicht richtig vertraut habe. Aber es sollte ja nicht der Sinn sein, nur noch mit einem Belag zu spielen.“
Die Skepsis um sie herum ist längst dem Staunen gewichen, und Winter bedauert, dass sie ihre verrückte Idee nicht viel früher hatte. Ihre internationale Karriere hat wieder richtig Fahrt aufgenommen, und im Bundesligateam, in dem nur die nach Spanien wechselnde englische Nationalspielerin Tin-Tin Ho künftig durch Nachrückerinnen aus der zweiten Mannschaft ersetzt werden soll, wird sie weiter die Punktegarantin sein. Unberechenbarer sei sie nun, stellt sie fest, „wer mir auf die Rückhand spielt, weiß nicht mehr, was er bekommt“: Umläuft sie, dreht sie den Schläger oder setzt sie den Störbelag ein? Eigentlich sei der Antitopspin-Belag „verpönt“, gerade in unteren Klassen, als Mittel zur blanken Spielzerstörung. „Aber mir eröffnet er viele neue Möglichkeiten.“
Nach und nach will sie weitere Elemente in ihr Spiel einbauen, und auf dem Weg dorthin, das weiß sie, „wird es noch viel Verwirrung geben“. Bei ihr selbst, meint sie. Aber auch bei den Gegnerinnen.

